All jenen, die mehr vom Partisanen der Schönheit lesen wollen, sei sein Buch "Durch Habsburg Lande" wärmstens ans Herz gelegt, welches Sie beim Karolinger Verlag unter diesem Link käuflich erwerben können.

 

20.05.2024

⁠Tag 24 | quasi Ruhetag; Sono - Santander; 10 km Stadtspaziergang

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Bei leichtem Nieselregen mit dem üblichen Schifflein nach Santander übergesetzt; Quartier in einfacher Pension neben der Markthalle.

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Das Schönste an Santander kommt aus Valencia, Sorollas Gemälde "Al bano", zu sehen im Centro Botin - gleiches Schema wie in Bilbao: Ein reicher Mann will sich ein Denkmal setzen, um damit seinen avancierten Kunstgeschmack, verbunden mit seiner Offenheit für das Neue, der Nachwelt zu überliefern.

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In diesem Falle hat Jaime Bontin aus der Banquiersfamilie der Banco Santander den italienischen Modearchitekten Renzo Piano angeheuert, der auch die Grablege des Hl. Padre Pio baulich geschändet hat, um in seiner Heimatstadt ein Ausstellungs- und Kulturzentrum zu bauen, das vor allem seinen Namen tragen muß. Das Ergebnis ist bei weitem nicht so spektakulär wie in Bilbao, aber Botin ist ja auch nicht Guggenheim.

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Vielleicht zehn Bilder der klassischen Moderne kann man hier sehen - der Sorolla ist das Beste - und dann folgen wieder leer Hallen von verkrampfter Originalität in minimalistischer Façon. Am nettesten waren in dieser Situation noch die auf hohen Barhockern arrangierten Wärterinnen anzuschauen, und die sahen nicht besonders aus.

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Dabei ist Santander doch zu preisen. Als frommste Diözese Spaniens war die Stadt einst bekannt und hat als letzte in ganz Spanien dem linken octroi folgend anno 2008 ihr Francodenkmal entfernt; befohlen von der Partito Popular, Schwesterpartei der ÖVP und ebenso konservativ wie diese; warum wundert mich das jetzt nicht?

Zwar neuer Ritus wie überall in Spanien (Vurschrift is' Vurschrift - Spanier sind sehr obrigkeitshörig), aber dezent und ohne Extravaganzen, so erlebe ich die Pfingssonntagsmesse in der Kathedrale, die wie alles hier bemühte Rekonstruktion ist.

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Zweimal nämlich hat das Schicksal der Stadt übel mitgespielt: 1893 flog die "Cabo Machichaco", die Dynamit geladen hatte, in die Luft und devastierte das gesamte Hafenviertel. 1941 brach ein Großbrand aus, der, durch heftigen Sturm angefacht, die gesamte Altstadt vernichtete und dabei eben auch die Kathedrale zerstörte.

Die Restauration und Rekonstruktion im Franco-Barock konnte das Verlorene nicht ersetzen, schneidet aber im direkten Vergleich zum rücksichtslosen Bauen von heute gar nicht so schlecht ab.

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Viel mehr hat Santander nicht zu bieten, außer einen Waschsalon und wunderbare Wirtshäuser, wo ich in einem Museo del Vino mit Studien den Tag abschließe.

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19.05.2024

Tag 23 | Laredo - Santoña - Arnuero - Bareyo - Somo; 32,6 km

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Die Sonne überrascht mich diesen Morgen - ich trage erstmals Sonnenöl auf und bin von übertriebenem Optimismus erfüllt.

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So schreite ich entschlossen aus, auf der 3 Kilometer langen Uferpromenade, auf der Suche nach einem Café, um mein Frühstück einzunehmen. Die erste Enttäuschung: So etwas gibt es hier nicht. Auf Nachfrage erklärt mir ein Einheimischer, die Appartementblocks seien sowieso nur im Sommer bewohnt und irgendwie brauche da niemand ein Café.

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Mit der üblichen kleinen Barkasse setze ich über die Bucht und finde tatsächlich in Santoña das Gewünschte.

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Der Ort ist scheußlich wie alles hier. Dafür kann ein gewaltiges Gefängnis mit Meerblick für seine Gäste auftrumpfen.

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Ich nehme die Diretissima, die Staatsstraße 141, mit gerade einmal 200 Höhenmetern, vorbei an den alten Orten. Die romanische Kirche von Bareyo hätte ich gerne besucht, doch sie ist natürlich geschlossen.

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Nachmittags der obligate Regen, nur leicht aber beharrlich. Um 17:30 bin ich am Ziel.

Das Schönste an Somo sind die Vokalität des Namens; ich erinnere mich an ein Waschmittel meiner Kindheit, meine Oma, Diktator Somoza und Sumoringer, die Assoziationen von Üppigkeit evozieren. Sonst ist wieder alles häßlich, nur nicht so großgeklotzt wie anderswo, dafür ist der Strand zu klein.

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Die Kirche kann nur als optische Blasphemie bezeichnet werden. Der geschichtslose Ort scheint auch keine andere Funktion zu haben, als einigen Surfern ein Revier zu bieten und Anlegestelle für das Boot zur Überfahrt nach Santander zu sein. Daher gibt es hier immerhin tadellose Gastronomie.

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Heute bin ich fast bei der Halbzeit: 47 Tage bis Santiago sind geplant, heute ist der 23. Tag und wie an allen davor bin ich wenigstens zeitweise im Regen unterwegs, bei Tagestemperaturen stets zwischen 7 und 17 Grad. Alle Stadtspaziergänge eingerechnet stehe ich jetzt bei exakt 578 km.

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Das alles war aber nicht mehr als ein Aufwärmtraining. Denn bald beginnen erst die harten Bergetappen. Das kantabrische Gebirge gilt es zu überwinden! Die Mauren haben sich das zu ihrer Zeit erspart und so blieb Cantabria der letzte freie Rest des Westgotenreichs. Hier begann die Reconquista.

781 Jahre Krieg! Manchmal braucht man einen langen Atem zur Rettung des Vaterlandes!

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18.05.2024

Tag 22⁠ | Castro Uridales - Iseca Vieja - Laredo; 26,8 km

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 Ein leichter Tag: kaum Regentropfen, kalt, doch teilweise sonnig, freilich stets ungewiß.

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Exzellente Straße parallel zur kantabrischen Autobahn, und die übernimmt den meisten Verkehr; gewiß der alte Weg, der möglichst direkt verläuft und die Höhe hält, daher gerade einmal rund 200 Höhenmeter.

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Auch erspart die Route etwa sieben Kilometer vom ausgeschilderten Pilgerweg, der wohl Wanderer befriedigen soll, aber nicht den Pilger, der möglichst schnell und mühelos sein Ziel erreichen möchte. Diese alten Wege haben sich freilich über die Jahrhunderte so bewährt, daß sie zu Straßen ausgebaut wurden, heute aber benutzt sie dank der Autobahn kaum mehr jemand.

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Ich treffe einen Pilgerbruder vom Vortag wieder, einen Profi, zehn Jahre älter als ich, in tadelloser Form, ein badensischer Kleinindustrieller von großer lebensweltlicher Tüchtigkeit, dabei aber ein frommer Katholik. Von seinem Hause aus ist er schon einmal in drei Monaten bis Santiago gepilgert, ebenso nach Rom, und kennt alle Pilgerwege im Italienischen; ein Profi eben, der deshalb ebenfalls die Straße nimmt.

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Mein neuer Freund sieht alles richtig. Die Schnoddrigkeit der Konzilskirche erkennt er ebenso wie die Abschaffung Deutschlands. Er weiß, daß Merkel sein Land in den Abgrund geführt hat; und doch ist ihm die AFD "zu steil": Der CDU "nochmal eine Chance geben!". Aber wozu? Sie hat all das verbrochen, was nun die rot-tiefrote (sprich grüne) Regierung konsequent umsetzt.

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Wir verstehen uns trotzdem prächtig und selten finde ich einen Pilger, von dem ich so viel lernen kann. Glück der Begegnung am Weg - nie wirklich zufällig, denn Zufall ist die Logik Gottes. ER läßt uns etwas zufallen!

 

In Isera Vieja - einem hübschen Ort, so weit ab der Touristenszone, daß er seine historische Bausubstanz erhalten hat und nicht niederbetoiert wurde - nehmen wir das übliche Menu del Dia, dann bleibt gerademal noch eine Stunde bis zum Ziel.

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Laredo hat den längsten Sandstrand Cantabriens, und dafür mußte es bitter büßen. Grausam zugekotzt mit Appartementblocks ist der gesamte Strand - und da hat sich nicht einmal irgendein Architekt die Mühe gemacht, sich hinfällig selbst zu verwirklichen. Da ging es nur um’s schnelle Geld. "Zack-Zack!", wie man gerade heute sagt...

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Dabei ist Laredo ein historisches Städchen. König Alphons II. hat hier im VIII. Jh. die Piraten abgewehrt und an der höchsten Stelle der Altstadt thront eine prächtige Kirche des 13. Jh., die selbstverständlich geschlossen ist.

