Bereits zum 4. Male dürfen wir nun den Partisanen der Schönheit auf seinem alljährlichen Pilgermarsch begleiten. In dieser Rubrik berichten wir täglich (um einen Tag zeitversetzt) über die Reise des Partisanen. Begleiten Sie gemeinsam mit uns den wackeren Pilgerer auf seiner Reise.
Disclaimer: Der Bildzuschnitt ist für den PC/Laptop optimiert und darob auch der Gesamtgenuss an diesen Geräten am höchsten.
PS: All jenen, die mehr vom Partisanen der Schönheit lesen wollen, sei sein Buch "Durch Habsburg Lande" wärmstens ans Herz gelegt, welches Sie beim Karolinger Verlag unter diesem Link käuflich erwerben können.

 

 

11.05.2026

3. Interruption | 10. mai 2026; Wien

Ein wenig Schlaf habe ich gefunden. Nun führt mich der Weg zur Heiligen Messe in die Minoritenkirche. Die Liturgie ist heute unerwartet festlich, denn Bischof Fellay spendet die heilige Firmung und zelebriert anschließend das levitierte Hochamt. Der exquisite Chor begleitet die weihevolle Stunde mit Renaissancemusik.

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In doppelter Weise ist die Minoritenkirche mit meiner heutigen Franziskuswallfahrt verbunden. 1224, also noch zu Lebzeiten des heiligen Franz, hatte Herzog Leopold VI. die Minderbrüder in seine Stadt berufen und damit deren älteste Niederlassung an der Donau gegründet.

Für den Hochaltar schuf im 18. Jh. Ignaz Unterberger, aus jener Tiroler Malerdynastie, deren Werke ich auf meinem Weg in den letzten drei Wochen schon öfters angetroffen habe, das Bild „Maria Salus Populi Romani“. Drei Engel halten die Ikone hoch, am unteren Bildrand kann man die Kirche Santa Maria Maggiore in Rom erkennen. 

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Bei der Stadtwallfahrt am Ende meines Pilgerweges werde ich sie  Deo volente  Anfang Juni besuchen. Die dortige Ikone wird dem heiligen Lukas zugeschrieben und wurde seit der Spätantike in Zeiten von Not und Pest in feierlicher Prozession durch die Heilige Stadt getragen. 

Kaiser Joseph hatte die Minoriten in die Vorstadt verschoben und überließ der italienischen Communität in der Kaiserstadt  zu seiner Zeit an die 7000 Personen  die Minoritenkirche als Nationalkirche im Eigentum. Der Fondazione Italiana ist es zu danken, daß sie 2021 ihre Kirche der Piusbruderschaft und damit der Tradition übertrugen.

Am Heimweg muß ich dann ein Werbeplakat der Wiener Festwochenschauen. Seit Dezennien beleidigt die sozialistische Stadtregierung den Marienmonat Mai mit linksextremer Kulturpropaganda à la Gramsci und keine Geschmacklosigkeit und Blasphemie wird da ausgelassen.

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Letztes Jahr mußte man sich zwei schmusende Männer anschauen, heuer küßt ein Kleriker eine Nonne; interessant auch, daß dafür dann immer traditionell gekleidete Kirchenleute abgebildet werden.Wahrscheinlich werden sie nächstes Jahr zwei rot gewandete Kardinäle ihre Zungen ineinander versenken lassen.

Mir graust jetzt schon. Da hab ich auch wieder genug von Wien. Um 22:15 fährt mein Bus vom Hauptbahnhof ab. Morgen um 7:20 bin ich ab Padua wieder am Weg. Die „Schwulentanz“ gibt es in dieser Form  noch  in Italien nicht!

10.05.2026

2. Interruption |  9. Mai 2026; Wien

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Noch hält der Festreigen mich in der Stadt. Die Hochzeit meines besten italienischen Freundes wird gefeiert! Eine Ehrensache ist es mir dabei zu sein, zumal er seine hohe Braut bei mir in der Sala Terrena kennengelernt hat.

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Nach der würdigen Trauung und anschließender Festmesse in der Karlskirche, natürlich im überlieferten Ritus, begleitet von der Spatzenmesse des unvergleichlichen Mozart, hebt eine österreichisch-italienische Feier an und im melodiösen Klang des Italienischen ruft mich schon irgendwie der Weg.

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Allzu lange hält der Pilger bei dem Fest nicht durch. In meinen Gedanken bin ich schon ein bißchen weg.

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Noch einmal ausschlafen, und dann der Nachtbus morgen – Interruptionen strengen an!

 

10.05.2026

1. Interruption | 8. Mai 2026 - Wien

Sacrosanct ist mir der Pilgermonat, die Straße meine Heimat, das Ziel vor Augen, die Heimatstadt weit. Doch heuer komme ich einer Zäsur nicht aus. Der große Bachheimer, mein Freund  dem ich und alle geneigten Leser die Veröffentlichung meines täglichen Pilgerberichtes verdanken, feiert seinen – man glaubt es nicht – 60. Geburtstag, und das noch dazu in meiner bescheidenen Hütte.

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Da darf der Pilger nicht fehlen! Ich springe aus meinem momentan Stand zurück in die Welt des Laien und als solcher in den Nachtbus ex Padua nach Wien. Im Morgengrauen treffe ich am Südbahnhof ein, verwandle mich in Kleidung und Gestalt zum Weltmenschen und gebe dem Freund die Ehre.

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Ein rauschendes Fest darf ich erleben. Die 16er Buam spielen auf, die Sau dreht sich am Spieß und Bier und Wein fließen in Strömen. Der Freund hat sich‘s verdient, steht er doch wacker seit so vielen Jahren gegen den Strom des Zeitgeistes und hält mit Heiterkeit und schneidigem Verstand das Banner der Wahrheit hoch.

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Ein glücklicher Abend und doch – nicht leicht fällt es dem Pilger, so abrupt sich wieder in die Welt zu fügen. Schlaf und Traum beruhigen das verwirrte Herz; ein bißchen viele Menschen waren das vielleicht heute!

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Normalerweise wage ich es ja nicht, die Erhabenheit dieser Rubrik durch meine flachen Ergänzungen zu entwürdigen. Aber heute sei mir eine Ausnahme gestattet. Ich bedanke mich beim Partisanen der Schönheit für die Zurverfügungstellung seiner traumhaft schönen SalaTerrena. 
Ein großes Privileg und große Ehre gleichermaßen. Danke, Danke, Danke! TB

08.05.2026

Tag 20 | 7. Mai 2026; Vicenza – Torri di  Quartesolo – Mestrino – Padua; 36km

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Ich nehme Abschied von Vicenza im Teatro Olympico, dem ersten freistehenden Theater seit der Antike, das für rund 800 Zuschauer Platz bietet. Gespielt wird da heute selten, im September gibt es ein paar Opernaufführungen. Joseph Losey hat in seinem genialen Don-Giovanni-Film 1979 hier einige Szenen gedreht. Die optische Täuschung des Bühnenbilds verblüfft, gefühlte 200 Meter tief, reicht es doch nur 12 Meter nach hinten. Boromini hat später diesen Effekt im Palazzo Spada in Rom zum Exzeß getrieben. Natürlich stammt der Entwurf des Teatro Olympico von Palladio und natürlich hat ihn wieder Scamozzi vollendet.

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Der Auszug aus Vicenza gestaltet sich angenehmer als der Einzug. Zunächst noch teilweise auf Radwegen, aber immer der Hauptstraße entlang, die sich in ihrer geraden Linienführung unschwer als Römerstraße erkennen läßt, geht es hinaus auf's Land und immer wieder vorbei an den köstlichen Villen des Veneto. Mehr als 4000 soll es geben, niemand hat sie je gezählt.  Manche strahlen in altem Glanz, andere wirken verlassen und recht heruntergekommen. Die 24 der Firma Palladio sind als Weltkulturerbe klassifiziert. 

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Eine davon erreiche ich bald, die Villa Chiericati, die vom Bruder jenes Grafen, dessen Stadtpalast ich gestern in Vicenza besucht habe, in Auftrag gegeben wurde. Die Brücke über die Tesina hat dann gleich auch der große Palladio errichtet. Vicenza will heute noch nicht wahrhaben, daß ihr größter Sohn tatsächlich in Padua geboren wurde, wohin heute mein Weg zielt.

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Der wird bald mühsam, denn eine elend lange Baustelle macht ihn richtig gefährlich und die Autos fahren eine handbreit von mir entfernt. Kommen sie mir zu nahe, hebe ich warnend meinen Pilgerstab.

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Endlich erreiche ich die Fortifikationen Paduas und über die Piazza dei Signori marschiere ich munteren Schrittes zum heiligen Antonius, gewiß dem bemerkenswertesten Heiligen des Franzikanerordens nach dessen Gründer.

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Als Sohn eines Edelmanns in Lissabon geboren, trat er mit 15 Jahren bei den Augustinerchorherren seiner Heimatstadt ins Noviziat ein. Das Gesellschaftsleben der Metropole wurde ihm bald zu viel, und so wechselte er in die Universitätsstadt  Coimbra. Dort vertiefte er sich in gelehrte Studien und doch – seine wahre Berufung fand er hier nicht. Das Martyrium von fünf Franziskanern in Marokko anno 1220 erschütterte seine behagliche Welt in der Studierstube, und er wollte es Ihnen gleichtun.

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Gott hatte andere Pläne mit ihm. Durch schwere Krankheit in Nordafrika zur Rückkehr gezwungen, verwehte es sein Schiff, und vor Sizilien erlitt er Schiffbruch. Seine Heimat Portugal sollte er nie wieder sehen. Von Süditalien aus brach er zu Fuß ins 600km entfernte Assisi auf – ohne Bergschuhe, Funktionskleidung und GPS-Karte am Mobiltelefon – und traf gerade zum sogenannten „Mattenkapitel“ bei seinen Ordensbrüdern ein. Den heiligen Franz sah er nur von fern und man wußte eigentlich nicht, was man mit ihm anfangen soll. Nach Forli haben sie ihn dann mitgenommen, da man erfuhr, daß er Priester war und einen solchen brauchte die dortige kleine franziskanische Gemeinschaft. Gelegentlich einer Priesterweihe bat man ihn als Prediger auszuhelfen, da sich die Dominikaner gerade nicht in Stimmung fühlten. Da tat er erstmals seinen Mund auf und seine Brüder erkannten, welches intellektuelle und rhetorische Juwel ihnen da der liebe Gott geschickt hatte.

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Nun galt sein Kampf der Ketzerei, die es besonders in Rimmini auszurotten galt. Nein, Sankt Antonius war nicht „soft“! Er bezwang die Feinde Christi mit schneidendem Verstand und  gewandter Zunge. Diese Zunge verehre ich in der Reliquienkapelle des Genueser Parodi und bete am Grab des heiligen Antonius, daß uns der Herr wieder solche Prediger schenken möge, um jenen Ungeist auszurotten, der unsere heutige Welt grausam in Ketten geschlagen hat. „Die Predigt ist die Aussaat, die Beichte die Ernte!“ sagte der Heilige und genau das braucht‘s heute!

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Ich brauche jetzt mein Pilgerbier. Der erste Abschnitt meiner Franziskuswallfahrt ist bewältigt, rund 600km liegen hinter mir. Jetzt wird gefeiert und in der unscheinbaren kleinen Trattoria vis à vis der Basilica, neben dem Hotel "Donatello" esse ich, wie stets hier, die besten Carbonara ganz Italiens.

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Ich blicke auf Donatellos Reiterstandbild des Gattomelata – seit mehr als einem Jahr eingerüstet! Ja, jetzt bin ich wirklich in

07.05.2026

Tag 19 | Vicenza – Monte Berico – Vicenza; Ruhetag, 8km

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Vicenza kenne ich kaum, und so habe ich für heute einen Ruhetag in der Stadt des Palladio vorgesehen. Das regnerische Wetter trifft mich daher kaum. Gut geschützt gehe ich im Laubengang mit seinen 150 Bögen hinauf zum Heiligtum am Monte Berico.

