Was ist die europäische Identität?

In seiner Rede über die Zukunft der Europäischen Zivilisation stellt Alexander Dugin Europa zunächst in seinem geschichtlichen Zusammenhang dar, um die Frage nach der Identität Europas beantworten zu können. Für ihn ist Europa ein geschichtliches Phänomen, welches sich im Übergang von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft befindet. Wenn wir unsere Vergangenheit vergessen, können wir nicht mehr geschichtlich existieren, genauso wenig können wir aber nur in ihr Leben.

Das wesentliche an der Vergangenheit ist, dass sie auf die Zukunft hinweist. Es handelt sich bei der Geschichte also auch um einen Übergang. Dadurch erhalten wir unsere Identität, welche das Wesentliche Element ist und uns zu historischen Wesen macht. Die Geschichte ist dabei keine reine Abfolge von Geschehnissen, sondern ein Resultat der Sinngebung durch den Menschen. Ohne Interpretation der Geschehnisse kann es keine Geschichte geben. Wir müssen das Wesen dieses geschichtlichen Überganges verstehen. Bei der Frage nach der heutigen Identität Europas müssen wir erkennen, ob der gegenwärtige geschichtliche Moment einen Übergang oder einen Untergang darstellt.

Der Untergang des Abendlandes

Schon Oswald Spengler bezeichnete die Geschichte des modernen Europas als den „Untergang des Abendlandes“. Der Übergang bedeutet Zukunft. Der Untergang hingegen den Tod. Seinsgeschichtlich kommt es beim Untergang zum Verlust der Identität. Das Paradox des europäischen Unterganges liegt darin, dass Europa heute immer weniger europäisch wird. Europa verliert seine Identität und damit seine Daseinsgrundlage. Kern der europäischen Identität ist der europäische Logos, nicht eine konkrete Kultur oder Idenität.

Die Identität Europas nahm in mehr als 2000 Jahren verschiedene Formen und Strukturen an, das Logos aber blieb. Seinsgeschichtlich gesehen handelt es sich bei den Europäer um Sonnenmenschen, eine Zivilisation von Lichtbringern, welche zum Himmel beteten und eine vertikale Ordnung schufen, aber dennoch auch der Erde ihre Aufmerksamkeit widmeten. Der Himmel stand also nicht im Gegensatz zur Erde, sondern in Beziehung zu ihr. Dies ist der dionysische Aspekt der europäischen Identität.

Wie wurde also aus dem europäischen Übergang ein Niedergang? Dies geschah mit dem Anbruch der Moderne. Das Paradigma der Neuzeit stand im scharfen Gegensatz zu diesem Logos und begann mit dem Bau von Anti-Europa. Moderne, Aufklärung, Materialismus, Humanismus und Fortschrittsidee wurden zu Auslösern dieses Niedergangs. Diese Umwertung aller Werte führte schließlich zu den ersten Formen der Globalisierung, in der Europa als etwas universelles begriffen wurde und sich somit von sich selbst entfremdete. An die Stelle der olympischen Seele im apollinisch-dionysischen Logos trat das materialistische, prä-indoeuropäische Logos der Kybele. All dies ist mit der ersten Idee der Moderne, dem Liberalismus verknüpft.

Der Liberalismus will den Menschen von allen kollektiven Identitäten befreien, um das wurzellose Individuum zu schaffen. Die erste Stufe dieser Entwicklung war der Protestantismus, welcher den Menschen von der Kirche befreite. Heute versucht der Liberalismus den Menschen vom Volk, der Geschlechtsidentität und schließlich sogar im Rahmen des Transhumanismus von seinem Menschsein zu befreien. Heute wird für Gaypride demonstriert – morgen für Robotpride.

Als Antwort auf diese Entwicklung schuf Alexander Dugin gemeinsam mit Alain de Benoist die Vierte Politische Theorie. Diese neue Form des Antiliberalismus ist sowohl antikommunistisch als auch antifaschistisch. Sie kämpft gegen die heutige totalitäre Ausformung des Liberalismus, welcher uns von allen kollektiven Identitäten und damit von unserem Menschsein befreien will. So etwas wie eine individuelle Identität kann es nicht geben, da diese reiner Nihilismus ist.

Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger erkannten deshalb im Liberalismus den europäischen Nihilismus. Dies lässt sich auch am heutigen Liberalismus erkennen, welcher den Übergang in die Postgesellschaft vorbereitet. Dazu soll der Mensch von der letzten kollektiven Identität befreit werden, die ihn vom Individuum trennt: seiner Menschlichkeit.

Im Austausch für das ewige Leben soll der Mensch zur Maschine werden. Doch wer kann schon ein unendliches Leben haben? Nur die künstliche Intelligenz oder der Roboter, welcher von der Vergänglichkeit des menschlichen Körpers nicht betroffen ist. Der Geist wird damit zur Chimäre erklärt, die Seele als reines Produkt biologischer Reaktionen. Willkommen in der Matrix!

Durch diese logische Konsequenz des Liberalismus verlieren wir schließlich unsere Menschlichkeit. Denn die Menschlichkeit, so Heidegger, besteht letztlich im Sein-zum-Tode, dem Recht des Menschen auf seine eigene Vergänglichkeit. Die Wurzel dieser Entwicklung liegt im europäischen Universalismus, der Behauptung, dass die europäische Identität universell ist. Sie stellt eine Hybris dar, welche eine extreme Form der Selbstbehauptung ist. Aufgrund dieses universalen Prozesses hat Europa sich von sich selbst entfremdet und seine Identität verloren. Nicht umsonst definiert sich das moderne Europa dadurch, dass es jede Form von Identität bekämpft.

Karl Popper proklamierte schon in seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ den Kampf gegen alle Feinde des Liberalismus, also ihren Tod. Bedeutete dies im 20. Jahrhundert noch den Kampf gegen Faschismus und Kommunismus, so ist heute in der totalitären Phase des Liberalismus damit der Kampf gegen alle Identitäten gemeint. Auch sie müssen in den Augen der liberalen Ideologie sterben. Angesichts dieser Bedrohung stellt sich die Frage, wie wir aus dieser Entwicklung ausbrechen können.

Wie können wir Europa retten?

Doch wie können wir Europa retten? Zunächst müssen wir feststellen, dass wir Europa nicht mit technischen Mitteln retten können. Eine große Katastrophe ist unausweichlich. Wir können es nur geistig retten. Europa muss wieder zurück zu seinen traditionellen Werten, Christus und dem apollinisch-dionysischen Logos, zu. Dazu müssen die Europäer auch die Frage beantworten, ob es das Europäische Dasein, die europäische Identität noch gibt. Diese Entscheidung können nur die Europäer treffen. Der heutige Kampf ist nicht technischer, sondern metaphysischer Natur. Das größte Problem liegt darin, dass die meisten Europäer die heutige Situation nicht verstehen und glauben, dass alles so gut sei wie es ist. Wir müssen die Moderne in all ihren Facetten verstehen, den Fehler in ihr finden um aus ihr ausbrechen zu können. Nur wenn wir das europäische Logos retten, kann es eine Zukunft für Europa geben.

Europa muss im geistigen Sinne neugeboren werden. Europa muss stark, mächtig und europäisch sein. Es soll kein russophiles Europa sein, auch wenn das für die Russen zu einem Problem werden kann. Geopolitisch gesehen würde dies einen großen Schritt in Richtung Multipolare Welt bedeuten. Europa kann weder in einer unipolaren oder eine apolaren Welt eine Zukunft haben, sondern nur in der Multipolaren Welt! Nur in einer solchen Welt kann Europa seinen Platz finden und sich selbst behaupten.

Die Anderen sind dabei nicht unsere Feinde, sondern einfach nur die Anderen. Man muss den Anderen als etwas positives verstehen können. Wenn wir eine Identität über alle anderen stellen, verlieren wir unsere eigene. Dies war bis jetzt die logische Konsequenz des Eurozentrismus und der westlichen Hegemonie. Europas Stärke liegt nicht darin, dass es universell ist. Das war es auch nie. Europas Stärke liegt darin, dass es europäisch ist und seine Identität