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Im 19. Jh. hat man einen 220 Meter langen Tunnel durch den Hausberg gegraben, der in eine wildromantische Felsenbucht führt; warum habe ich allerdings nicht verstanden.

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Im Hafen speise ich vorzüglich und jetzt fehlt er mir besonders, mein neuer Pilgerbruder. Denn den Arroz Bogavante, Hummerrisottto, gibt’s nur für zwei. All meine Einreden nutzen nichts. Mit Spaniern kann man nicht verhandeln!

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17.05.2024

⁠Tag 21 | Pobeña - Baltezana - Santullán - Castro Uridales; 21,2 km

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Aufbruch von den Gestaden des Meeres über die Hügel; der eigentliche Pilgerweg an den Klippen ist wegen des Regens der vergangenen Tage abgerutscht, man muß die Straße nehmen, die sich, weil kaum befahren, als köstliche Alternative erweist.

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Sie steigt sanft an und hält die Höhe, wärend der Pilgerweg, der sie später berührt, immer wieder in den Graben abtaucht und dann wieder mühsam aufsteigt. Ich erspare mir Höhenmeter und zahle mit vielleicht zwei Kilometern mehr. Die durchwanderten Ortschaften sind irrelevant.

Auf Castro Uridales aber freue ich mich, ein im Mittelalter bedeutender Ort, der ab 1296 Haupt der "Hermandad de las Marinas" war, des Kooperationsverbandes aller Orte spanischen Nordküste.

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Kälte und Regen hier, in Aragon sind schon die Kirschen reif, doch Aragon ist weit.

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Die Annäherung an Castro Uridales läßt mich Schlimmes befürchten. Da wurde auch viel gebaut! Die Silhouette der Stadt versinkt hinter Appartementblocks der letzten 50 Jahre, die hingeklotzt wurden wie’s heute der Brauch.

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Ab der Calle de Jardines zeigt sich endlich die Schönheit der Stadt; in der Ferne Festung und Kirche, an der Uferpromenade bizarre, aber durchaus imponierende Jugendstilbauten. 

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Ich nehme Quartier in einer einfachen Pension an dieser Meile, schönes Stiegenhaus, mein Zimmer hat acht Betten, Blick auf’s Meer und kein Bad, das ist am Gang; das Wichtigste aber: Da steht ein Elektroheizkörper, was meinen Körper beglückt.

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Gerade mal für zwei Stunden, von 18 bis 20 Uhr, hält die Kirche ihre Pforten geöffnet - und da wird der Partisan der Schönheit mit dem Eindruck der bedeutendsten gotischen Kirche Kantabriens beschenkt.

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Die steinerne Madonna aus dem 13. Jh. thront in nobler Hoheit, und das Bild für den Sakramentsaltar hat Zurbaran gemalt. Andacht und edle Erhabenheit bestimmen den Raum.

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Das Herz des Pilgers lacht, und bald auch sein Magen denn in der "Masqueria Alfredo", dem besten Haus am Platz, gönne ich mir ein Festmahl, um meinen eigentlichen Eintritt nach Spanien zu feiern.

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Denn seit heute pilgere ich in Cantabria. Das ist klimatisch immer noch atlantisch, ich muß aber die irritierenden baskischen Buchstabenreihen nicht mehr lesen und der Wein ist besser.

16.05.2024

Tag 20 | Bilbao - Portugalete - Pobeña; 25,4 km

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Viele Museen habe ich schon gesehen. Das der schönen Künste in Bilbao wird mir als das Dümmste von allen in Erinnerung bleiben. 10.000 Werke besitzt es und 600 sollen ausgestellt sein. Der El Greco ist nicht darunter. Dafür kann man Möbelstücke der 1960er-Jahre bewundern, die mir von der Sperrmüllmulde bei Wohnungsräumungen geläufig sind.

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Gezählte sieben Werke der klassischen Malerei sind zu sehen: zwei Murillios, zwei Zurbarans, ein Ribera, ein Gentilesci und ein Van Dyck.

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Dafür sind ganze Zimmerfluchten ausgefüllt mit raumgroßen Plastiksäcken in weiß oder schwarz, die permanent durch ein Gebläse aufgeplustert werden - das Werk eines zeitgenössischen Lebenskünstlers aus Brooklyn, dessen Namen zu merken ich mich weigere.

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Der Auszug aus Bilbao zeigt so viel Scheußlichkeit, daß diese im Gesamteindruck als Dystopie schon wieder beeindruckend wirkt.

Es folgt ein leichter Weg entlang dem Rio de Bilbao, natürlich im Zirimiri. Ich werde dieses Vokabel in meinen Wortschatz übernehmen; im Salzkammergut wird es weltläufigen Eindruck machen - oder mich als "Weana Trottl" klassifizieren.

Portugalete berühre ich nur am Rande beim Durchstreifen seiner nördlichen Architekturjuwelen, bis ich das freie Land erreiche.

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Selig die Radfahrer, denn ihrer sind die guten Wege! So gleite ich gleichsam unbeschwert zwischen Autobahn und Schmierereien bis zum Meer.

  

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Doch halt, nach dem Bilbaoerlebnis sollte ich die Murales nicht so schnöde traktieren. Vielleicht handelt es sich um eine Außenstelle des Guggenheim Museums - dekorativer als das was ich dort gesehen habe, sind sie doch allemal!

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Die Brandung tost an der Küste. So stelle ich mir Irlands Gestade vor. Mir ist kalt. Ceterum censeo: Ich bin kein Atlantiker.

15.05.2024

Tag 19 | Bilbao; Ruhetag; Spaziergang 12,2 km

Es regnet. Bilbao gilt als die feuchteste Großstadt Spaniens. Drum ist es auch so schön grün rundherum. Die Stadt bleibt grau wie sie immer war, trotz aller Behübschung der letzten Jahrzehnte; denn Geld ist genug vorhanden.

Zirimiri - so nennen die Basken liebevoll ihren scheußlichen Nieselregen. In diesem erkunde ich zunächst die nähere Umgebung meines Quartiers, am Rande der Altstadt gelegen und dabei weltoffen vom Flair Afrikas umweht. Die Mohren fühlen sich in diesem Klima auch nicht wohl, sind aber gekommen um zu bleiben. 

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Ich wandere meine Straße westwärts und bin zunächst von der Liebenswürdigkeit heruntergekommener, beleibter alter Frauen erstaunt, die mir alle "Guapo" nachrufen, bis ich dahinter komme, daß ich mitten am miesesten Straßenstrich logiere. So häßliche Huren habe ich einzig einst im Hafen von Genua gesehen, hier aber ist es mir ein Rätsel, woher die Kundschaft kommen soll, da keine einschlägig ausgehungerten Seeleute nach großer Fahrt ihre Runden drehen.

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Die Gegend wird allmählich arabischer und ich nehme nun gerne die Dienste eines marokkanischen Barbiers in Anspruch; in der folgenden Chinesenzone finde ich alles für die notwendigen Einkäufe.

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Nun flaniere ich im Zirimiri durch Protzboulevards des 19. Jh., die von Norman Foster mit schmucken U-Bahn-Abgängen möbliert wurden, bis ich bei einer der Protzikonen der Moderne anlange: dem Guggenheim Museum. 

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19. Jh und Norman Foster

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Frank O. Gehry hat hier ohne Zweifel ein Meisterwerk geschaffen, auch wenn es im Regen nicht so zur Geltung kommt, wie wenn die Titanhaut das gleißende Sonnenlicht reflektiert. Das Ding ist freilich kein Gebäude und in diesem Sinne nicht Architektur, sondern eine begehbare Skulptur, ähnlich der Freiheitsstatue in New York.
Die Blickwinkel, Sichtachsen und die rhythmische Behandlung der Wandflächen beeindrucken ebenso wie die offenen Treppenhäuser mit immer neuen Perspektiven des Abgrunds. Mich wundert, daß bislang noch nie ein zeitgeistiger Selbstmörder die Gelegenheit genutzt hat, hier den Absprung zu wagen. Medienecho, kurzfristige Prominenz in den Abendnachrichten und ein starker letzter optischer Eindruck wären ihm gewiß. 

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Was im Bauch dieser Skulptur freilich gezeigt wird - Moderne nach 1945 - ist weder provozierend, noch revolutionär, mutig oder originell. Es ist einfach nur dumm, doch nicht so dumm wie die kunstbeflissenen Pseudoconaisseurs, die des Kaisers neue Kleider anglotzen. Weiß Gott, der Kaiser ist splitternackt! Wie sagte einst ein englischer Freund zu mir so treffend: "Modern art was made by God to punish rich people!" 

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Es gibt in Bilbao freilich auch ein "Museo de Bellas Artes", also auch einen Hort schöner Kunst. Das hat aber am Dienstag geschlossen und sperrt erst morgen um 10 Uhr auf. 