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Vor 600 Jahren, am 7. März 1426, war hier die Muttergottes der Bauersfrau Vincenza Pasini erschienen und forderte an dieser Stelle ein Heiligtum. Dann sollte die schreckliche Pestepedemie enden. Um ihrem Wunsch mehr Nachdruck zu verleihen, erschien sie der Pasini nochmals am 1. Oktober 1428. Nun wurde die Botschaft verstanden, und in nur drei Monaten stand das erste Kirchlein. Die Pest verschwand. Das Beispiel machte Schule und in Venedig erflehte man die Gnade des Himmels dann bei zwei neuen Ausbrüchen der Seuche mit der Errichtung der Redemptore und der Santa Maria de Salute.

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Die heutige Basilika am Monte Berico ist natürlich ein Werk Palladios und gewiß das geistliche Zentrum Vicenzas. Hinter dem Altar pilgern die Gläubigen am Gnadenbild von Nicolo da Venezia vorbei und küssen eine Silberscheibe, deren Relief die Erscheinung darstellt.

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Im Souvenirladen für Devotionalien fällt mir ein affichiertes Photo Herrn Bergoglios mit seinem schmierigen Lächeln auf. Ich frage, ob dieses Konterfei des Erzhäretikers wohl jemand kaufe. „Nessuno!“, gibt der Ladenbesitzer zurück und lacht.

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Vicenza war einmal schon vor dem Frieden von Campo Formido österreichisch. Kaiser Maximilian hatte es im Venediger Krieg gewonnen und wir hielten es von 1509 bis 1516. Deutsch heißt die Stadt übrigens "Wiesenthal“. Nach dem Wiener Kongreß war es dann Teil des Königreichs Lombardo-Venetien und in Wien überlegte man gar eine Krönung Kaiser Ferdinands des Gütigen mit der Eisernen Krone. In der Schatzkammer kann man die diesbezüglichen Entwürfe studieren. 1848 taten sich die Vincentiner (ganz im Gegensatz zu den Veronesern) durch besondere Renitenz hervor. Im Oktober 1866 bekamen sie dann, was sie sich gewünscht hatten: die Loslösung von Österreich. Noch im selben Jahr kam es zu Hungeraufständen und eine Massenauswanderung setzte ein. Man fällt nicht ungestraft von Habsburg ab!

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All das spielt heute keine Rolle mehr. Die durch Textil- und Schmuckproduktion reich geworden Stadt hat mustergültig die Beschädigungen durch das Bombardement der Befreier im II. Weltkrieg beseitigt und man vergißt, daß Vicenza die am meisten zerstörte Stadt des Veneto war.

Andrea Palladio dominiert hier alles. Seine Basilica Palladiana ließ sogar den selbstgefälligen Goethe sprachlos. Dabei wurden die meisten seiner Werke durch seinen Schüler Scamozzi vollendet. Daß niemand ihm die Ehre gab, kränkte den natürlichen und 1604 präsentierte er Wolf Dietrich von Raithenau seine neuen Pläne für den Dom in Salzburg. Hatte der alte doch so schön gebrannt!

 

Im Palazzo Chiericati, natürlich auch von Palladio entworfen, begegne ich in der Pinacoteca erstmals auf meiner Reise großer Tafelmalerei. Tintoretto, Bassano, Cairo, Tiepolo – alle sind sie da vertreten. Der van Dyck ist leider gerade an Genua ausgeliehen.

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Im Saal mit der schönen „Sacra Conversazione“ von Cima da Conigliano beobachte ich einige Personen bei psychedelischen Verrenkungen um einen mobilen Lautsprecher, aus dem sanfte Töne wabern. Ich frage die offensichtliche Gruppenleiterin, ob es sich hierbei um eine Therapie für psychisch Kranke handelt. Sie versteht meine Frage nicht, nimmt sie mir aber auch nicht übel: „La danza aiuta tutti noi!“

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Mir hingegen helfen Speis und Trank. Im „Contra“, schon der Name spricht mich an, erlebe ich italienische Gastlichkeit, wie sie sein soll. Speisekarte gibt es nicht, in Kreide steht am schwarzen Brett, was es heute gibt, und hinter der offenen Theke kocht Gigio die beste „Fegato Veneziana“, die ich je gespeist habe, besser als in allen Michelinrestaurants in der Serenissima!

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Lorenza bringt zum Abschluß noch die “Zaeti“, ein Vincentiner Feingebäck, weit besser als die versteinerten Cantuccini, die man auch bei uns in jedem Supermarkt bekommt. Die Weinkarte ist überschaubar, ich trinke mich also durch. Beim „Tai Rosso“ bleibe ich dann hängen. Morgen geht’s eh nur durch die Ebene!

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06.05.2026

Tag 18 | 5. Mai 2026; Schio – Isola Vicentina – Vicenz; 27,3km

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Schio schmückt sich mit dem Beinamen „il Manchester d‘Italia“ – und so schaut‘s da auch aus! Alessandro Rossi, Großunternehmer und liberaler Abgeordneter im Irredentaitalien, eine Type wie Don Calogero im "Gattopardo", baute hier die Textilindustrie auf. Die Ortschaft hat sich davon nie erholt.

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Da ich gestern, spät von meinem spirituellen Erlebnis kommend, die eigentliche 38.000-Einwohner-Stadt betrat, traf ich ausschließlich Afrikaner, Inder und Araber an. Da ich kein hübsches Mädchen bin, habe ich mich nicht gefürchtet. An turmhohen Wohnblocks vorbei gelangte ich in mein Hotel am häßlichen Hauptplatz. Geld wird freilich hier noch immer gemacht, nicht von den bedauernswerten Exoten, sondern von ihren wohlbestallten Importeuren, die gewiß in einer schmucken Villa am Gardasee das alles nicht sehen müssen. Nachschauen kommen sie wohl manchmal, und da wollen sie gut essen; und wirklich, auch ich genoß im „Joja“ mein bisher bestes Dinner dieser Wallfahrt. „Wo Geld ist, wächst das Schmackhafte auch!“

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Bei Tageslicht wird Schio nicht schöner und mein gestriger Eindruck von der demographischen Zusammensetzung der Bevölkerung bestätigt sich. Nichts wie weg also, und hinaus in den Regen, der den ganzen Tag über auf mein Barett prasseln wird.

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Bei solchem Wetter 27km die Haupstraße entlang zu ziehen, zwingt den Pilger, Innenschau zu halten – zumal die Außenschau den trostlosen Eindruck des Wetters noch verstärkte. Da finden sich zahlreiche lohnende Motive für meinen seit langem geplanten Bildband „Venetien in häßlichen Ansichten“ und mich erstaunt die Schamlosigkeit der Bauherren, so den Lebensraum ihrer Nachbarn zu versauen; die merken es aber – so fürchte ich – gar nicht mehr, abgestumpft wie sie sind.

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Wenige Kilometer Abzweig über Radwege und Feldpfade sind ein Labsal, dann trotte ich durch die Metastasen der Stadt Vicenza. Daß des größten Vicentinerts Name, „Palladio“, für ein Shoppingcenter herhalten muß, ist vielleicht dessen Buße im Fegefeuer.

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Hinter der „Porta della Croce“ tut sich mir dann der Liebreiz der gelästerten alten Welt auf, die die Moderne so bravourös überwunden hat.

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Die Welt der Moderne ist schon deswegen böse und falsch, da es ihr nicht gelingt, Schönes flächendeckend hervorzubringen. Ein paar vereinzelte Kunststücke, gewiß, aber in Summa leben wir von der Konkursmasse der Vergangenheit.

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Davon gibt es in Vicenza viel und ich gönne mir hier morgen einen Ruhetag. So will ich heute ausgiebig alle Köstlichkeiten probieren, die Küche und Keller der schönen Stadt bieten. Morgen schlaf‘ ich mal, solang‘s mir paßt!

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In der „Osteria Monelli“ bin ich gut aufgehoben und die reizende Chiara geleitet mich mit ausgesuchten Tropfen durch das Menu. „Baccalá“ mag ich grundsätzlich ebensowenig wie Polenta. Baccalá Vicentina mit Polenta muß man aber probieren, wenn man schon da ist, und ich gestehe, so exquisit wie hier zubereitet, hat es mir tatsächlich geschmeckt. 

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Das Gekreische hysterischer Stromgitarren haben sie auf meine Intervention hin durch Vivaldi ersetzt. Allein dafür ist die Wirtschaft aller Welt zu empfehlen!

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05.05.2026

Tag 17 | 4. Mai 2026; Asiago – Piovene Rocchette – Schio; 41km

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Bei strahlendem Sonnenschein geht es nun bis Mittag über die Hochebene auf 1000 Meter, die mich sehr an den Lungau erinnert. Es bieten sich liebliche Fernblicke auf die Dörfer mit ihren hohen, spitzen Kirchtürmen, allesamt nach dem Großen Krieg neu errichtet.

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Die Erinnerung an jenes grausame Völkerschlachten ist allgegenwärtig. Immer wieder komme ich an kleinen Museen, Gedenksteinen und Soldatenfriedhöfen vorbei. Dort weht nicht der EU-Fetzen, sondern die Flaggen Österreichs, Italiens und Ungarns traut nebeneinander.

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Ludwig Wittgenstein vollbrachte als einfacher Soldat in diesem Frontabschnitt ein Heldenstück bei der Eroberung eines schweren Geschützes. Er wurde für die Goldene Tapferkeitsmedailie vorgeschlagen, eine Auszeichnung, die nur sehr selten vergeben wurde. Doch ein mißgünstiger Vorgesetzter – Intellektuelle haben wenig Freunde – hintertrieb es mit der Begründung, daß im Ergebnis die Aktion keinen durchschlagenden Erfolg gebracht hatte. „Seit wann ist Erfolg ein Kriterium für Tapferkeit?“, gab der Philosoph zurück.

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Nach einem kurzen Anstieg bricht die Straße in die Ebene ab. In zehn spitzen Kehren müssen 800 Höhenmeter überwunden werden, vier davon kann ich auf einer aufgelassenen Bahntrasse abkürzen. Weit öffnet sich die Ebene und bei klarer Luft könnte ich wohl das Meer bei Venedig ausmachen.

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Unten angelangt, blicke ich erstaunt hinauf auf die Felswand. Man kann sich wirklich nicht vorstellen, daß sich dort eine blühende Ebene ausbreitet und mir erscheinen die althochdeutschen Bauernrepubliken einst da oben wie eine eigene Welt.

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Ich überschreite die tiefe Schlucht des Astico, nun geht es entlang der Straße rund 15km durch zersiedelte, oberitalienische Industrielandschaft. Es lohnt sich nicht, sich die Namen der einzelnen Siedlungen zu merken. Sie bieten nichts. Soweit ich das beurteilen kann, ist dies aber nicht alten Bomben sondern neuem Geld geschuldet.

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Ich gehe auf Vicenza einen Umweg, der einen halben Tag kostet, denn ich will nach Schio, wo es nach 1985 eine Reihe von Marienerscheinungen gegeben hat. Ich weiß nicht was ich davon halten soll, und will mir ein Bild machen. Der Erscheinungsort, das romanische Kirchlein San Martino, liegt ab vom Weg, und in einer Kebapbude deponiere ich meinen Rucksack, um die zwei Kilometer hinauf leichter zu gehen, denn die heutige Etappe ist lang.

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Die Kirche finde ich fest verschlossen und das schon seit langem. Ich läute bei einem nahen Haus, um den Schlüssel zu erfragen, vergeblich. Ich bin enttäuscht. So knie ich mich eben auf dem Rasenstück nieder und bete ein Ave Maria. Da fällt mir noch ein Beter auf, Roberto, „der letzte Gläubige des Erscheinungsortes“, und er wird mir viel erzählen.