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Da ich durchaus niemals mehr in meinem Leben nach Bilbao kommen möchte, werde ich mit Glockenschlag 10 Uhr vor der Museumstür stehen und eben erst um 12 abmarschieren. Weit ist die morgige Etappe nicht und ein einziger El Greco rechtfertigt jede Planänderung. Alles für die Schönheit! Ups - war das jetzt vielleicht ein Nazi-Code, für den ich noch eingesperrt werde? 

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14.05.2024

⁠Tag 18 | Guernica - Larrabetzu - Bilbao; 30 km

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Beim Auszug aus Guernica sehe ich ihn endlich, den heiligen Baum von Guernica, einen Baumstrunk unter einem reizenden klassizistischen Rundtempietto, den zu zerstören der Legion Condor ebensowenig gelang wie die 15 Meter lange Brücke, über die ich das Städchen betreten habe. Einzig um diese zu zerstören wurde anno 1937 der enorme Luftaufwand getrieben - vergeblich!

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Jedenfalls war es nicht Ziel, die baskische Identität an ihrem Sakralort zu vernichten, denn von dem wußte der Freiherr von Richthofen gar nichts. Die ganze militärische Spezialoperation wurde auf Obristenebene rein technisch abgewickelt; bloß wegen der blöden Brücke - und die wurde nicht getroffen!

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Ich finde zu den Basken keine valide Einschätzung. Einerseits imponiert mir das urtümliche Alter ihrer Sprache, ihr entschlossener Freiheitsgeist und ihr zäher Widerstand gegen jeden Eindringling; andererseits sind die meine Freunde von Karl dem Großen bis Franco - ich bin also Partei.
Heute päsentiert sich der baskische Seperatismus jedenfalls als lupenreiner Nationalbolschewismus und schon deshalb mag ich ihn nicht.

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Die baskische Fahne zeigt auf roten Grund für das Land ein grünes Andreaskreuz für das gute alte Recht der Basken und ein weißes Kreuz für Gott. Wo war im baskischen Denken dieser Gott, als sie sich für ihre Seperatrechte bedenkenlos mit den satanischen Kommunisten von Stalins Gnaden einließen, die die blutigste Christenverfolgung in Europa seit dem alten Rom abfeierten?

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Schön ist die "steirische" Landschaft, durch die ich nun auf gutem Weg marschiere, weit mehr Höhenmeter und Kilometer als gestern, und ich gelobe: Nie wieder will ich vom rechten Pfad abweichen!

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Moral tadellos, um 18 Uhr treffe ich in Bilbao ein und entbiete Santiago in der Kathedrale meinen ersten Gruß.

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Das Hotel, wo ich zwei Nächte zubringen werde, ist deutlich teurer als die bisherigen Absteigen. Als ich meine Schmutzwäsche mit der Bitte um Reinigung zur Rezeption bringe, lehnt der Concierge rundweg ab und verweist mich auf eine Münzwäscherei in einiger Entfernung. Ich wende ein, in einem Qualitätshotel dürfe man doch ein solches Service erwarten. "Das ist kein Qualitätshotel!" gibt der Mann zurück.

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Draußen setzt schwerer Regen ein.

13.05.2024

⁠Tag 17 | Aulesti - Guernica; 16,3 km

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Die Bodenmatte für den Schlafsack habe ich nicht mitgenommen, da ich mit ausreichender Infrastruktur gerechnet habe und nicht mit "Quartier" im Freien. Die Machete habe ich nicht mitgenommen, da ich mit gangbaren Wegen gerechnet habe.

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Immer aber bringt das Pilgerleben Überraschungen. Bei trübem Wetter breche ich frohgemut auf und rechne mit einer Halbtagesetappe und Ankunft zum Mittagessen in Guernica. Mein selbst zusammengestellter Weg erspart mir beim Camino fast einen Tag. Heute gilt es nur 16 Kilometer und einen 500 m hohen Paß zu überwinden und dann munter ins Tal abzusteigen.

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Ich gehe es gemütlich an und raste nach jeweils 100 Höhenmetern kurz. Nach 300 Höhenmetern kommt ein Wegstück, das die Höhenschichtlinien sanft anschneidet und ich rechne mit einem geruhsamen Hangweg. Der Weg ist aber abgekommen, zunächst nur etwas verwachsen, dann gänzlich zugewachsen, dazu abgerutscht und von vermodernden Stämmen verlegt. Da ist ein Moment, wo ich weder vor noch zurück kann und meine Beine sind von Dornen blutig gekratzt.

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Irgendwie muß es aber gehen und ich klettere über Totholz und Dornengestrüpp nach oben, der Weg unter mir ist ins Tal abgebrochen.1 1/2 Stunden habe ich für eine Strecke von 800 Metern gebraucht. Gut, auch nach 20 Jahren Pilgern lerne ich dazu; hier konkret, daß man im Baskenland nicht markierten Wegen nicht trauen kann.

Umso schwieriger gestaltet sich der Abstieg, da ich nun die verzeichneten, aber verwachsenen Wege meide und nach Himmelsrichtung Forststraßen suche, die zu Tale führen.

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Guernica sieht nicht einmal so übel aus, wie ich erwartet hatte. Die heilige Stadt der Basken ist ja durch Picassos Bild und die zeitgenössischen Berichte des britischen Journalisten George Steer als Fanal für Grausamkeit und Massenmord des Bürgerkriegs im allgemeinen Bewusstsein.

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Franco selbst wollte kein Flächenbombardement der damals rund 5.000 Einwohner zählenden Kleinstadt, er wollte den Ring um Bilbao, das Zentrum der separatistischen Linksregierung des Baskenlandes, gesprengt wissen.

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Wolfram von Richthofen, Stabschef der Legion Condor, wollte einmal ausprobieren, was militärisch denn so alles geht. Das wollten die Amerikaner in Hiroshima und Nagasaki auch, als Japan bereits kurz vor der Kapitulation stand. 250.000 Tote waren dort die Folge. In Guernica kamen rund 250 Menschen ums Leben.

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"Think big!" sagt man schließlich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten...

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12.05.2024

Tag 16 | Elorriaga - Itziar - Deba - Mutriku - Ondarroa - Aulesti; 35,2 km

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Die einzige Straßenbeleuchtung über dutzende Kilometer erleuchtet strahlend hell den kleinen Kirchenplatz und damit mein Nachtquartier; ich ziehe meine Baskenmütze tief über die Augen und finde so schließlich Schlaf. Solche Quartiere verhelfen zu früher Tagwache. Bildschirmfoto 2024 05 12 um 10.41.51   Bildschirmfoto 2024 05 12 um 10.41.58

Gestern Abend sah ich die Lichter von Itziar und erwog, noch weiter zu gehen. Bei der schwierigen Topographie sind es aber doch 1 1/2 Stunden, bergauf und bergab, als Morgenspaziergang. Dort wie erwartet Häßlichkeit, aber eine schöne Kirche - immerhin.

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Keine Bar, kein Frühstück; das gibt es erst unten in Deba, gleichfalls von beeindruckender Scheußlichkeit; gerade mal ein altes Wappen hat sich erhalten, und es gilt wie stets: je kleiner die Familie, desto größer das Wappen.

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Nun habe ich die Route umgeplant um die sinnlosen Höhenmeter des kanonischen Weges zu vermeiden.

Ich gehe nun auf angenehmem Radweg die Küste entlang ins scheußliche Mutriku. Man kann all diese Häßlichkeit nicht nur dem Caudillo in die Schuhe schieben, denn die allermeisten architektonischen Verbrechen stammen aus unserer gloriosen Epoche. Auch am Strand nichts Schönes zu sehen.

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Also wieder hinauf; dort schaut’s aus wie irgendwo zwischen Vorau und Pischelsdorf. Mein Weg ist natürlich nicht markiert und ich muß penibel achtgeben. Donner und Blitz, dann Starkregen; die Interferenzen stören das GPS; im Blindflug nach Gefühl über den letzten Höhenrücken nach Aulesti; auch kein schöner Ort.

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Dort sprechen die Leute tatsächlich Baskisch; mich ermüdet es inzwischen, die unverständlichen Buchstabenfolgen mit lauter Ks und X' und Zs zu lesen.

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Nach zwei Tagen wieder eine warme Mahlzeit - nicht besonders gut, aber eben warm. Ein Zimmer für mich alleine, eine Gemeinschaftsdusche, und Warmwasser gibt es nicht.

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11.05.2024

⁠Tag 15 | San Sebastián - Orio - Zarautz - Zumaia - Elorriaga; 34,5 km

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Teuer hat der Partisan der Schönheit für die Schönheit hierzulande zu bezahlen. Steiler Aufstieg zu den Kammwegen, alldort dann herrlicher Blick, steiler Abstieg zu den Flußüberquerungen in den häßlichen Orten und sogleich wieder steiler Aufstieg, um Gottes Herrlichkeiten schauen zu können.

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So kamen heute rund 900 Höhenmeter zusammen. Die passierten Orte sind keiner Erwähnung wert.

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Die Landschaft: Oststeiermark am Meer.

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Die Buchungslage der Quartiere, auch der Pilgerherbergen, gleicht jener der Südsteiermark im Herbst.

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Alles ausgebucht; in Zumaia existiert die Herberge nicht mehr, doch die freundliche Meßnerin verweist mich auf die Albergue Santa Clara; Aufstieg 120 Höhenmeter; dort ist ebenfalls alles ausgebucht und auf mein Ersuchen, in meinem Schlafsack unter dem Vordach schlafen zu dürfen, jagt man mich fort; completo es completo - mit Spaniern kann man nicht verhandeln.

Ich ziehe meiner Wege; die Sonne geht um 21:20 unter. Im Weiler Elorriaga finde ich auf meiner Landkarte eine Bar verzeichnet. Vielleicht kann man vom Wirten nach üppiger Trinkzeche einen Unterstand erbitten.

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Die Bar existiert schon lange nicht mehr und ich nächtige wo es dem Pilger gebührt: unter dem Vordach des Kirchleins. Deus providebit!

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10.05.2024

 Tag 14 | Hendaye - Irun - Lezo - Passaia - San Sebastián; 26,3 km

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Am Morgen nehme ich endgültig Abschied von Konrad Markward Weiß, der sich nun nach Paris begibt, wärend ich mich nach Spanien durchschlage. An dieser Stelle sei er besonders bedankt, daß er auch weiterhin diese meine Texte durchsieht und die Schlampigkeiten des abendlich müden Pilgers ausmerzt. Außerdem sei dem Leser die von meinem theuren Freund geleitete Zeitschrift DER ECKART - allmonatlich mit einem "Streifzug" aus meiner Feder erscheinend - sowie die entsprechende Netzseite www.dereckart.at ans Herz gelegt!

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Hendaye bietet dem Besucher wenig Schönes. Das Wichtigste ist sowieso der Bahnhof. Am 23. Oktober 1940 ließ der Generalissimus Franco Adolf Hitler zunächst einmal dort warten; mit gebotener diplomatischer Verspätung traf der Spanier dann zu seinem einzigen persönlichen Treffen mit dem Führer des Deutschen Reiches ein.

Schmerzlich ist es gewiß, doch man muß einem Freund auch "nein" sagen können. Nein, Franco wollte nicht in den Krieg eintreten und er hatte auch nicht vor, den Deutschen die Kanaren als unsinkbare Flugzeugträger zu überlassen. Hitler soll die Beherrschung verloren und den Übersetzer vergessend gebrüllt haben, er hätte im Bürgerkrieg die falsche Seite unterstützt.

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Der Grenzübertritt gestaltet sich derart unauffällig - ohne jede Linie, Grenzsteine oder Fahnen - daß man nur deshalb merkt, daß man in Spanien ist, weil man es weiß.

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Die schönen französisch-baskischen Fachwerkhäuser findet man nicht mehr, dafür wenige klassisch spanische barocke Steinbauten und viel moderne Scheußlichkeiten.

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Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und im nördlichen Baskenland mußte der Caudillo in der Cruzada - meine spanischen Freunde entrüsteten sich, sagte ich "guerra civil" - hart den Hobel ansetzen. Das hatte architektonische Konsequenzen .

In Passia umschreite ich eine ausgedehntes Mündungsbecken, das einen gewaltigen Industriehafen birgt, der nicht schön anzusehen ist.

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Familien sieht man verträumt den großen Schiffen nachblicken und vielleicht denken sie an daheim.

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Im alten kleinen Hafen setze ich mit einer Barkasse über, wie das seit 1.000 Jahren hier der Brauch ist.

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Dies ist übrigens einer der Gründe dafür, daß der beliebteste Pilgerweg der über die Pyrenäen ist. Die Fährleute mußte man nämlich bezahlen, weit öfter einst als heute,  da es keine Brücken gab, und überdies hat der Camino Frances bloß drei Paßübergänge, nämlich eben die Pyrenäen, die Leoneser Berge und die Galicischen Berge.

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Am Camino del Norte geht es dauernd auf und ab, keine gewaltigen Gipfel, aber es läppert sich.

Um dem neuen Pilgerweg auszuweichen, der absichtlich über alle Kämme führt, bleibe ich an der Straße, die zu meinem Mißvergnügen zur vierspurigen Autobahn wird; zwei Kilometer in dieser Verkehrshölle gleichen zehn im Gelände.

Passia geht irgendwo in San Sebastián über, ein Ortschild sehe ich nicht.

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San Sebastian - Abneigung auf den ersten Blick: großkotzig neureich ohne Tradition; macht ein bißchen auf Paris, kann es aber nicht.

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Wegen des Feiertages ist kein Quartier zu bekommen. Ich ergattere ein Bett im Achterzimmer in einer Pilgerherberge , schon recht abseits vom Zentrum. Dort gäbe es etwas zu essen, doch ich bin zum Ausgehen zu müde. Trostschokolade aus Bayonne schließt den Tag. Heute hatte der pralle Pilger nichts zu lachen!

09.05.2024

13.⁠ ⁠Tag; Bayonne - Bidart - St. Jean de Luz - Hendaye; 34 km

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Durch Vaubans Festungswälle, die die Stadt im Süden und Westen schirmen, verlasse ich Bayonne. Militärisch ging‘s hier immer zu. Das Bajonett wurde 1640 hier erfunden und hat seinen Namen von da ; und nicht weit von meinem Weg, im Schloß Marracq, das heute in Ruinen liegt, entschied sich einst das Schicksal Spaniens.

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Die Bourbonen haben als Dynastie Spanien nie gutgetan und so zitierte Napoleon Vater und Sohn der verkommenen Familie nach Marracq, um hintereinander abzudanken, damit sein Bruder Joseph die Firma übernehmen konnte, die Spanien heißt.

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Gnadenwetter ist dem Pilger im Baskenland gegeben; und der prachtvollste Weg der ganzen bisherigen Wallfahrt, hoch über der zerklüfteten Küste. "Hoch über" heißt aber auch rauf und runter, und das strengt an. Nach den Landes muß ich mich erstmals wieder an Höhenmeter gewöhnen.

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Bidart ist entzückend und in gehobener Feststimmung, denn heute, am 8. Mai, ist Feiertag in Frankreich. Die "Fille ainé de l‘Eglise" begeht wohl so den Festtag der Erscheinung des Erzengels Michael am Monte Gargano und den Triumph der Hl. Jeanne d‘Arc bei Orleans, jeweils am 8. Mai geschehen.

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Durch atemberaubende Landschaft nach St. Jean de Luz, das bestimmt ein bezauberndes Städchen ist, wegen des Feiertags aber so überlaufen, daß man den Ort nicht sieht. Touristenmassen tummeln sich wie in Venedig zu Feragosto. Louis XIV. nahm hier seine Gemahlin Infantin Maria Teresa in Empfang und erhielt den Segen in der Kirche. Er blieb mehr als ein Monat, gewiß um die frisch Angetraute näher und intimer kennenzulernen.

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Wohl alles sehr schön hier, doch ich fürchte die Massen und flüchte nach Hendaye, auf köstlichem Pfad die Küste überblickend.

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Nahe dem Ortsanfang von Hendaye darf ich bei der Tante des theuren Freundes und kurzfristigen Pilgerbruders Konrad Markward Weiß üppigste Gastfreundschaft genießen.

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Doch ich bin müde. Dabei fangen die Bergwertungen ab Spanien erst richtig an. Da friert man dann nicht!

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08.05.2024

Tag 12 | Ruhetag in Bayonne; 7 km Spaziergang 

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Bayonne lohnt einen Ruhetag. Die bezaubernde Stadt im äußersten Südwesten Frankreichs war stets heißbegehrt. Die Engländer hielten diesen Teil der Mitgift der Mutter des Richard Löwenherz bis 1451, und sogar ein britischer Thronfolger wurde hier geboren. Dann versuchte Spanien mehrmals seine Grenzlinie hier zu arrondieren - vergeblich. Französisch blieb dieser Teil des Baskenlandes, und baskisch ist er auch irgendwie.

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Im reizenden Baskischen Heimatmuseum frage ich die zuständige Dame, wer denn eigentlich Baskisch spricht. "Ich" gibt sie etwas zögerlich zur Antwort und bekennt, daß auch sie die Sprache ihrer Vorfahren in gewißer Weise nachlernen muß. "C‘est difficille avec les petites langues en France" sagt sie bitter und verweist dann gleich auf die occitanischen Varietäten von Gascognisch und Béarnisch. Letzteres hat übrigens die Dame in Lourdes gesprochen...

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Baskisch ist etwas ganz anderes, uns völlig unverständlich und datiert vor der indogermanischen Einwanderung vor rund 4.000 Jahren; gewissermaßen die Sprache der Ureuropäer, deren spärliche Reste sich in den abgelegenen Tälern der Pyrenäen erhalten haben. Rund 50.000 Specher auf französischer und 700.000 auf spanischer Seite gibt es noch. So kann es kommen, wenn zu viele Fremde kommen!