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Nach dem Tode des Sehers Renato Baron sei hier alles zu Grunde gegangen. Einst waren an jedem Maiabend hier an die 100 Gläubige, meist junge Leute. Messe wurde gefeiert und Rosenkranz gebetet. Jetzt kommt noch Roberto jeden Abend und bringt „der Königin der Liebe“ ein paar Blumen. „Es gibt keinen Glauben mehr unten in Schio“, klagt er und erzählt von den Mißbräuchen der neuen Messe und der Blasphemie der Handkommunion. Das kleine Gotteshaus gehört irgendwelchen Anwälten in Schio und bleibt geschlossen. Am nahen Kreuzweg deponiert Roberto immer Blumen bei der vierten Station, wo unser Herr seiner betrübten Mutter begegnet, und immer findet er gerade die am nächsten Tag weggeworfen. „Die Wallfahrt von San Martino wird gekreuzigt werden!“, soll Christus dem Seher Renato offenbart gaben. Gewiß, es gibt da noch ein geistliches Haus „Cenacolo“, gelegentliche Buswallfahrer und die tapfere Bewegung „Con Christo per la vita“, die vor Abtreibungskliniken betet und den größten Massenmord der Menschheitsgeschichte anprangert, aber da oben in San Martino ist alles vorbei.

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Es ist spät geworden, und ich muß mein Quartier finden, da will Roberto noch mit mir zu Padre Konrad, wir könnten ihn gleich um die Ecke finden. Unterhalb er Kirche betreten wir ein modernes Haus, Roberto öffnet die Tür und ich befinde mich in einer frommen Herrgottsgarage à la Pius X.

Das Allerheiligste ist ausgesetzt und ein steinalter Geistlicher ist ins Brevier vertieft. Ich verspüre den Wunsch, bei ihm die Beichte abzulegen. Er sieht aus wie der Pater Konrad von Altötting, aber der kann es ja nicht sein. Pater Konrad von Schio ist ein pensionierter Diözesanpriester aus Brixen, der seit mehr als 20 Jahren hier aushält und das Heilige Meßopfer im ewig gültigen Ritus darbringt. Mit stahlblauen Augen blickt er mich an, das würdige Greisengesicht umrahmt ein langer, schlohweißer Bart, ein bißchen eine gealterte, fromme Version meines Freundes Jürgen Wirth Aderlan. In breitem Tirolerisch gibt er mir seine profunde Predigt, und ich erfahre die vielleicht tiefste Beichte meines Lebens. Sie dauert lange, und leicht erhebe ich mich von den Knien. Alles ist leicht, auch die paar Kilometer zur Kebapbude und in mein Quartier.

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Die Gnade wirkt wo sie will, und ich kann nur danken.

 

04.05.2026

Tag 16 |  3. Mai 2026; Monterovere – Vezzena-Paß – Camprovere – Asiago; 26,8km

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Ein leichter Weg führt von 1254 Meter Seehöhe zum Vezzena-Paß auf 1403 Meter. Als Paß nimmt man ihn kaum wahr, denn ich durchwandere nun eine liebliche weite Hochebene mit grünen Matten und hochragenden Berggipfeln am Horizont. Ganz in der Ferne, schneebedeckt, kann man den Crozzon di Folgorida erkennen mit 3082 Metern.

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Sonntag ist, der Himmel lacht und bequem spaziere ich durch den blühenden Frühling. Alles könnte so schön sein, doch es ist eben Sonntag und die virile Jugend der Landschaft hat just meine Route zu ihrer Motorradrennstrecke auserkoren, und da brausen sie dahin, auf ihren Reitwägen. Ritten sie doch auf Rössern, das wäre weniger geräuschvoll!

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Noch bin ich in Welschtirol, und neben der Kapelle der heiligen Zita weht die rot-weiß-rote Fahne neben dem EU-Fetzen und der italienischen Trikolore.

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Bald wechsle ich ins Veneto und betrete das Gebiet der „7 Gemeinden“. Zweisprachig, auf Italienisch und Zimbrisch wird es mir angezeigt. Dabei sprechen gerade noch die 266 Einwohner von Lusern diese eigentümliche Sprache. Nach Lusern wäre ich über eine Stichstraße von Monterovere aus gekommen, doch dafür reicht die Zeit des Pilgers nicht.

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Einst dominierte das Zimbrische, ein mittelalterlicher Dialekt im Übergang von Althochdeutsch zu Mittelhochdeutsch die ganze Hochebene. Allerlei Mythen über seine Herkunft gibt es da. Petrarca hielt die fremdsprachigen Bergbewohner für die letzten Kimbern, ursprünglich aus Jütland, und tatsächlich betrieb eine dänische Universität ein genetisches Forschungsprojekt, das Ergebnis ist mir nicht bekannt. Mal hielt man sie für die letzten Langobarden, mal für Fußmarode der Italienzüge des Kaisers Friedrich Barbarossa. 

Die plausibelste Erklärung ist, daß es sich um bayerisch-alemannische Siedler des 11. Jhdts. handelt. Das Klimaoptimum des Hochmittelalters hatte zwei unmittelbare Wirkungen. Die Bevölkerung wuchs, und Hochflächen, die bislang unbesiedelbar waren, öffneten sich der Landwirtschaft. So machten sich weichende Bauernsöhne auf den Weg, um auf bisher unerschlossenem Terrain eine neue Existenz aufzubauen; ein bißchen wie in den USA im frühen 19. Jhdt., nur mußten sie dafür keine Indianer massakrieren, das Land war leer.

Es bildeten sich im Bereich Veronas die „13 Gemeinden“, oberhalb Vicenzas die „7 Gemeinden“, sowie vereinzelte Siedlungen im Trentino wie Lusern, oder im Friaul wie Sauris.

Seit 1310 hatten die Gemeindeverbände ein eigenes Statut, das eine selbstständige Bauernrepublik begründete. Nominell anerkannte man den jeweiligen Souverän, erst die Scaglier in Verona, dann die Republik Venedig, war aber zu keinerlei Kriegsdienst oder Steuerleistung verpflichtet. Venedig ließ die Bergler in Ruhe, die ihnen als Holzliferanten für den Schiffsbau sehr nützlich waren. Der Allzerstörer der alten Ordnung, Napoleon, hat sich sogar für derartige Abseitigkeiten der politischen Geographie interessiert und löschte die freien Bauernrepubliken 1807 aus. Alles mußte über einen Leisten geschert werden, und da haben Partikularrechte keinen Platz. Die Hochebene wurde seinem Königreich Italien eingegliedert und als Teil Venetiens fielen sie dann an Österreich.

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Noch immer sprach man hier jenen mittelalterlichen südbayerischen Dialekt, aber wir haben ihn kaputtgemacht. In Unkenntnis über die lokale Besonderheit sandte Wien italienische Lehrer und baute Schulen, die Irredenta hat nach 1866 nur fortgesetzt, was Österreich begonnen hat, die einen aus Inkompetenz, die anderen aus Impertinenz!

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Kreuze aus Stacheldraht erinnern mich den ganzen Tag über an die Grausamkeiten des Großen Krieges. Um den Italienischern zuvorzukommen, führte Conrad von Hötzendorf an der Südwestfrot eine Entlastungsoffensive für die Isonzofront. Der Plan wäre ein Durchbruch in den Raum Padua-Venedig gewesen um so die Masse der Italienischen Armee einzukesseln. Hier, auf der Hochebene der 7 Gemeinden, kam der Sturm zum Stehen.

Ausgelöscht wurden die alten Orte und der Boden mit dem Blut beider Seiten getränkt. Ein gewaltiges Beinhaus für 54 000 tote Österreicher und Italiener, davon 33 000 unbekannt, das „Sanctuario Miltare del Leiten“ dominiert die Ebene von Asiago. Der riesige Triumphbogen erweckt unangenehme Erinnerung an Bozen. Triumph für wen? Wie haben gemeinsam in diesem europäischen Bürgerkrieg zivilisatorischen Selbstmord begangen. Triumphiert haben ganz andere!

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Der Krieg hatte Camprovere und Asiago plattgemacht. So sind beide Orte kunsthistorisch uninteressant und doch – nach dem Ersten Weltkrieg war ein Wiederaufbau nach menschlichen und ästhetischen Maßstäben noch möglich. Asiago hat ein ganz hübsches Rathaus, einen ebensolchen Hauptplatz und Corso und die Kirche San Matteo, die 1922 fertiggestellt wurde.

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Ich zweifle ja nicht an der Gültigkeit der neuen Messe, ich versuche sie zu vermeiden und fürchte ihre blasphemischen Mißbräuche und Exzesse. Da ich nun an diesem Sonntag in Asiago einziehe, läuten gerade die Glocken zur Abendmesse und ich meine, sie rufen nun den Pilger zur Sonntagspflicht. Wie oft in Italien zu beobachten, verzichtet der Priester auf Ausdrücke extravaganter Selbstverwirklichung und künstlerischer Intervention. Er zelebriert routiniert und fromm die Heilige Messe, dazu singt ein engelsgleicher Mädchenchor. Der Pilger versucht demütig zu sein und verbietet sich kritische Analysen.

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In einer Seitenkapelle wird das Schienbein der Seligen Giovanna Maria Bonomo verehrt. In Asiago geboren, trat sie 1622 bei den Benediktinerinnen in Bassano del Grappa ein, wo ihre restlichen Reliquien bewahrt werden. Sie galt als große Mystikerin und war mit den Stigmata Christi ausgezeichnet. Ihre Statue am Corso war tatsächlich das einzige, das nach dem Bombardement vom alten Asiago noch stand – wer mag das erklären?

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Beim Abendtrunk blickt der Pilger über die Hochebene schon hinab in die weiten Weingärten des Veneto. Ein Cabernet Franc aus Preganziol in der Provinz Treviso, rund 60km Luftlinie von mir entfernt, weckt meine Sehnsucht nach der Mediterranée und verbindet sich doch köstlich mit einjährigem Asiagokäse des Hochtals. Die ersten Morcheln des Jahres schmücken die Pasta – das Leben ist schön

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03.05.2026

Tag 15 | 2. Mai 2026; Trient – Pergine Valsugana – Caldonazzo-See – Kaiserjägerstraße – Monterovere; 35 km

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Die Schönheit Trients läßt mich nicht los. Ich genieße meinen Morgencaffee am Domplatz. Die Wasserstrahlen des Neptunbrunnens glitzern im gleißenden Sonnenlicht, kein Regenguß wird mich auf meinem langen Weg heute erwischen.

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Ich besuche den Dom, ein Meisterwerk der späten Romanik mit einem Barockziborium, dessen Errichtung Trient gelobt hatte für den Abzug der Franzosen im Spanischen Erbfolgekrieg. Die hochverehrte Kreuzigungsgruppe über dem Sakramentsaltar stammt von deutscher Hand. Ich bete vor den Reliquien des heiligen Virgil von Trient, nicht mit jenem von Salzburg zu verwechseln. Der Römer zog als Missionar über die Via Claudia Augusta nach Norden und gründete das Bistum Trient. Im Radenatal predigte er gegen die Anbeter des Saturn. Die haben ihn dann mit ihren schweren Holzschuhen erschlagen. Jetzt ist er der einzige Schutzpatron Trients. Am Holzportal der Kirche St. Peter und Paul ist er noch einträchtig neben San Simonino dargestellt.

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Gleich zur Eröffnung meines heutigen Weges geht es einen Kalvarienberg steil hinauf zum Heiligtum der „Madonna Delle Laste“. Mattia Galasso, ein Condottiere des Kaisers im 30-jährigen Krieg hat es auf eigene Kosten errichten lassen. Dies verkürzt im allgemeinen die Zeit im Fegefeuer enorm!

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Die Straße steigt an Weingärten entlang zu einem Paß, bald habe ich das Sperrwerk von Civezzano erreicht, eine österreichische Fortifikationen gegen das Königreich Italien, denn wir wußten, was wir vom Dreibundpartner zu erwarten hatten.