Ich liebe Heimatmuseen, die stets einen familiären Blick auf das Eigene geben. Man wird so in die gute Stube der Einheimischen gebeten und nimmt an ihrem Leben Anteil, mit all seinen verspielten Details jenseits einer internationalen Hochkultur.

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So zeigt man hier die typische Teufelsmarionette, die beim örtlichen Puppenspiel den spaßigen Namen "Mahomet" trägt.

"Chistera", ein traditionelles Ballspiel, hat im Volksleben eine große Rolle gespielt, wie auch der Volkstanz, dessen pittoreskes "Zalalzain"-Kostüm jede "Drag Queen" in den Schatten stellte - und der Tänzer war nicht einmal schwul! Mehr hätte er nicht gebraucht im erzkatholischen Baskenland!

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Beim Flanieren ist es schwer, voranzukommen - denn die zahlreichen Chocolatiers üben eine starke Gravitation aus. Ja, Schokolade aus Bayonne ist etwas ganz Besonderes. Wie ich überhaupt französische Schokolade für die Beste der Welt halte und ich nicht verstehe, wie das picksüße Zeug aus der Schweiz in diesen Ruf gekommen ist. Wirklich gute dunkle Schweizer Schokolade versucht wie Französische zu schmecken!

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Die höchste Reverenz in Bayonne freilich hat der Santiagopilger dem Heiligen Jakob zu erweisen, und den muß er erst einmal finden! War auch stets die Kathedrale eine wichtige Station auf der Wallfahrt, merkt man davon im noblen gotischen Kirchenbau nichts. Die Revolution hat allen Schmuck des Hauptportals in teuflischer Zerstörungswut vernichtet und auch im Innenraum finde ich keine Jakobuskapelle.

Den Geistlichen bitte ich um einen Stempel für mein Credidential, den Pilgerpaß, den ich in Santiago werde vorlegen müssen und frage ihn, ob er denn so gar keinen Santiago hat.

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Dann zeigt er ihn mir im Ensemble des letzten Glanzes des mittelalterlichen Skulpturenschmucks. Das Südportal, das in den Kreuzgang integriert mit vorgeblendeter Sakristei heute von eben dieser in den Dom führt und den normalen Gläubigen unzugänglich bleibt, haben die Satansjünger der neuen Gleichheitsreligion nicht gefunden.

Jetzt stehe ich in der heutigen Sakristei an der Stelle, wo sich die mittelalterlichen Santiagopilger zum Aufbruch sammelten und ich grüße den Apostel, der uns mit seiner Muschel hier als Pilger vorgestellt wird.

Drüben im Spanischen werde ich ihn bald als "Matamoros" antreffen.

Beide braucht‘s!

07.05.2024

Tag 11 | Reservetag; Bayonne - Lourdes - Bayonne per Eisenbahn; Spaziergang 12 km

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Zweimal war ich in meiner Jugend in Lourdes und habe kaum Erinnerungen daran. Der Gnadenort in den Pyrenäen ist auch so abgelegen, daß man einen Besuch auch nicht mit anderen Reisen verbinden kann. Er erheischt eine eigene Wallfahrt. Von Bayonne freilich, wo man ja auch nicht so leicht vorbeikommt, ist es mit der Bahn nur ein Abstecher von rund eineinhalb Stunden in eine Richtung und ich habe ja zusätzlich zu den Ruhetagen noch einen Reservetag! Kurzentschlossen nutze ich ihn zur Bahnwallfahrt in einen der bedeutendsten Gnadenorte der katholischen Christenheit.

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Anno 1858 hatte das halb analphabetische 14jährige Mädchen Bernadette Soubirous in der Grotte Massabielle achtzehn Mal die Erscheinung einer jungen Dame in weißem Kleid mit blauem Gürtel und goldenen Rosen an den bloßen Füßen. Schon nach den ersten Erscheinungen erregte das Mädchen mit seinen Erzählungen große Aufmerksamkeit, sodaß ihm zahlreiche Neugierige zur Grotte folgten und die Behörden Bernadette einer strenger Befragung unterzogen.

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Daß sie den kirchlichen Behörden sagte, die Dame hätte sich als "unbefeckte Empfängnis" zu erkennen gegeben, gab den Ausschlag, daß Rom die Erscheinungen als Bestätigung des zwei Jahre zuvor verkündeten Dogmas anerkannte. Denn dieses schlichte Kind vom Lande konnte keine Ahnung von der Komplexität und Kühnheit dieses Begriffes haben.

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Im Gegensatz zu La Salette und Fatima gab es zu Lourdes keine großen Prophezeiungen, nur immer wieder den Aufruf zur Buße, der im Grunde auch bei allen anderen Erscheinungen im Mittelpunkt steht. Auf himmlischen Zuruf hat Bernadette in der Grotte eine Quelle geschlagen, die noch heute sprudelt und der tausende Wunderheilungen zugeschrieben werden. Soweit die Historie.

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Wallfahrtsorte aus dem späten 19. und 20. Jahrhundert haben zunächst das Unglück, daß in ihrer Zeit kirchliche Kunst bereits im Niedergang begriffen ist und man um gutes Geld solide Sakrakarchitektur kaufen kann, der aber jeder genialischer Funke fehlt. Es ist kein Zufall, daß eine der wenigen Kirchen dieser Zeit, wo Meisterschaft und Ingenium aufblitzen, die Kirche eines Irrenhauses ist, die am Steinhof zu Wien (siehe Bilder unten).

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Somit ist der Baubestand der Jahre bis zum Konzil künstlerisch uninteressant, und von den geistigen Verwirrungen danach will ich schweigen. Die unterirdische Basilika für 25.000 Menschen, die in frecher Anmaßung dem Hl. Pius X. geweiht ist, habe ich mir gar nicht anzusehen angetan.

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Die Kitsch- und Devotionalienläden scheinen mir noch scheußlicher als anderswo und insgesamt ist der ganze Ort häßlich.

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Und doch weht da ein Geist echter Katholizität. Viel Klerus noch als solcher erkennbar auf den Straßen, Nonnen und Mönche im Habit, Priester in Soutane und römischem Hut und sogar Bischöfe, die ordentlich gekleidet sind. Einem Priester mit Capello Romano rufe ich aufmunternd zu, daß der Herr Franz in Rom das wohl nicht gerne sieht und der Angesproche lacht breit: "Non, pas du tout!".

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Das alles sind Äußerlichkeiten, gewiß! Aber wie Form und Inhalt zusammenfallen fühlt man endlich am Erscheinungsplatz, der uns unverändert das Bild des Jahres 1858 zeigt; nur in der Nische, wo Bernadette die Dame sah, steht deren Statue, die der Bildhauer Joseph-Hugues Fabisch genau nach Bernadettens Angaben fertigte.

Es nieselt und es ist kalt. Die Kniebänke vor der Grotte sind mit Betern gefüllt. Auch ich knie nieder und bete den Rosenkranz für meine Familie, die Freunde daheim und ganz besonders die Kranken.

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Mir ist nicht mehr kalt. Noch nie habe ich alle drei Rosenkränze unmittelbar hintereinander gebetet, noch dazu im Regen. Irgendetwas ist da, in Lourdes...!

06.05.2024

Tag 10 |  Capbreton - durch das Agglomerat - Bayonne; 20,1 km

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Morgens in hellem Sonnenschein vorbei an lieblichen Häuschen, entlang der Kanäle, durch wirkliche Wälder - ich bin im Baskenland!

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Hier wie an der ganzen Atlantikküste erfreut sich das Campen großer Beliebtheit. Der Campingwagen kann gar fast die Größe des Wohnhaus erreichen, was mich dann doch verblüfft, ebenso wie jener ausgesucht scheußliche Campingplatz zwischen Bahntrasse, Departementsstraße und Adour-Kanal, der sich bei näherem Hinsehen freilich als Dauersiedlungsplatz von Zigeunern entpuppt; ob ihn Sinti oder Roma bevölkern, kann ich nicht sagen.

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Der mächtige Fluß Adour hat seit der Antike mehrmals seinen Lauf geändert und mündete einmal nördlich von Capbreton ins Meer. Als Bayonne zu versanden drohte, ließ König Karl IX. ihn in sein heutiges Bett umleiten - Zeugnis des segensreichen Wirkens dieses Königs, der durch die Batholomäusnacht zu Unrecht ins Gerede gekommen ist. Dabei mußte das tatsächliche Ausmaß jenes Happenings zu Paris jeden hardcore Katholiken enttäuschen, wie Leon Bloy in seiner "Auslegung der Gemeinplätze" beklagt.

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Die Adour ist heute bei Bayonne ein mächtiger Industustriekanal und der Einzug in die Stadt an seinem Ufer kein Sonntagsspaziergang. Doch Städte müssen nun einmal leben, vom Handel und Wandel; und der Wandel bringt sie dann auch, die Neufranzosen, die das Bild so bunt machen.

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Am Tor zur Altstadt ist ihm ein mächtiges Denkmal gesetzt, dem Kardinal Lavigerie, geboren zu Bayonne 1825, gestorben in Algerien 1892. Er gründete den Orden der Weißen Väter - dem später Erzbischof Levebvre vorstand - für die Mission in Afrika, wohl um den Menschen dort vor Ort das Himmelreich zu erschließen. Viele dieser Menschen sind nun da, rechtgläubigen Katholizismus wiederum findet man heute eher in Afrika als hierzulande.

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Sonst trumpft Bayonne mit allerlei Köstlichkeiten auf. Die "Dunes Blanches" haben es mir besonders angetan, doch auch sonst ist die Patisserie hier vom Feinsten.

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Am Abend gibt‘s "Cocotte de Boef", ein heißes Schmorgericht, denn es ist kalt. Dazu schwerer Regen - ich bin am Atlantik.

05.05.2024

Tag 9 | Léon - Moliets er Maâ - Vieux Boucan les Bains - Plage des Casernes - Le Penon - Soorts -Hossegor - Capbreton; 31,7 km

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Nieselregen und erstmals seit Beginn der Wallfahrt leicht hügeliges Gelände, oder besser Bodenwellen.

Der Pilger hat ohnehin schon wegen des Gewichtes wenig Besitz, der ist aber umso wichtiger und Verluste wiegen schwer. Im Nieselregen habe ich meine beschlagene Brille am Außenriemen des Rucksacks befestigt, wie ich das immer tue - jetzt ist sie allerdings weg. Mir bleibt die Sonnenbrille, in einem Land ohne Sonne. Ceterum censeo: Ich bin kein Atlantiker. Vielleicht kann ich bei meinem längeren Aufenthalt in Bayonne eine Notbrille organisieren, ansonsten sehe ich die Welt eben mit den Augen der Impressionisten, scharf jedoch nur im hellen Sonnenschein.

Überreicher Trost wird bald darauf dem desperaten Pilger geschenkt, in Vieux Boucan les Bains, im "Les Têtes d‘Ail": la meilleure table du pelegrinage - ohne Empfehlung, ein Zufallsfund, und ohne Zweifel einen Michelin-Stern wert! Das Doradentartare mit Avocadoschaum bleibt in Erinnerung.

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Unbebrillt dem Meere zu, endlich führt der Pilgerweg über die Dünen und nun habe ich das, was der theure Konrad Markward Weiß sich eigentlich für den ganzen Marsch erhofft hatte: Kilometer an endlosem Sandstrand. Das Bild ist atemberaubend und sowieso impressionistisch! Farben, Brandung, würzige Seeluft - ein Gesamtkunstwerk von packender Kraft!

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Sehr beglückend anzusehen, jedoch sehr mühsam zu durchschreiten. Gewiß, mit bloßem Fuß im lockeren Flanierschritt ein reines Vergnügen, nicht aber mit schwerem Bergschuh und einem 20-Kilo-Rucksack.

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An der Wasserlinie ist der Sand hart, und doch sinke ich ein bis zwei Zentimeter tief ein, manchmal aber auch tiefer, und manchmal muß ich vor überraschenden Wellen zurückweichen; manchmal kommen diese so schnell, daß das Schuhwerk schlußendlich doch naß ist.

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8 km könnte ich hier bis zum Ziel geradeaus voranschreiten und die vom ewigen Regen reingewaschene Luft läßt mich die Berge der spanischen Küste erblicken, rund 50 km weit entfernt.

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Nach einem Kilometer aber gebe ich auf und kämpfe mich über die Dünen zurück auf die Straße. Dort grüßen die Bettenburgen, ganz so, wie ich sie auch aus dem Zillertal kenne - und genau wie im Zillertal gibt es garantiert keinen Meerblick. Die Avenue du front de mer führt zwischen Hotelkomplexen und ebenso hohen Dünen hindurch.

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Dann kommen moderne Häuschen von Zweitwohnsitzlern, aber geschmackvoller als im Zillertal!

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Die saisonale Gastronomie öffnet erst nächste Woche, doch in einer Bar wird schon aufgeräumt und ich bitte um Wasser. Der Patron - Sportsman, Surfschulenbesitzer und sehr heutig - bewirtet den Pilger mit Liebenswürdigkeit und bittet um sein Gebet. Ich bin erstaunt. Wir setzen uns zusammen, rauchen und plaudern. Nie zuvor haben wir einander gesehen und doch ist da eine Verbindung. Er spricht zu mir von der Coronahysterie, vom Skandal des soeben von den Mächtigen unterschriebenen WHO-Vertrages, dem Irrsinn des Ukrainekrieges und dem Genozid in Gaza, der aufsteigenden elektronischen Diktatur und der Ohnmacht des Volkes. Ich höre zu, stimme zu und bin abermals erstaunt: Wie gelingt all das den Mächtigen, obwohl es dem Volk nun reicht? "Smart Management", so glaube ich, nennt man das...

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Die Luft ist von schwerem Jasminduft geschwängert und sinnend über das Erlebte klopfe ich die letzten paar Kilometer herunter. 

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Ich komme nun durch schicke Villenviertel und das belebte Zentrum Hossegors, das ein bißchen auf "Grand Boulevard de Paris" macht.

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In Capbreton mein Pilgerbier, und dann die köstliche, schwere und fette französische Fischsuppe. Die braucht‘s, am windigen Atlantik!

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Großartiger Typ; mein Gesprächspartner

04.05.2024

Tag 8 | Mimizan - Bias - Saint Julien en Borne - Lit et Mixe - Saint Girons - Vieille - Léon; 40,3 km

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Gott ist gut, der Pilger dankt! Tadelloses Pilgerwetter, morgens etwas frisch bei 8°, bewölkt und gelegentlich Sonne, nachmittags dann bis zu 17°. Damen, die meinen Weg begleiteten, geißelten mich stets als weibisch, was das Wetter anlangt. Sie mögen Recht haben, ich mag den Regen nun einmal nicht leiden. Ich bin kein Atlantiker!

Heute wettermäßig kein Grund zur Klage, dazu noch gute Infrastruktur in den Ortschaften. In Lit et Mixe sehe ich aus der Ferne einen bemerkenswerten Kirchturm mit Unserer Lieben Frau von Lourdes - von hier aus ist Lourdes nicht mehr sehr weit. Sie ruft mich wohl zu einem Besuch...

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Landschaftlich im Westen nichts Neues: Holzplantagen; ich bleibe auf der Straße, die mir mindestens 8 km Umweg durch die Insektennester erspart. Ein überaus freundlicher alter Herr will mich auf den Pilgerweg zwingen und hält seinen Wagen, um mich buchstäblich an der Hand auf den rechten Weg zu führen. Ich lehne dankend doch bestimmt ab, was ihn erzürnt: "Vous voulez vous tuer", "Sie wollen sich wohl umbringen", ruft er mir beim Wegfahren zu und spuckt aus. Pas encore !

Hübsche Fachwerkhäuser am Weg und ich frage mich, wann die Fachwerkhäuser in Österreich eigentlich verschwunden sind. Am Schottenaltar auf der ältesten Stadtansicht Wiens sieht man sie noch und in der Oberstadt von Bregenz haben sich ein paar erhalten; sonst ist meine Heimat eine der wenigen Regionen Europas ohne diese attraktiven frühen Fertigteilhäuser.

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Alle Orte am Weg anmutig mit lockender Kulinarik; der Verkostung des Tariquets zu widerstehen - eines trockenen lokalen Weißweins, den mir der theure Konrad Markward Weiß erstmals vorgestellt hat - zwingen mich die 20 km, die noch vor mir liegen.

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Sonst spielen alte weiße Männer mit schönen alten Autos, konkret schrauben zwei Mann an einer Citroën-Ente, dem berühmten 2Cv, dem erfolgreichsten Modell der französischen Automobilindistrie, von 1949 bis 1990 fast 4 Millionen mal gebaut. Nur die Gemeischaftsproduktion von Ferdinand Porsche mit dem sonst als Autodesigner nicht weiter in Erscheinung getretenen Adolf Hitler konnte als VW-Käfer, produziert von 1938 bis 2003, diesen Rekord schlagen.

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Ein Missionskreuz am Weg erinnert an die einst auch bei uns gebräuchliche Übung, die geistliche Formation der Ortschaft auf Vordermann zu bringen. Da kamen meistens zwei Kapuziner von auswärts, blieben ein bis zwei Wochen, predigten den Kathechismus und nahmen am Ende ihres Aufenthaltes die Beichte ab; sehr hilfreich, wenn man den Ortspfarrer zu gut kannte; gewissermaßen Exerzitien für die Dorfgemeinschaft. In Vieille geschah dies 1939; müßig zu erwähnen, daß der Brauch seit dem Konzil völlig abgekommen ist.

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Auch Léon macht einen guten Eindruck, und auf die französische Küche ist immer Verlaß.

Wenn es jetzt noch wärmer werden sollte, geht es dem Pilger wie Gott in Frankreich!