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Hélàs – schon hatte ich eine Höhe von 600m erreicht, dann verliere ich wieder alles, denn es geht hinab ins Suganatal. Civezza sehe ich von fern, durch grüne Auen führt der Pfad bis ich die gräßliche SS47 erreiche, eine teilweise vierspurige Schnellstraße, der ich lange nicht entkommen werde. Die Tunnels sind besonders unangenehm!

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Pegine Valsugana, das einmal „Fersen“ hieß, ist für die Gegend ungewöhnlich häßlich, ein paar nette Häuser gibt es aber doch. Mich versöhnt mit dem Ort die fromme Ausstellung über den heiligen Carlo Acutis, den ich in Assisi besuchen werde und seine Dokumentation der Eucharistischen Wunder. Der  „Influencer Gottes“ hatte sich schon im Alter von 9 Jahren das Programmieren beigebracht, entwarf seine eigene Heimseite und zeigte dort die Eucharistischen Wunder in aller Welt auf. Mit 15 Jahren ist der Frühvollendete an Leukämie verstorben. Sein frommes Wirken brachte ihn jüngst ins Gerede, denn er wagte es, in seine Wunderliste auch jene, die nach jüdischer Hostienschändung erschienen, aufzuzeigen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, zeigt sich der bundesdeutsche Antisemitismusbeauftragte Felix Klein ob der Heiligsprechung Carlo Acutis entrüstet. Wen wundert‘s? Seit dem Konzil ist es doch guter Brauch, die anderen zu fragen, wen Rom heiligsprechen darf.

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In einer Bar am Wegesrand nehme ich Wasser auf. Die Klomuschel ist jetzt auch weg – ich bin endlich in Italien!

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Meine Route wechselt zwischen Schnellstraße und lieblicher Flaniermeile am Caldonazzo-See. Der erinnert mich irgendwie an den Millstätter See und schön wäre es, hier einen Tag zu verbringen. Doch der Pilger ist immer eilig.

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Goethe setzte seine Reise nach Italien auf der Via Claudia Augusta fort, trödelte ein wenig am Gardasee herum und zielte dann wie ich via Vicenza auf Padua. Diese Strecke ist um gut 60km länger, was für den Fußpilger zwei Gehtage bedeutet. Ich kürze also über die Berge ab. Hinter dem See durchwandere ich eine Fruchtebene, dann erwartet mich die Kaiserjägerstraße.

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Anno 1911 errichtete die Pionierabteilung des 2. und 3. Kaiserjägerregiments in weiser Voraussicht diesen Verkehrsweg, um für die Armee die Hochebene der „7 Gemeinden“ zu erschließen. Vier Jahre später tobten dann hier die blutigsten Kämpfe der Südtirol-Offensive, um die Isonzofront zu entlasten, was auch gelang.

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Die Kaiserjäger haben hier eine der atemberaubendsten Straßen gebaut, die ich je begangen habe; und dies im doppelten Wortsinn! Denn es geht beständig aber lange bergauf. Mehr als 700 Höhenmeter gilt es zu überwinden, mit zahlreichen Kehren hart am Abgrund gebaut, ein Weg im Fels!

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Bei „La Maddonina“ mache ich eine kurze Rast und freue mich, daß sogar in dieser ausgesetzten Abgeschiedenheit der Himmelkönigin gedacht wird. Ich bin in Italien.

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Ein scharfer Wind frischt auf, das nasse Pilgerhemd klebt am Leib. Um 20:00 erreiche ich den Gasthof von Monterovere.

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Nun will ich des Konzils von Trient gedenken – mit „Teroldego“, jenem Wein des Trienter Beckens, der als Schmierstoff des Konzils weithin gepriesen wurde. Vielleicht hätten sie den 400 Jahre später nach Rom importieren müssen, damit die Hirne der Konzilsväter im Lot geblieben wären! Die aber tranken das ungesunde Wasser des Rheins!

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02.05.2026

Tag 14 | 1. Mai 2026; Salurn – St. Michael an der Etsch – Pressano – Lavis – Trient; 31,2 km

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Vom Balkon meiner Herberge sehe ich von fern die Salurner Klause. Da wird mich der Weg durch führen, immer auf der antiken Via Claudia Augusta. Kaiser Augustus ließ sie nach der erfolgreichen Campagne von Drusus und Tiberius anlegen, um die neue Provinz Raetien zu erschließen. Nach dem Ausbau durch Kaiser Claudius konnte man auf ihr mit dem Fuhrwerk bequem bis Augsburg gelangen. Die Schlucht bei Bozen vermied die Route und ging durch das Vintschgau über den Reschenpaß nach Norden. Heute sind weite Strecken als angenehmer Radweg präpariert. Dafür – und nur dafür – seien die Grünen bedankt.

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Salurn bietet nichts besonders, einen schönen Altar in der Kirche, gewiß, und ein paar liebliche Lüftelmalereien. Das Beglückendste aber war mir, daß mein 1. Mai, Anfang des Marienmonats, von keinerlei Sozialistenfeiern beschmutzt war und mir kommt ein Kindervers aus meiner Jugend in den Sinn: “Drei Pfeile im Kreis Vertreiben Wohlstand, Anstand und Fleiß” So sinnierend komme ich an einer Parkbank vorbei mit der lichtvollen Aufschrift: “Alle Kinder haben das Recht zu spielen“ – bedauerlich nur, daß dies die politische Klasse zum Lebensprinzip erhoben hat; und die spielen böse Spiele!

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Weit öffnet sich das Tal hinter der Salurner Klause und wieder ist es der Wein, der die Landschaft bestimmt. St. Michael an der Etsch ist heute rein italienisch, doch auf einem gotischen Fresko kann ich recht undeutlich eine deutsche Aufschrift lesen. Das einstige Michaelskloster haben die Napoleoniden 1807 liquidiert. Der Erzengel Michael stößt über dem Portal der Klosterkirche den Teufel noch heute in die Hölle – und wieder muß ich an unsere Politiker denken.

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Pressano ist ein Dorf und wirkt dabei sehr italienisch-städtisch mit stattlichen Bauten einer besseren Zeit.

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Von der merkt man in Lavis nichts, die erste moderne Klotzsiedlung, die ich seit dem Brenner passiere.

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Trient ist mir wohlvertraut und mein erster Weg führt mich zu St. Simonino, dem Märtyrerkind von Trient. Am 26. März 1475 einem jüdischen Ritualmord zum Opfer gefallen, war er einst Schutzpatron der Stadt, und Kaiser Maximilian ließ anläßlich seiner Proklamation zum Kaiser in Trient eine Prozession mit den Reliquien abhalten. 128 Wunder wurden im ersten Jahr nach dem Tode des Kindes nachgewiesen und der Papst erhob Simon von Trient zur Ehre der Altäre. Bis 1964 stand er im Römischen Martyrologium und sein Festtag, der 24. März, war für die Gesamtkirche vorgeschrieben. Das paßte dann nicht mehr zur “neuen Theologie des Konzils” (Kardinal Roche), und so wurde sein Kult verboten und die Reliquien in der Kirche St. Peter und Paul irgendwo verräumt. Das Holzrelief des Märtyrers an der Kirchentür haben sie vergessen auszumerzen

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Der jüdische Gelehrte Ariel Toaf wies noch in einem Artikel in der Zeitschrift “l’Adige” 2007 darauf hin, daß man auf Grund der Beweislage der Prozeßakten den Kult nicht einfach als Antisemitismus abtun könnte, aber wen interessiert's? Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte wurde eine dogmatische Heiligsprechung auf Zuruf von außen aufgehoben und damit die ganze Unfehlbarkeit des Papstes ad absurdum geführt. In der Kirche des Konzils geht sich das alles aus!

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Den Dom finde ich schon geschlossen, dafür erwarten mich bei den “Zwei Mohren” Trientiner Spezialitäten, Strangolapreti gibt es, "Priesterwürger", eine Art lokaler Spinatknödl mit Parmesan und brauner Butter, noch recht handfest tirolerisch.

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Dazu trinke ich Marzemino. In Mozarts "Don Giovanni" preist der Schwerenöter bei seinem letzten Festmahl den edlen Tropfen aus Welschtirol und fährt anschließend in die Hölle. . Ich hoffe, das bleibt mir erspart!

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01.05.2026

Tag 13 | 30. April; Kaltern – Altenburg – Söll – Tramin - Salurn; 23,9km

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Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort und bei der Unmäßigkeit erwischt Er mich halt oft. So werde ich die gestrige Sauferei am Weg wohl büßen müssen! Spät komme ich erst auf und für einen Nachmittagsspaziergang ist Salurn doch recht weit.

Hoch über dem Anwese meines Freundes leuchten in einer Felsenrinne im Mendelgebirge die Tiroler Farben. Schneidige Patrioten haben sie angebracht, den italienischen Besatzern ein Dorn im Auge. Die haben dann auch versucht, das Heimatbekenntnis mit grüner Farbe auszulöschen; bis der erste heruntergefallen ist, dann haben sie aufgegeben!

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Ich nehme Abschied von Jürgen Wirth Aderlan und ziehe am Höhenweg in Richtung Salurn zum Stammsitz seiner alten Familie.Allzu schlimm dürften wir es gestern nicht getrieben haben, denn der Himmel taucht den Weg in gleißenden Sonnenschein. In Altenburg ein kleiner Imbiß, dann geht es hinunter am schönen Kirchturm von Söll vorbei nach Tramin. Von fern sehe ich den Kalterer See. Die Wegweiser lesen sich seit gestern wie eine Weinkarte!

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Tramin berühre ich nur am Rande. Reich ist der Ort durch den Weinbau, und herrschaftliche Ansitze reihen sich aneinander. Dabei wirken die Straßen eigenartig ausgestorben. Zur Kirche steige ich nicht hinauf. Um den berühmten “Traminer Altar” von Hans Klocker zu sehen, eine Kostbarkeit der Spätgotik, müßte ich mich ohnehin ins Bayerische Nationalmuseum nach München begeben. Es stimmt mich immer traurig, wenn religiöse Kunst entseelt als bloße Schaustücke in Museen herumstehen, denn die tatsächliche Kraft ihrer Schönheit entfaltet sich erst im Gebet.

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Ich finde keine geöffnete Lokalität, dabei geht langsam mein Wasser zur Neige. Fast 10km marschiere ich nun zwischen Weinstöcken und Spalierobst. Das wird dann auch öde, vor allem wenn man durstig durch die Weingärten geht.

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Das breite Tal verengt sich zusehends. Ich überschreite die Etsch, die bei Siegmundskron hinter Bozen die Eisack aufgenommen hat, und steuere hoffnungsvoll eine in meiner Karte vermerkte Bar an. Hier, rund 5km vor Salurn scheint’s allmählich italienisch zu werden. Die Klomuschel bleibt unbedeckelt, ist aber immerhin vorhanden. Am Tresen geht es deutsch und italienisch munter durcheinander.

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Offiziell gilt heute die Salurner Klause als Sprachgrenze. Bei Goethe, in seiner “Italienischen Reise”, die ich parallel zu meinem Weg studiere, liegt sie noch in Rovereto, und Trient ist deutsch.

Dabei haben sich bis in die Berge bei Verona deutsche Sprachinseln erhalten, die “13 Gemeinden“, deren Bewohner Petrarca fälschlich für die letzten Kimbern hielt. Daher nennt man ihr mittelalterliches Deutsch auch “zimbrisch”. Tatsächlich ist es das recht unverfälscht erhaltene Idiom bayerisch – alemannische Siedler des 11. Jhdts. Mein Freund Stefano Valdegamberi, langjähriger Bürgermeister von Verona, kann das noch sprechen, fährt aber immer wieder hinauf in’s Wirtshaus von Lusern, um seine Kenntnisse aufzufrischen. “I bin Daitschlond und nit balsch!”, hat er mir stolz auf Zimbrisch gesagt, was soviel heißt wie “Ich bin Deutscher und nicht Italiener".

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Im Quartier in Salurn grüßt mich ein letztes Mal Tirol in der Speisekarte. Tiroler Schlutzkrapfen gibt es, keine Pasta. Dazu nehme ich ein Glas Weißburgunder aus Tramin. Vor dem berühmten süßen Gewürztraminer schaudere ich zurück, “a homosexual wine“, wie ihn ein schottischer Freund bezeichnet!