03.05.2024

7. Tag; Parentis-en-Born - Pontenx-les-Forges - Saint Paul en Born - Mimizan; 25,3 km

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Sonnenschein; Nieselregen; kurze kräftige Güsse mit Hagel; Sonnenschein;
dazu stets ein scharfer Wind. Ich werde nie Atlantiker !

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Ab Mittag bloß Sonne und Wolken; immer kalter Wind.

Marsch durch die Holzplantage an der Départementsstraße, da weiche ich den Insekten aus.
Ein Waldspaziergang wär’ das ohnehin keiner geworden, da die konsequente
und segensreiche Aufforstung durch Napoleon III. rationale Baumreihen gezogen hat,
Kilometer um Kilometer. So entstand die größte zusammenhängende
Forstfläche Westeuropas; aber Wald ist das keiner.

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Schnurgerade 15 km bis Pontenx-les-Forges. Die Forges, die Schmieden,
gibt es längst nicht mehr, ebensowenig wie die Porzellanproduktion.
Beide gingen auf das dynamische Wirken des Grafen von Rollye zurück.
Dessen Schloß findet ich ebensowenig wie ein geöffnetes Speiselokal.
Auf den Stufen des Bureau Tabac verzehre ich die letzten Reste der
charcuterie und trinke einen Kaffee aus dem Pappbecher, den man hier bekommt.

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Vor der Kirche - die sogar offen und bewohnt, aber ohne größere Reize ist -
wohl Fragmente eines Kreuzganges aus dem 13. Jh., im Weltnetz kann ich
nichts darüber finden. Sehr hübsche Kapitelle.

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Vorbei an Landhäusern von gestern und heute - der Vergleich macht uns sicher.

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Die dürre Infrastruktur der Landes bringt mir heute eine kurze Etappe ein, nur 25 km.
Am See von Aurelhian nächst Mimizan finde ich ausgezeichnete Unterkunft mit exquisiter Küche -
nach zwei Tagen ist eine warme Mahlzeit doch recht angenehm.

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Die Leichtigkeit des Pilgerlebens will noch nicht so recht aufkommen,
vielleicht der ewigen Kälte und der dürren Infrastruktur geschuldet.

Dies hat aber auch Vorteile. Seit Royan ist mir kein einziger Exot begegnet.
Die sind nämlich auch nicht blöd und besiedeln keine unterentwickelten Gebiete
wo sie doch selbst aus unterentwickelten Gemarkungen kommen.

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Kinder sieht man auch kaum. Ich bin im Rückzugsgebiet des alten weißen Mannes!

02.05.2024

6.⁠ ⁠Tag; Arcachon - La-Teste-de-Buch - Sanguinet - Parentis-en-Borne; 42,5km

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Wetter wie erwartet: 8 -12 Grad bei dauerndem Nieselregen; die Versuchungen lauern am Beginn des Tages: die ersten 1 -2 Stunden führt der Weg an Austernbecken, Austernbars, Weindegoustationen und erlesenen Pâtisserien vorbei; doch alles noch viel zu früh am Tage. ‘ Ich wendete mich nicht…’, denn heute ist es weit.

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Der Weg ist weder vom Gelände noch von der Routenplanung anspruchsvoll. Nach der Agglomeration von Arcachon geht es nur mehr kerzengerade auf der Departements Straße nach Süden, 42km lang. Dazu die Nässe , die nach einigen Stunden auch die beste Funktionskleidung durchdringt.

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Sanguinet erreiche ich kurz vor 15:00. Pech gehabt, denn in Frankreich sperren die Küchen dogmatisch um 14:00!

Gnaden halber richtet man mir ‘Charcuterie’ , die übliche Bretteljause , die in Italien Tagliera heißt und irgendwie immer das Gleiche ist. Die Cornichons, die kleinen französischen sauren Gürkchen sind hierzulande herausragend, dafür ist der Schinken herausragend schlecht.

Mein Hauptinteresse ist sowieso nur irgendwie mein Zeug ein wenig zu trocknen, besonders das Mobiltelefon, von dessen Funktionieren ich abhängig bin. Nach einer Stunde weiter , stumpf und stur durch die französische Agrarindustrie und die Kiefernwälder.
Ich bin in der Landes eingetroffen.

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Irgendwann hilft dann nur noch die Geheimwaffe des Rosenkranzes, des’ Maschinengewehrs Gottes’ , wie ihn Pater Wallner aus Heiligenkreuz nennt.

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In Parentis en Borne treffe ich vòllig durchnäßt kurz vor 20:00 ein. Allein auf meiner Landkarte erkenne ich 8 Gastwirtschaften in dem kleinen Ort , die aber alle geschlossen haben, weil 1. Mai ist. Ich habe diesen Tag nie gemocht.

Sei’s drum! ‘Wenn Fasten dann fasten, wenn Rebhuhn dann Rebhuhn!’ sagte die Hl. Teresa von Avila. Gut, gestern hatte ich Rebhuhn bzw. Austern, so hole ich heute das Fasten nach.

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Flüssiges Brot konnte ich immerhin organisieren!

01.05.2024

Tag 5 | Ruhetag: Arès - Andernos-les-Bains - Arcachon; 8,4 km

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Ein Ruhetag; mein Pilgerbruder und treuer Freund kämpft am Morgen mit mir die letzten 3 km am Strandweg herunter; immerhin, er bekommt was er ersehnte: la balade au bord de la mer!

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Dann endlich Schifferlfahren - 50 min für ca. 10 km, das Bassin d’Arcachon querend; Touristenschiff mit neu eingespritztem Ursprungsfranzosen als Kapitän. Er trägt in frecher Aneignung schmucke Rastalocken, gibt aber sachdienliche Hinwiese, unter anderem, daß Kaiserin Eugenie, die Gemahlin von Napoleon III., ...

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... hier ihre eigenen Austernbänke nebst allerhöchsten Austernwächtern unterhalten hat; und dass die Boote für das Bassin d' Arcachon speziell gebaut sind, da der Meeresgrund hier oft nur 30 cm unter dem Kiel liegt. Geographisch eine Extravaganz des lieben Gottes - eine enorme Bucht, die nur bei Flut befahrbar ist.

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In Arcachon verweigere ich meinem Freund die Option zum Hypertourismus: Die höchsten Düne Europas (120 m) will ich nicht besteigen, und ebensowenig den Villenschönheiten jüdischen Geldes im Dekorum des 19. Jh. nachforschen.

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Ich will jetzt nämlich zu Mittag essen, und das ohnehin spät! Als Mahl begann’s, und ist ein Fest geworden, am Hafen! Und mein theurer Pilgerbruder erfreut sich noch an einem letzten Naturwunder vor Seiner Abreise : dem Apfelarsch der Kellnerin.

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Viel' Austern jedenfalls, und sehr viel Bordeaux, und dann reichlich Rosé; und zum Abschluss ein klassischer Trunk der Kolonialfranzosen in deren weitem und heißem Kolonialreich: Cognac-Perrier, auf Eis!

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Mein Freund verläßt mich nun, und mir graut vor morgen: an die 40 km und vermutlich Dauerregen.

Ein Trost bleibt: Von Bordeaux bis Bayonne, ja, an der ganzen südlichen Atlantikküste, verregnet’s den Genossen den Maiaufmarsch!

30.04.2024

Tag 4 | Moutchic - entlang dem Etang de Lacanau - Lège-Cap-Ferret - Arès; 32,3 km

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Mein hoher Schriftleiter und theurer Pilgerbruder Konrad Markward Weiß ist vom See derart bezaubert, daß er hier mehr Zeit verbringen und also später mit einem Kraftwagen zum Zielpunkt nachkommen möchte. Er hat gut daran getan, denn was mir dann begegnete, hätte ihm wohl nicht gefallen.

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Die Schauwerte des Tages beschränken sich auf die lieblichen Gestade des Steppensees, der nur rund 7 m tief ist und and den Neusiedlersee erinnert; freilich ohne jede Infrastruktur. Den ganzen Tag über berühre ich keine Ortschaft, ernähre mich von den kümmerlichen Resten des Frühstücks und halte mit meiner Wasserflasche Haus.

Nach hübscher Eröffnung am See bricht der eingezeichnete Weg unvermutet ab. Er ist großflächigem Kahlschlag zum Opfer gefallen; die Baumwurzeln sind nach oben gekehrt und ich navigiere zwischen Erdtrichtern und Totholz.

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Deo gratias hat Putin in Westeuropa das GPS-Signal noch nicht lahmgelegt und so kann ich die Richtung halten.

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Kurze Rasten sind nicht möglich, da ich schon beim Gehen von den gefürchteten Mouches de Pin, einer lokalen Art höchst aggressiver Bremsen, aufgefressen werde. Ich habe die Mistviecher noch von meinem letztjährigen Marsch durch die Landes in ungünstiger Erinnerung.

Diesen Abschnitt hinter mir, stelle ich mich auf einen ruhigen Weg entlang eines Kanals ein, der allerdings bald durch einen nicht verzeichneten Wasserlauf unterbrochen wird. So lege ich Schuhe und Strümpfe ab, um durchzuwaten und vermute eine Wassertiefe bis zu meinen Waden. Der Untergrund jedoch ist elender Treibsand und ich sinke bis über die Hüften ein, dann schaffe ich es durchnäßt heraus.

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Beim Ankleiden molestieren wieder die Insekten und in die Fußsohle ziehe ich mir einen Dorn ein.

Nichts ist bei Pilgermärschen enervierender als entäuschte Hoffnungen. Meine Landkarte interpretiere ich so, daß nun ein schnurgerades Straßenstück folgt. Tatsächlich handelt es sich aber eine Stromleitung mit einem Sandzufahrtsweg darunter; und der feine weiße Sand ist knöcheltief.

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Durch Schnee zu stapfen ist mühsam, durch Sand zu stapfen weit mehr; und überall in der Kleidung, den Ohren und dem Mund ist bald ebenfalls Sand. Die 6 oder 7 km auf diesem Abschnitt gehören zu den Mühsamsten, die ich je passiert habe; und es dauert!

So hab’ ich mich kaum je zuvor derart über Asphalt unter meinem Bergschuh gefreut.

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Lège-Cap-Ferret umgehe ich und treffe naß und erschöpft um 19:30 in Arès ein. Morgen wird Schifferl gefahren - denn Wasserfahrzeuge sind dem Pilger erlaubt!

29.04.2024

Tag 3 | Hourtin Bourg - Carcans - Moutchic am Étang de Lacanau; 27,8 km

Der Tag beginnt mit einer Überraschung: Die Sonne scheint und in Hourtin gibt es eine Sonntagsmesse : neuer Ritus, keine Exzesse und Extravaganzen; überaltertes Publikum in Orantenhaltung. Danach vor der Kirche Austerndegustation - der hiesige Würstelstand; beides probiert, kein Vergleich!

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Ansonsten im Westen nichts Neues: 12 km schnurgradaus bis zum Mittagessen in Carcans.

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Der Ort war einst prominent am Jakobspilgerweg und hatte dafür eine eigene Bruderschaft. Die Kirche finden wir mittags geschlossen, sie soll eine barocke Statue Santiagos bewahren.

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Sonntag ist, und das Dejeuner fällt in der ausgezeichneten Brasserie üppiger aus als sonst, was sich am weiteren Weg freilich durch Müdigkeit rächen wird. Zickzack durch die Pinienwälder von nun an bis zum Abendessen. Gelegentlich hübsche Moorlandschaft und stets tief versandete Wege.

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Die beiden Sehenswürdigkeiten des Tages sind ein klassischer Wachturm, der wohl dem Brandschutz dient , aber auch in einen Straflager gute Figur machte und ein als Monumentalkiefer behübschter Sendeturm , das Dekor in wetterbeständigem Plastik gehalten.

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Die Weinlagen des Medoc sind weit, wir wandern durch Moore, Wälder und Seenlandschaft.

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Am Teich von Lacanau schließt der Tag wie er begonnen hat: mit Austern, dazu agreabler trockener Weißwein aus dem Bordeaux. Der fromme Schriftleiter und theure Weggefährte höhnt dafür den "prallen Pilger". Er hat keine Ahnung!

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28.04.2024

Tag 2 | Montalivet - Le Pin Sec - Hourtin Plage - Contaut - Hourtin Bourg 31,6 km

Auch morgens keine Nudisten in Montalivet; es bleibt kalt und nieselt; Morgenmarsch durch den Pinienhain, zunächst ohne Regen, 300 - 400 m neben dem Meer, das hinter Wald und Dünen für uns unsichtbar bleibt. Wir hören die Brandung und stapfen recht mühsam durch den Sand.

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Endlich gilt es eine Düne zu erklimmen und der Blick weitet sich auf den Ozean. Der Atlantikwall der Deutschen Wehrmacht steht noch immer. Zu solide sind die Betonbunker, als daß Wind, Wetter und politische Widrigkeiten sie wegräumen hätten können. Beschmieren kann man sie immerhin und so urbanes heutiges Flair herbeizaubern.

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Am Atlantikwall

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Das Herz meines halbfranzösischen Freundes lacht trotz aller Unbill des Wetters. Er schwärmt von unendlichen Sandstränden, raffinierter Vielfalt der Farben des Wassers, wilder Brandung und schier unendlicher Weite. Endlich kann er auch über den Strand wandern und die würzige jodierte Luft im einsetzenden Nieselregen genießen. Ich bevorzuge das Mare Nostrum, die vertraute mittelmeerische Badewanne mit kleinen Buchten, lieblichen Fischerhäfen und einladenden Strandbars.

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Ich war nie ein Atlantiker, vielleicht weil die oft im Regen stehen. Im "Le Pin Sec" - "Zur trockenen Kiefer" - finden wir Möglichkeit zu einem frugalen Inbiß; im Freien, ohne Flugdach, in Wind und Regen. Hier ist nichts "sec"! Ich bewundere eine atlantische Familie, die unter dem Regenschirm stoisch in sich hineinlöffelt. Ich war nie ein Atlantiker.

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Wir finden einen Unterterschlupf und warten das ärgste Unwetter ab. Endlich klärt es ein wenig auf, dann zeigt sich gar die Sonne.

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Munter weiter auf der Départementsstraße nach Hourtin Bourg, ein Umweg, der aus Quartiergründen notwendig war. Das einzige Hotel weit und breit hat sein Speiselokal am Samstag Abend geschlossen, uns aber allerlei Kaltes gerichtet. Hunger ist der beste Koch.

Die Flasche Rotwein tröstet jedenfalls.

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Durch das Moor

27.04.2024

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Tag 1 | 32,8km Royan - le Verdon - Soulac sur Mer - Montalivet

Mein Schriftleiter beim ‚Eckart‘ , Verleger und theurer Freund Konrad Weiß wird mich die ersten Tage begleiten.
Seit Vorgestern habe ich mich mit ihm auf das Land seiner mütterlichen Familie eingestimmt, die Charente Maritime; wir haben die Cognac Destillerie seines Cousins in Breville besucht und diesem Brande heftig zugesprochen, Maremmes, die Welthaupstadt der Austern gesehen und dort gleichfalls herzlich zugelangt - jetzt aber los!

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Unser Ausgangspunkt Royan , einst chicer Ferienort an der Atlantik Küste wurde von den Alliierten in die Moderne gebombt und besticht aus der Ferne mit dem Betonmonstrum seiner Pfarrkirche. Von weitem bestimmt es die Silhouette des Ortes und zitiert den Bug eines Schiffes in diesem maritimen Ambiente; innen meine ich im Thronsaal Satans zu stehen.

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Noch lange können wir dieses Statement der Moderne schauen, da wir das Schiff über die Gironde, die hier das größte Mündungsbecken Europas ausbildet, ins Medoc nehmen.

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Nicht viel los hier im Medoc; der Wein wächst weiter im Süden; hier Dünen und Pinienwälder. Wir wandern entlang der Atlantikküste und sehen gerademal das Meer, wenn wir eine Düne besteigen; sonst gleichförmig grüne Alleen.

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In Soulac , einem lieblichen Küstenort , zu opulenter Mittagstisch - wir sind in Frankreich. Sei’s drum, es ist kalt, mal regnet es, dann wieder nicht, und immer bläst eine steife Meeresbrise.

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Die Alliierten haben hier vergessen zu bombardieren, also haben sich die schmucken Villen erhalten, oft recht klein, gewissermaßen avancierte Reihenhäuser aus der Epoche der Schönheit.

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Die waren auch die ästhetischen Höhepunkte des Tages. Im Nieselregen durch Pinienheine.

Montalivet ist angeblichen das Zentrum der Freikörperkultur am Atlantik. Auch diesbezüglich nicht viel los. Es ist kalt.


07:57 | Leser-Kommentar
Dem Pilgerer die Besten Wünsche für den langen Marsch. Das Wort Partisanen habe ich lieber weggelassen.
Das da nichts durcheinander kommt.

26.04.2024

11:41 | b.com: Es geht wieder los

Wie schon 2023 dürfen wir auch heuer wieder den Partisanen der Schönheit auf seiner Pilgerreise begleiten. Jeweils um einen Tag zeitversetzt werden wir seine Beiträge und Bildstrecken auf bachheimer.com bringen, damit wir an seinen Gedanken, Erkenntnissen teilhaben können und kosten-, blasen- und schmerzfrei das Erleben eines Pilgers in etwa nachvollziehen können. Heuer geht es von Royan (Frankreich) in 40 Etappen über 1.100 km nach Santiago de Compostella (siehe Karte unten). Wir wünschen dem Partisanen aber auch unseren Lesern "Buen Camino"!  TB

Zur Einstimmung empfehle ich unser Kamingespräch, welches wir nach seiner Rückkehr im vorigen Jahr geführt haben Bachheimer&Goldvorsorge: Ein Galahemd auf Pilgerreise

Wer noch Erinnerungen vom vorigen Jahr aktivieren möchte, der möge diese Rubrik (neudeutsch) klicken: Der Partisan der Schönheit auf Pilgermarsch

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