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30.04.2026

Tag 12 | 29. April; Bozen – Fragant – Girlan – Kaltern; 23,2km

So vollgepackt mit Schönheit und Freude ist der heutige Tag, daß mich nicht mal das trübe Wetter verdrießt. 

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Zunächst aber bin ich einmal für rund eine Viertelstunde Antifaschist. Der Weg führt mich nämlich am sogenannten “Siegesplatz“ vorbei, wo Mussolini einen Triumphbogen mit obszöner Aufschrift hinklotzte. Auf jeder Seite starrt er zweimal mit stahlhelmbewehrtem grobschlächtigen Antlitz auf die unschuldigen Passanten. Ein Museum ist unter dem faschistischen Monument eingerichtet, eintrittsfrei und doch besucht es niemand.

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Das Bauwerk markiert den Eingang in eine faschistische Neustadt zwischen dem eigentlichen Bozen und Gries gelegen, die es brauchte, um die süditalienischen Zuzügler unterzubringen.

Ich muß da durch, um in der Pfarrkirche Gries jenen Michael-Pacher-Altar zu sehen, den der Künstler unmittelbar vor seinem Meisterwerk in St. Wolfgang schuf. Hier hat er noch geübt. Das Gotteshaus birgt auch das “Heppesberger Kreuz“, ein kostbares Kruzifix aus der Zeit um 1200, das immer noch der herrschaftlichen Familie gehört und nur leihweise zur Verehrung der Kirche überlassen wurde.

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Das nahe Kloster Muri-Gries mit bewegter Vergangenheit zeigt köstliche Fresken von Martin Knollen, der auch die Ölbilder der Altäre ausführte.

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Bald retour in der Bozener Altstadt, schaue ich mir einmal die Gletschermumie des Ötzi an, die mir keinen sonderlichen Eindruck macht. Ägyptische Pharaonen sind mir da näher. 

Die Bozener Altstadt, rein tirolisch, von großem Liebreiz, birgt auch eine wichtige Station für den Franziskuspilger. Das hiesige Franziskanerkloster ist nämlich das älteste im deutschen Sprachraum, gegründet noch zu Lebzeiten des Heiligen anno 1221. Franziskus soll noch als Knabe, seinen Vater auf einer Geschäftsreise begleitend, in der danebenliegenden Erhardkapelle ministriert haben.

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Der Bozener Dom bewahrt jenes Herzjesubild, vor dem die Tiroler Stände 1796 ihr Land unter den besonderen Schutz des allerheiligsten Herzens Jesu gestellt haben. Im Chorumgang lese ich die berührende Grabinschrift des Erzherzog Rainer, die der einstige Vizekönig von Lombardo-Veneto selbst höchst demütig verfaßte. Ein paar Schritte weiter darf ich vor den Reliquien des seligen Heinrich von Bozen beten, der als armer Taglöhner im Geruch der Heiligkeit verstarb. Vizekönig und Taglöhner – der eine bittet um’s Gebet, der andere ist zur Ehre der Altäre erhoben – dies ist die Wirklichkeit der katholischen Welt!

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Ein kleines Wunder schenkt mir nun der liebe Gott: Ich hatte vor, in Bozen zu beichten. Ich dachte in einer großen Stadt mit Bischofskirche sollte dies kein Problem darstellen. Schon gestern mußte ich bei meiner Recherche freilich feststellen, daß im Dom nur von 17:00 bis 18:00 Beichtgegenheit ist, und da bin ich bereits fort. Ich probiere es im Kloster Muri-Gries und bei den Franziskanern – vergeblich. Die Pforten sind fest verschlossen. So sage ich dem lieben Gott, wenn es Ihm gefällt, möge er mir einen Geistlichen über den Weg schicken. Kaum habe ich mich vom Gebet beim Seligen Heinrich erhoben, sehe ich im Kirchenschiff einen beleibten Schwarzafrikaner mit mächtigem Brustkreuz. Ich frage ihn, ob er wohl Bischof sei und ich bei ihm beichten könnte; und so nimmt mir der Diözesanbischof von Mafinga in Tansanien die heilige Beichte ab. Wer nicht an Wunder glaubt versteht die Welt nicht!

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Am frühen Nachmittag ziehe ich endlich los über die Weinberge zu meinem Freund in Kaltern. In Fragant gedenke ich des Südtiroler Freiheitskämpfers Sepp Kerschbaumer. 1957 hat er am Kirchturm die Tiroler Fahne aufgezogen und kam dafür für 10 Tage ins Zuchthaus. Im Gasthof "Schenk" plante er mit Kameraden die “Tiroler Feuernacht” vom 11. auf den 12. Juni 1961. Die Italienische Republik hat ihn dafür in Verona zu Tode gebracht.

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Im Nieselregen geht’s durch Girlan und vorbei an St. Michael, bis ich vergnügt bei meinem Freund Jürgen Wirth Aderlan in Kaltern eintreffe. Ein Freiheitskämpfer auch er, ist er der Stachel im Fleisch der satten Südtiroler Politik. Hoch hält er unsere gemeinsame österreichische Geschichte und darüberhinaus die christlichen Werte des Abendlandes. So quält er als Einzelkämpfer im Südtiroler Landtag besonders die SVP, die Südtiroler Verräter Partei, und konnte bei den letzten Landtagswahlen immerhin 6% der Wähler um sich scharen. Seine Videos und Wortspenden sind legendär. Er gewinnt, weil er eben nicht zur politischen Kaste gehört und spricht wie ihm der Schnabel gewachsen ist. “Scher' mi nix!”

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Beim Wirt “Zum Goldenen Stern” hebt dann die Wiedersehensfeier an. Die Glasln Vernatsch und die Schnapsln hat keiner gezählt. Richtig gefährlich aber wurde es, als Karl, der Wirt und einer von uns, nun den Amarone aus dem Keller holt.

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So kam mein Tagesbericht wohl etwas spät. Den Saufpilger gibt’s eben auch! 

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29.04.2026

Tag 11 | 28. April; Klausen – Waidbruck – Bozen; 32,4 km

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Ich blicke hinauf zum Kloster Säben und ein schlechtes Gewissen plagt mich, daß ich diesen einst so wichtigen spirituellen Ort auf meiner Wallfahrt auslasse. Doch ich will heute Bozen erreichen und da geht sich dieser Bergausflug nicht aus. Später erfahre ich, daß der einsame Zisterzienser am Felsen niemand anderer ist als Pater Cosmas, den ich aus Heiligenkreuz gut kenne und der sich über meinen Besuch gewiß gefreut hätte. Oft hat er mir in Gaaden, als er dort noch Stiftspfarrer war, am Pilgerweg nach Mariazell Quartier gegeben, ein überaus gelehrter und liebenswürdiger Geistlicher, den ich sehr gerne wiedergesehen hätte.

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Doch es nutzt nichts, der Pilger ist immer eilig und jene, die glauben, das Pilgern sei ein meditatives Schlendern durch die Landschaft, haben es nie ausprobiert! So ziehe ich meine Straße durch die liebliche Altstadt von Klausen vorbei an stattlichen Bürgerhäusern. Daß der Ort in der Liste der „luoghi più belli d‘Italia“ verzeichnet ist, erscheint mir skurril, denn absolut nichts ist da italienisch bis auf ein paar Aufschriften.

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Die Pfarrkirche St. Andreas zeigt ein schönes gotisches Netzrippengewölbe, das sich für die Barockisierung trefflich geeignet hätte, denn man kann das gut für die Armierung des Stucks verwenden – ich weiß, daß mich einige meiner Kunsthistorikerfreunde nun für diese Bemerkung hassen!

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Nun erwartet den Pilger ein leichter Weg, denn er führt auf einem Radweg auf der ehemaligen Bahntrasse der Monarchie schnurstracks nach Bozen.

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Vorbei geht es an allerlei Dörfern meist auf der anderen Eisackseite. Hoch über mir thront die Trostburg. Oswald von Wolkenstein ist hier aufgewachsen, der uns in seiner ebenso trunkfrohen wie kriegerischen Dichtung ein lebendiges Bild seines Mittelalters überlieferte. Bis 1967 war die Burg im Besitz der Grafen Wolkenstein-Trostburg, dann konnten sie sich die Erhaltung des mächtigen Gemäuers nicht mehr leisten. Sehr verdienstvoll übernahm  der Südtiroler Burgenverein die Feste und richtete dort ein Museum ein. Einen schönen Rittersaal soll es zu besichtigen geben, allein, so nah, bleibt die Burg doch unerreichbar für den eiligen Pilger.

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Der entkommt gerade noch dem Regen und erreicht Bozen gegen sieben Uhr abends. Daß der Einzug in die größte Stadt Tirols nicht mit optischen Freuden garniert ist, war zu erwarten. Dabei erkenne ich am Hang die schöne Kirche St. Martin in Kampill. Bedeutende gotische Fresken der Bozener Schule gäbe es dort zu bewundern. Aber jenseits von Eisack, Eisenbahn und Autobahn ist die Kirche auch für automobilisierte Reisende fast unerreichbar und wird kaum besucht.

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Der erste Eindruck Bozens ist ein gemischter. Neben faschistischen und neueren Klotzbauten liegt die Altstadt, gleichsam aus der Zeit gefallen. Der Duce leistete hier Beachtliches im „Großen Austausch“ und karrte Süditaliener in Massen in die Alpenstadt, sodaß der deutsche Bevölkerungsanteil heute gerade mal 20% ausmacht. Die aber scheinen zu dominieren. Im Brauhaus Forst verspeise ich sehr anständig eine Stelze und schließe mit einem Apfelstrudel, alles nicht sehr italienisch. Pasta findet sich nicht auf der Speisekarte und der Wein kommt von den umliegenden Hängen.

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Das Hotel "La Briosa" schien mir wegen seiner Lage am Eingang der Altstadt günstig. Bloß habe ich nicht damit gerechnet, daß das Haus sich mit allerlei modischen technischen Sperenzchen profilieren will. Um die Lichtschalter zu bedienen, braucht es wohl eine kompetente Einführung und die Dusche zwingt zu einiger Forschung, die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Der Schalter für die elektrischen Jalousien läßt sich nicht finden und so schlafe ich in einem geschlossenen Grab. Ich hoffe auf die Auferstehung morgen!

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28.04.2026

Tag10 | 27.April 2026; Brixen – Klausen; 17,2km

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Ein halber Ruhetag – die Schönheit Brixens erheischt es! Hier gibt es große Kunst zu bewundern, allen voran Paul Trogers Meisterwerk „Die Anbetung des Lammes“, das gewaltige Deckenfresko des Domes und dort auch sein Gemälde des Martyriums des heiligen Kassian. Dem gegenüber schuf  der Trienter Bildhauer Francesco Oradini den Rosenkranzaltar. Oradini werde ich in Trient wiederfinden in sein Reliefs des Märtyrerkindes San Simonino.

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Der Domkreuzgang zeigt in seinen Fresken capo lavori der Spätgotik. Die besten stammen von Leonhard von Brixen. Die Weihnachtsszene hatte es den Domherren besonders angetan, sie finde ich öfters, daneben recht wahllos allerlei aus dem Alten und Neuen Testament. Lustig ist da ein Elefant mit aufgesetztem Kriegsturm und gut kann man die Ritterrüstungen des 14. Jhdts. studieren. Ein jugendlicher Prophet Daniel kommt mir so bekannt vor! Er erinnert mich an das Selbstporträt des Thomas von Villach aus St. Paul, aber das kann nicht sein. Vielleicht sahen damals alle noch so unschuldig heiter aus?

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Im Kreuzgang in der Johanneskapelle wurde einmal große Politik gemacht. Bei der Synode von Brixen 1080 wurde Papst Gregor VII., von seinen Gegnern auch „Mönch Höllenbrand“ genannt, abgesetzt und statt seiner Witbert von Ravenna als Clemens III. auf den Stuhl Petri erhoben. Wer nun der gültige Papst war, blieb fraglich. In den Annalen der Kirche wird Witbert als Gegenpapst geführt. Aber so sicher konnte man sich nie sein. Der heilige Vinzenz Ferrer setzte im großen Schisma auf den falschen avignonesischen Papst und ein Gegenpapst des 2. Jhdts., Hippolyt von Rom, schaffte es  in den Heiligenkalender.

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1048 errang gar der Brixener Bischof Poppo die Papstwürde und behielt dabei auch sein Bistum Brixen. Er konnte sich bloß nicht lange an beidem erfreuen. Nach 24 Tagen wurde er vergiftet. Non praevalebunt! – ein Blick in die Kirchengeschichte tröstet!

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Am Nachmittag breche ich endlich auf und nehme Abschied vom köstlichen Hotel "Elephant". Dort entdecke ich als Pilgergruß ein Portrait des heiligen Erzpilgers Jean Benoît Labre, von mir stets hochverehrt und an jedem Pilgertag angerufen. In Rom wede ich seine Reliquien besuchen. Gewiß ist dem Hotel ganz unbekannt, welcher armselige Mann da dargestellt ist, mir aber ist das Bild ein eigentümlicher Gruß über die Zeiten hinweg, denn der heilige Jean Benoît Labre ist da sicher durchgekommen. Im Hotel "Elephant" zu festen konnte er sich freilich nicht leisten, aber er war ja ein Heiliger!

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Der Sünderpilger nimmt nun den Weg auf der Staatsstraße, eingeklemmt zwischen Eisenbahn, Autobahn und Felsenwand. Der Verkehr wird so unerträglich, daß ich bald 200 Höhenmeter aufsteige und nun lieblich durch Obstplantagen und Weingärten wandere. Herrliche Fernblicke tun sich auf und ich erkenne den mehr als 3000 Meter hohen Sass Rigais.

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Das Tal unter mir ist nicht schön. Zugepackt von Verkehrswegen und Industrie bleibt kein Platz für Arkadien. Da sticht auch mein Zielort Klausen nicht lieblich hervor. Auch das war früher besser. Albrecht Dürer verweilte hier auf seiner italienischen Reise und fertigte eine Vedoute an, die er später für seinen Kupferstich „Nemesis“ verwendete.

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Im „Bischofshof“ steige ich recht passend ab. Das einstige Haubenlokal fiel dem allgemeinen Personalmangel in der Gastronomie zum Opfer, doch die edle Wirtin hat ein Herz für Pilger und richtet mir eine schmackhafte Eierspeis. Im Abendlicht sehe ich hoch oben am heiligen Berg, was vom einstigen Kloster und Bischofssitz Säben noch übrig ist. Die Segnungen des Konzils haben auch diese geistliche Gemeinschaft ausradiert. Im November 2021 zogen die letzten drei Nonnen ab.

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Immerhin nimmt sich nun hier ein allein lebender Zisterzienser des Wienerwaldklosters Heiligenkreuz der Gläubigen an, und ich will dafür beten, daß Heiligenkreuz das Kloster bald ganz besiedelt. Non praevalebunt!                             

 

 

27.04.2026

Tag 9 | 26. April 2026; Sterzing – Stilfes – Sachsenklemme – Franzensfestung – Brixen; 37,7km

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Sterzing kenne ich gut, bedeutend sind die Reste des Multscher Altares in der ehemaligen Deutschordenskommende, doch heute ist Sonntag und ich habe es eilig, die Heilige Messe zu erreichen – um 17:00 in Brixen, und das ist noch weit!

Durch die Altstadt führt der Weg an den stattlichen Bürgerhäusern mit ihren schönen Erkern vorbei. Während in manchen Gegenden des Vaterlandes einst Steuern auf Fensterflächen eingehoben wurden, mußte man in Tirol für die Hausbreite zahlen. So halfen sich die findigen Bürger, indem sie sehr lange, aber zur Straßenfront schmale Häuser errichteten, die sie dort mit durch hohe Fenster belichteten Erkern erweiterten. Not macht erfinderisch und manchmal kommt Anmutiges dabei heraus! Sterzing war immer Durchzugsstadt für die Pilger und einmal gab es hier drei Hospize. Das Stadtwappen ziert seit 1280 meinen Kollegen mit Rosenkranz und Kutte, es könnte sich aber auch um den „Sterzl“ handeln, den legendären Eremitengründer der Siedlung.

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Der Radweg führt zunächst an der Autobahn entlang und steigt dann hinauf nach Stilfes, ein netter Ort, in der Kirche ein farbenfrohes Fresko von Christian Brandstätter, bereits vom Klasizismus angekränkelt.

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In Sachsenklemme böte ein herrschaftlicher Ansitz Möglichkeit zur Rast, doch die käme mir jetzt zu früh. Da war mir freilich nicht bewußt, daß ich nun bis Brixen nichts Brauchbares mehr finden werde. 1809 haben sächsische Regimenter hier 500 Tiroler Freiheitskämpfer aufgerieben. Allein deswegen will ich mich da nicht zu lange aufhalten!

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Damit so etwas nicht mehr passiert, ließ Kaiser Franz 1833 bis '38 unter enormen Aufwand hier nach neuester preußischer Fortifikationskunst einen unüberwindlichen Sperriegel errichten, die Franzensfeste. Erzherzog Johann war der Protektor des Projektes, das die gewaltige Summe von 2,6 Millionen Gulden verschlang. Tatsächlich wurde die Festung nie bezwungen. Sie wurde ignoriert!

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Die Landschaft ist von ungezählten Kreuzen geheiligt und da tauchen dann die ersten Exoten auf, die hier noch mehr als Fremdkörper wirken als in den großen identitätsbefreiten Städten. Ansonsten ist alles Tirol, und nie käme mir in den Sinn, daß ich mich in Italien befände. Man spricht den vertrauten Dialekt und gerade mal die italienischen Aufschriften fallen auf.

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Die hat man andernorts oft auf Englisch für die Touristen, und tatsächlich kommen hier die meisten Touristen aus Italien. Die lächerlichen Übersetzungen der Ortsnamen durch Senatoren Tolomei nimmt sowieso niemand ernst!

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Ich schaffe es bis 17:00 nach Brixen. Die „Herrgottsgarage“ der Piusbruderschaft muß man freilich erst finden! Mag sein, daß die Konzilsmesse gültig ist, aber ich ertrage das banale Gequatsche und die masonische Händeschüttelei einfach nicht. Wenn also der liebe Gott dem Fußpilger eine Heilige Messe im ewigen Römischen Ritus erreichbar an einem Sonntag  auf den Weg  stellt, verlangt das eine gewisse Anstrengung. Ich weiß nicht, wie viele Kirchen hier im Umland ungebraucht als bloße architektonische Zeugnisse einer anderen Zeit herumstehen, den Priestern der Tradition gönnt das Ordinariat jedenfalls keine. So haben die Piusbrüder abseits des Zentrums von Brixen einen profanen Raum zur Kapelle umgestaltet, soweit das halt geht. Pater Mura, den ich aus Lienz gut kenne, celebriert sehr würdig und angesichts des Heiligen Meßopfers verschwindet die Häßlichkeit des Raumes – zumindest für einen Augenblick!

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Endlich Rast und Trunk nun. Ich logiere im „Elephant“ dem traditonsreichsten Gasthof Brixens. Soliman der Elefant gab dem Haus den Namen. Er war ein durchaus großes Geschenk der portugiesischen Kronprinzessin Johanna, Tochter Karl V., an ihren Vetter, den späteren Kaiser Maximilian ll. in Wien. Was soll man Leuten, die schon alles haben, sonst schenken?

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Das Rüsseltier wurde bis Genua verschifft und dann über die Alpen nach Innsbruck getrieben. Nun ging’s wieder weiter per Schiff über Inn und Donau bis in die Reichshaupt- und Residenzstadt. In Brixen haben der Elefant und seine Entourage im besten – und größten – Gasthof Station gemacht. Das machte Eindruck und eine gewaltiges Fresko an der Außenfassade des historischen Gebäudes kündet noch heute davon!

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Man muß so aufpassen, nicht auf „fake news“ reinzufallen! Vor einem Jahr erzählte ich auf meinem damaligen Pilgerweg vom ebendiesem Elefanten und seinem Quartier im heutigen Gasthof Riegler. Dort ist man nämlich überaus stolz 1552, Quartiergeber des tierischen Geschenks gewesen zu sein. Alles erstunken und erlogen! Der Elefant war niemals in Bruck an der Mur. Sie haben ihn sich herbeigeträumt und gar so oft davon erzählt, bis sie es selber glaubten; und bis heute auch ich!

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26.04.2026

Tag 8 | 25. April 2026; Stafflach  Gries Brenner  Gossensaß  Sterzing; 24 km

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Die letzte Höhe vor dem Paßübergang gilt es zu überwinden und da führt mich der Weg durch Gries. Das schlichte Kirchlein schmückt ein Deckenfresko von Josef Arnold aus 1827, und da war aller Jubel des Ancien Régime längst vorbei. In seiner trockenen, akademischen Malerei zitiert er im Deckengemälde der Darbringung Christi irgendwie Raffaels „Schule von Athen“ und erreicht doch nicht mehr als die Illustratoren von Schulbüchern der alten Zeit. Die Luft ist raus!

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Viel hatte Gries ja nie zu bieten, und das wenige haben sie demoliert. Seit 1455 war der Gasthof „Weißes Rössel“ dokumentiert, doch gewiß war er weit älter. In gotischen Gemäuern gab es da Fresken aus dem 18.Jahrhundert, eine Stube eingerichtet von Prachensky 1927, Arbeiten von Paul Flora aus den 50er-Jahren und Lüftelmalerei an der Fassade. Das alles ficht einen Immobilienspekulanten nicht an. Der Elektriker und Lokalpolitiker  der kann sich‘s richten  Andreas Vogelsberger erwarb das Anwesen 2009. Schon im Jahr darauf konnte er sich über den ersten Großbrand freuen. „Warmabtragen“ nennen sie das in der Fachsprache. Der reichte aber noch nicht und so brauchte es einen Kabelbrand 2023  es soll ja wie ein Unfall aussehen – um alles endgültig zu ruinieren und den Denkmalschutz auszuhebeln. Denn bei „technischer Abbruchreife“ stünde auch Schloß Schönbrunn nicht mehr lang! Wo einst die historische Herberge die Straße dominierte, klafft jetzt ein Loch hinter einem Bauzaun. Bestimmt knallt der Herr Gemeinderat bald ein Appartmenthaus hinein. Wie Cäsar jene Piraten, die ihn als jungen Mann entführten, behandelte, so sollte man diese Räuber unseres Kulturgutes traktieren: Flüssiges Gold in die gierige Kehle!

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Am Ortsausgang von Gries erinnert eine Tafel am „Plattenfelsen“ an die Begegnung Kaiser Karls V. hier am 3. Mai 1530 mit seinem Bruder Ferdinand. Der Kaiser kam von seiner Krönung in Bologna und wurde vom Bruder als dem Landesfürsten von Tirol empfangen. 13 Jahre zuvor, auch im Mai, hatten sie einander in Spanien erstmals gesehen, denn Karl war in den Niederlanden aufgewachsen, während sein Bruder, für die spanische Krone vorgesehen, bei seinem Großvater Ferdinand von Aragon lebte. Karl fand soviel Gefallen an Spanien, daß er es für sich behielt, dem Bruder aber den windigen Norden gönnte. So war das Verhältnis wohl immer gespannt. Zu Villach anno 1555 haben sie einander zum letzten Mal gesehen. Der gealterte Kaiser konnte der Realpolitik seines Bruders mit den Protestanten nichts mehr entgegensetzen   außer seiner Verachtung und Abdankung.

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Bald ist die Paßhöhe von 1370m erreicht, im Puff auf Nordtiroler Seite ist nicht mehr viel los, dafür reiht sich drüben Trattoria an Pizzaria. Das ist da ja noch nicht Italien, doch kann ich einer Pasta al Asparagi und einem wirklichen Kaffee nicht widerstehen. Die Kellnerin stammt aus Bergamo. „Sempre Austria!“ proste ich ihr zu. Sie sieht das nicht ganz so und einiges an Aufklärungsarbeit wäre jetzt notwendig, doch der Pilger ist immer eilig.

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Die trotzige Tafel genau hinter dem „Grenzübergang“, die schneidig die  gefürstete Grafschaft Tirol annonciert, macht mein Herz lachen und auch unterwegs finde ich immer wieder Bekenntnisinschriften.

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Gemütlich geht es am Radweg bergab und ich blicke von fern auf jenen Hang, wo ich im Trottelcoronajahr, wo alles verboten war, über die grüne Grenze ging. Ja, sperrt mich dafür ein, dann aber auch all die anderen, die das Tag für Tag tun. Doch dafür reichten alle Gemeindebauwohnungen Wiens nicht!

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Gossensaß ist auch so ein Ort, den kein Schnellfahrer auf der Brennerautobahn je besuchen wird, und doch lohnte sich der Umweg. Noch einmal trumpft Matthäus Günther mit einem leuchtenden Deckenfresko auf. Unser Herr Jesus Christus treibt die Händler mit der Peitsche aus dem Tempel  und plötzlich muß ich wieder an den Gemeinderat Andreas Vogelsberger denken!

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Abseits der Hauptstraße folge ich dem Radweg beschwingt bis Sterzing, wo ich im tadellosen "Gasthof zur Traube" absteige.Der Name sei mir Programm!

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25.04.2026

Tag 7 | 24. April 2026; Innsbruck – Vill – Patsch – St. Peter – Mühlbachl/Matrei – Steinach – Stafflach; 33,2km

 

Ein Tag voll Schönheit und barocker Pracht erwartet mich! Zur Morgenandacht gehe ich in den Dom, eigentlich ja die Stadtpfarrkirche St. Jakob, denn der wahre Bischofssitz des einigen Tirol war stets Brixen. Dort bete ich vor dem Mariahilfbild, der bedeutendsten Mariendarstellung im gesamten Alpenbereich, von der Hand eines Protestanten mit verschlungener Geschichte.

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Als der spätere Tiroler Landesfürst Leopold V. noch Bischof von  Passau war, erbat er sich gelegentlich eines Besuches beim sächsischen Kurfürsten in Dresden jenes anrührende Madonnenbild des Lukas Cranach, das auf die griechische Ikonographie der Eleousa zurückgeht, wo liebevoll Mutter und Kind ihre Wangen aneinander drücken. Ganz anders als die bislang hoheitsvolle Darstellung des Gottessohnes auf dem Mutterschoß gleich einem Thron, spricht diese Szene die liebenden Herzen der Gläubigen an und hilft so, sich ins Innenverhältnis der Hohen Frau zu Ihrem Gottessohn zu versenken.

Als Bischof Leopold nun die Karriereleiter hinaufkletterte und als V. seines Namens Landesfürst von Tirol wurde, nahm er das Bildnis nach Innsbruck mit, in Passau wurde nun seine erste Kopie verehrt.

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Die besuchte Kaiser Leopold tagtäglich, da er sehr widerstrebend wärend der 2. Türkenbelagerung endlich nach Passau evakuiert worden war. Wehmütig schrieb er in einem Brief nach Wien, er wäre lieber bei seinen Wienern geblieben, beugte sich dann dem dringenden Rat seiner Generäle und kämpfte nun auf den Knien Tag für Tag vor dem Gnadenbild für die Befreiung der Kaiserstadt. Für seine Rückkehr gelobte er die Errichtung einer Kirche mit einer dritte Kopie des Gnadenbildes just in der verwüsteten Gegend des ehemaligen türkischen Hauptquartiers. Die gab den Namen des heutigen Wiener Gemeindebezirks Mariahilf, und nicht weit von der Kirche laden Kebabbuden zu orientalischem Schmaus. Das hätt' der Kaiser sich nicht gedacht!

 

Mein Weg führt über die Grassmayerkreuzung nach Wilten, dem antiken Veldidena. Die Verlehrsfläche hat irgendeinen anderen Namen, den niemand kennt, denn alle sagen eben Grassmayerkreuzung, weil dort die Glockengießerei, der älteste Familienbetrieb Österreichs, dokumentiert seit 1599, seinen Sitz hat. Meine gestrige Gastgeberin ist eine geborene Grassmayer und mit ihrem Bruder bin ich auch befreundet. Für die Minoritenkirche in Wien haben sie dank reicher Spenden der Gläubigen das wunderbare Glockenspiel geschaffen, und die Grassmayer legen Wert darauf, keine Gießer sondern Instrumentenbauer zu sein!

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In der Basilika Wilten gibt es das nächste Gnadenbild zu verehren, „die Madonna unter den Säulen“. Fast schäme ich mich, daß mein Blick von ihr immer zur Decke schweift – zu großartig sind die Fresken des Matthäus Günther, ein jubelnder Lobpreis des Himmels im lichtdurchfluteten Rokoko. Viel Licht erstrahlte zu jener Zeit, auch dunkles, das die Angelsachsen „enlightenment“ nennen.

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Ich passiere die Sill, gehe über die Westautobahn und unterschreite die Brennerautobahn, jetzt bin ich auf der Via Romea, der alten Römerstraße, die fast ohne Verkehr den Brenner hinaufführt. Zügig steigt der Weg auf 1000 Höhenmeter an, dann geht es lange auf und ab über die Dörfer, die hier vom Ungeist modischer Bauideen noch weitgehend unberührt blieben.

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Gleich in Vill begegnen mir die Grassmayer wieder. Die dortige Glocke aus 1750 hat Wolfgang Bartlmä gegossen. Franz Xaver Kirchebner schuf die köstlichen Deckenfresken, ein Kleinmeister aus Axams, der immerhin bei von Maytens auf der Wiener Akademie studierte hat.

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In Patsch hat Anton Zoller mit seinem Pinsel den Himmel geöffnet, und mich beeindruckt, welchen Aufwand diese kleinen Bergdörfer für ihre Kirchen trieben. Vielleicht war es das Anliegen der Dorfgemeinschaft, die oft in Not und Elend, engen Kammern und dunklen Räumen lebte, wenigstens für ein paar Stunden am Sonntag einen Blick in den Himmel zu öffnen.

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Bei Matrei wechsle ich auf die Bundesstraße. Ich will die Fresken der Pfarrkirche sehnen, die im Vorort Mühlbachl steht. Den kaiserlichen Hofmaler Adam von Mölck hat man hier hergeschickt, um Kaiser Karl VI. als Türkensieger zu feiern. Gleich Kaiser Konstantin zeigt er die Devise: „In hoc signo vinces!“ Warum an so abgelegener Stelle dies bestellt wurde, muß ich noch erforschen!

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Die Stadt Matrei kann dem lieben Gott und der Asfinag für die Autobahn danken, denn einmal rauschte da durch die Hauptstraße der ganze Verkehr nach Süden durch. Trotzdem hat sich ein hübsches Stadtbild erhalten und alte Herbergen reihen sich aneinander. Die hatten wohl Einbußen zu erleiden und danken nicht.

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In Steinach sieht man nichts besonderes, nicht einmal herausragende Scheußlichkeit. Warum am Ortsausgang in einem Haus im ersten Stock ein Chinalokal vergeblich auf Gäste wartet, ist wohl ebenso ein Mysterium, wie die Lokalisierung jenes Kaiserfresko in Matrei.

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In Stafflach nehme ich Quartier im Penzhof, dem schönen alten Haus der Familie Ebner, die ebensoschöne Kühe züchtet, die schon reichlich prämiert wurden. Einmal unterhielten sie hier auch ein Gasthaus, doch die diversen Auflagen der Behörden verursachten solchen Kosten, daß sich das finanziell nicht mehr lohnt. Voilà – das ist Österreich!

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Frau Ebner aber sorgt reizend für mich und richtet ein paar Würstel  und ein Pilgerbier. Von der Schönheit des heutigen Tages bin ich ohnedies noch angesoffen!

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24.04.2026

Tag 6 |  23. April 2026;  Jenbach – Absam – Innsbruck; 39km

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Kalt ist der Morgen in Tirol! Los geht’s bei 4°, doch strahlender Sonnenschein verspricht einen glücklichen Pilgertag!

Schleunigst lasse ich Jenbach – unseligen Angedenkens – hinter mir und marschiere auf angenehmem Radweg oberhalb der Verkehrslawine des Inntals flußaufwärts. Das Rauschen der Autobahn wird freilich mich den ganzen Tag begleiten. Bald taucht Schloß Tratzberg am Hang auf. Im Habsburgersaal gibt es den monumentalen Stammbaum unseres angestammten Herrscherhauses mit den bedeutendsten Darstellungen der frühen Habsburger zu bestaunen, doch für solche Extratouren ist heute keine Zeit. Innsbruck ist weit und der Pilger immer eilig!

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Der darf dann kilometerlang am Solarpark Stans dahintrotten. Wo einst Tiroler Kühe weideten, decken nun schwarze Paneele die Wiese ab, unter denen ein paar Schafe verwirrt Grasbüschel auszupfen – doch nein, verwirrt ob dieser absurden Umgebung sind sie gar nicht. Schafe nehmen alles hin, wir kennen das!

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Die Silhouette der einstigen Silberstadt Schwaz am andern Innufer ist von Glas- und Betonfronten verstellt. Auf meiner Seite wandere ich durch Gottes herrliche Landschaft, die die gefallen Menschheit nach Kräften verschandelt. Es wird viel gebaut in Tirol, sehr zum Schaden seines Erbes!

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Natürlich braucht es Wohnraum in diesem prosperierenden Land, der Jammer ist nur, daß auswechselbare Schablonen einer gesichtslosen Moderne globalistisch jeder Gegend ihre Eigentümlichkeit rauben. Zeigte mir jemand ein Bild der Altstadt von Rattenberg und ich wäre noch nie da gewesen, wüßte ich, daß das eine Inn-Salzach-Stadt ist, die nicht in Niederösterreich oder in Kärnten liegen kann. Was ich da oben auf die grünen Matten hingeklotzt sehe, kann in Niedersachsen, der Picardie, Texas oder Dubai stehen; nein nicht in Dubai, dort wär das weniger provinziell!

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Ich habe die nördliche Innseite für meinen Weg gewählt, weil ich nach Absam möchte. Jakobus Steiner stammte von dort, der bedeutendste Geigenbauer des 17. Jhdts., dessen Violinen zu seiner Zeit als Soloinstrumente mehr geschätzt wurden als die seines heute weit berühmteren Zeitgenossen Stradivari. Aber nicht ihm gilt meine Wallfahrt heute, sondern dem Gnadenbild, das in der zur Basilika erhobenen Pfarrkirche St. Michael verehrt wird.

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Am 17. Jänner 1797 erschien plötzlich an der Fensterscheibe eines Bauernhauses das Bild Unserer Lieben Frau. Der Bauer und sein Sohn waren zur Holzarbeit im Walde und zunächst befürchtete die Hausfrau ein Unglück. Allein, vielleicht wollte die Himmelskönigin Ihren Tirolern in jener schlimmen Revolutionszeit nur Trost spenden. Die Kirche prüfte das Bild, fand keine natürliche Erklärung dafür und anerkannte das Wunder. Die kirchenfeindlichen Besatzer Tirols versuchten mit allen möglichen Säuren das Bild auszulöschen – vergeblich! In die Pfarrkirche wurde es übertragen und ein würdiger Seitenaltar wurde ihm als Thron errichtet. Oft hab ich das Bildnis schon besucht und irgendwie erinnert mich das Portrait an jene „Advocata“, die am Monte Mario in Rom verehrt wird und die wohl wirklich der heilige Lukas gemalt hatte. Einbildung?

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Nun geht’s ins Finale hinunter zur B171, über den Inn und weiter auf der Reichenauer Straße durch ein Innsbruck, das mir unbekannt war, und das war gut so. Endlich habe ich die Kisten zur Arbeiterintensivhaltung hinter mir und erreiche die wundervolle Altstadt. Beim Goldenen Dachl schließt der Pilgertag.

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Jetzt wird gefestet bei „meiner Tiroler Familie“! Seit mehr als 30 Jahren sind wir befreundet und oftmals durfte bei ihnen glückliche Stunden verbringen. Heute komme ich zu Fuß und der Tisch biegt sich für den Pilger. Die unvergleichliche Lasagne der Dame des Hauses und der Chianti geben einen Vorgeschmack auf Italien.

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Ein Vollbad – das erste seit Wien, denn Badewannen kommen ab in Hotels – schließt luxuriös den Tag und glücklich sinke in in mein vertrautes Bett. Vergelt‘s Gott, liebe Freunde!

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23.04.2026

Tag 5 | 22. April 2026;  Wörgl – Kundl – Rattenberg – Wiesing – Jenbach; 29,9km

Noch hält mich der Dunstkreis Wörgls mit seiner Industrie gefangen, dann führt mich ein Radweg weg von den Blechlawinen auf lieblicher Strecke über die Dörfer. In Kundl lädt die anmutige Barockkirche zum Gebet und nicht weit, in „St. Leonhard auf der Wiesn“ erwartet mich gar ein caput lavori der Tiroler Gotik.

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Der Legende nach war einst der heilige Kaiser Heinrich da vorbeigekommen und gelobte für eine im Inn aufgefundene Figur des heiligen Leonhard ein würdiges Gotteshaus zu errichten. Der galt damals noch als einer der Schutzpatrone der Bergleute, und so fehlte dann auch nicht das Geld für einen meisterlichen Neubau im 15. Jh. In der Heilstumslaube im Kirchhof wurden dem gläubigen Volk Reliquien zur Verehrung dargereicht.

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Dieses gläubige Volk hinterließ allüberall Wegkreuze und Gedenksteine, die heute uns erinnern, was einst der Lebensodem dieser Landschaft war.

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Auf Rattenberg freue ich mich schon seit meinem heutigen Aufbruch und halte dort dann für den Pilger ungewohnt üppigen Mittagstisch. Den hausgemachten Blut- und Leberwürsten im Brauhof konnte ich einfach nicht widerstehen!

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Rattenberg, die kleinste Stadt Tirols, war vor den Gebietserwebungen Kaiser Maximilians bayerischer Grenzort und durch Zolleinnahmen reich geworden. Kirchlich gehört es noch zum Herrschaftsbereich des Fürsterzbischofs von Salzburg und der schickte auch den Mondseer Meister Meinrad Guggenbichler, den prächtigen Annenaltar in der Pfarrkirche zu errichten. Der zweischiffige gotische Bau – Rattenberg war auch Bergmannsstadt – ließ sich tadellos barockisieren und die Deckenfresken von Simon Benedikt Faistenberger und Matthäus Günther gehören zum Schönsten, das das Unterinntal zu zeigen hat.

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Heute lebt das Städtchen hauptsächlich vom Tourismus und ein von ein paar Glasbläsereien, die in der Fußgängerzone ihre kitschigen Produkte feilbieten – hélàs, Murano ist noch weit!

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An einer Fassade erinnert eine Gedenktafel, daß den Laden dieses Hauses einst Erzherzog Thronfolger Franz Ferdinand besuchte. Heute verkauft man da Gefrorenes, damals wird‘s wohl ein Waffengeschäft gewesen sein!

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Ich überquere den Inn und unterschreite Autobahn und Eisenbahn, dann munter über die Wiesen nach Wiesing, ein kleines Dorf mit einer prunkvollen Kirche – man erkennt, wofür einzig sich Investitionen lohnen: für die Ewigkeit.

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Genug geschwelgt, grausam tritt mich der Pfad in die Gegenwart. Jenbach reicht in seiner Scheußlichkeit fast an Wörgl heran. Die Fugger begründeten hier die Industrie, dann war sie in jüdischen Händen und heute gehört sie einem Unternehmen mit Sitz in Abu Dhabi. Man spürt die Entwurzelung. Der Ort hat keine erkennbare Struktur, die gotische Kirche steht irgendwo am Rand. Im überteuerten Jenbacher Hof funktioniert die Dusche nicht, dafür bietet das Hotel auch keine Möglichkeit, zu Abend zu essen. Es gibt zwei Gaststätten im Ort, die man erst finden muß. Ich kann mich entscheiden ob ich Italienisch, wahrscheinlich bei Albanern, oder heimisch bei Türken essen möchte. Ich entscheide mich für letzteres und kann nicht klagen. Die Küche bei „Seppi“ – der Türke wählte diesen Namen um sich stärker zu inkulturieren – ist so ausgezeichnet, daß es mir nicht einmal den Magen umdreht, da ich meine Mahlzeit neben dem geräuschvollen Spesendinner der regionalen Ortsgruppe der Neos einnehmen muß. Alles in allem bin ich aber „not amused“, da hilft auch der Chianti nicht.

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Da ich an den gesichtslosen Fassaden der Betonkisten Jenbachs vorbei in mein Quartier zurückkehre, kommt mir jenes Manifest in den Sinn, das 1984 Günther Nenning und Jörg Mauthe veröffentlichten:

„Das schöne Land Österreich wird immer häßlicher. 
Wir stellen traurig fest, daß das Schöne in keinem
Parteiprogramm auch nur erwähnt wird.
Das Schöne wie das Gute sind aber die beiden fundamentalen Maßstäbe allen menschlichen Tuns und Denkens.
Machthaber sind ja oft unerquicklich, aber die früheren haben wenigstens Schönheit hinterlassen. Die heutigen zerstören sie.
Die tägliche Vernichtung von Schönheit muß aufhören.“

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G’nutzt hat‘s nix !

 

22.04.2026

Tag 4 | 21. April 2026; St. Johann in Tirol – Going – Ellmau – Söll – Wörgl; 34,2km

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Ein Gruß der Schönheit verabschiedet mich aus St. Johann. Noch einmal erfreue ich mich an Wolfram Köberls Lüftlmalerei am Gasthof Post. Just hier habe ich diesen letzten österreichischen Barockmaler vor gewiß 30 Jahren zum ersten Mal entdeckt. Es war mir aufgefallen, daß diese Fassadenmalerei hier anders war als die der Volkskunst zuzuordnende bäuerlich-naive Lüftlmalerei, wie man sie sonst noch im Tirolischen und teilweise in Salzburg findet. Da war der Anspruch großer Kunst in der Nachfolge von Maulpertsch, Rottmayer und Troger! – und er hat signiert: „Wolfram Köberl pinxit“! Später konnte ich ihn dann persönlich kennenlernen und durfte auch seinen Ölentwurf zum Annenaltar des Doms zu Innsbruck erwerben. Nach dem 2. Weltkrieg, als in der Kirche noch Geschmack und geistige Gesundheit vorherrschten, hatte er als junger Mann all die zerstörten Deckenfresken der Gotteshäuser wieder zu restaurieren und teilweise neu zu malen. Dabei kopierte er keineswegs die großen Meister der Vergangenheit, sondern entwickelte einen eigenen luftigen, heiteren Stil, so unverwechselbar, daß ich ihn immer gleich erkenne und mein Herz lacht. Die Räubersynode von Trastevere bedeutete dann für Köberl einen gewissen Karriereknick, denn die Pracht der ecclesia triumphans war nun nicht mehr angesagt. Jetzt hatte man das hier und heute in all seiner häßlichen Niedrigkeit zu umarmen und da braucht es kein „Köberlsches Barock“!

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Jetzt herrschen kalte Geometrie und alte Sachlichkeit und die werden meinen heutigen Weg begleiten. Besonders um St. Johann reiht sich Bausünde an Bausünde. Fünfmal wiedergekauter Bauhausstil aus jeder Proportion gefallen und monoton repetitiert scheint das einzige zu sein, dass moderne Architekten noch herauswürgen können. Aber nein, Architekten gibt es nicht mehr, bloß zertifizierte Anwender der Bauordnung! Erstaunlich auch, das diese schamlos ihre Hervorbringungen in ihren Werkmappen vorlegen – nein, die Hölle ist nicht leer!

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Zunächst gibt es kein Entkommen der dicht befahrenen Bundesstraße 178, ab Going führt dann ein Radweg mit einigen Umwegen recht angenehm über die Dörfer, dafür sei dem Tourismus und auch den Grünen gedankt!

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Kalt ist es mit 7° , doch manchmal wärmt ein Sonnenstrahl die Glieder geradeso wie gelegentlich ein schöner alter Hof das Herz. Fernab der Hauptstraße und der Hotelkomplexe hat sich manch Schönes erhalten und läßt mich ahnen, wie auch hier Tirol einmal ausgesehen haben muß!

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Dabei wünscht sich das Volk auch heute etwas, das es für “das Schöne“ hält. Was freilich dabei im Zwergerlgarten herauskommt, überzeugt nicht wirklich.

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Abends erreiche ich Wörgl, laut meiner Innsbrucker Freunde der häßlichste Ort Tirols. Sie haben nicht übertrieben! Was den Besucher hier erwartet, scheint dem Fiebertraum eines zum Leben erwachten Reißbretts entsprungen zu sein. Absolut nichts Anmutiges ist geblieben. In dystopischer Umgebung bleibt das Kriegerdenkmal für die Gefallenen der Schlacht von Wörgl im Franzosenkrieg ein Fremdkörper einer anderen Epoche. Womöglich ist das einzige, das Wörgl noch heilen kann ein Flächenbombardement!

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Absolut nichts Anmutiges ist geblieben. In dystopischer Umgebung bleibt das Kriegerdenkmal für die Gefallenen der Schlacht von Wörgl im Franzosenkrieg ein Fremdkörper einer anderen Epoche. Womöglich ist das einzige, das Wörgl noch heilen kann ein Flächenbombardement!

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Sei‘s drum – Bier hilft und schließt den Pilgertag. Morgen, so glaube ich fest, wird alles besser!

21.04.2026

Tag 3 | 20. April 2026 - Hirschbichl – Lofer – Waidring – St. Johann in Tirol; 39,1km

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20. April – Geburtstag! Mein kostbarstes Geschenk erhalte ich gleich am frühen Morgen: Don Siegfried ist um 6:00 in Berchtesgaden aufgebrochen, um mir um 7:00 in der winzigen  Kapelle am Hirschbichl die Heilige Messe zu lesen. Wie könnte ich schöner mein neues Lebensjahr beginnen. Daß drüben am Gasthof tibetische Gebetsfahnen flattern, ist der Trottelhaftigkeit des Zeigeistes geschuldet – derselbe wird sie irgendwann verwehen, das Kapellchen wird bleiben!

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Munter nun noch rund 100 Höhenmeter hinauf, auf 1279m biegt bei der Eiblkreuzung der Weg ins Tal ab. Schnee liegt noch da oben und es ist kalt, aber immerhin dürfte ich heute vom Regen verschont bleiben.

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Im Tal erreiche ich bald die Tiroler Grenze. Die Erinnerung an die Franzosenkriege ist noch allgegenwärtig. „Für den Kaiser“ grüßt ein Monument gleich am Grenzstein. Dort wird auch der Opfer der Schlacht am Hirschbichl gedacht, von wo ich gerade heruntergestiegen bin. Oft werden mir am Weg Memorials aus jener Heldenzeit der wackeren Tiroler begegnen.

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Die freilich ist schon lange her, und hier, im Bereich der Kitzbüheler Alpen, die ich durchwandere, regiert die Geldzeit. Anders als in meinem geliebten Osttirol wird hier für Luxusbettenburgen rücksichtslos Altes weggerissen. In Waidring drehe ich mich einmal am Absatz und sehe ein verfallendes altes Bauernhaus mit lieblicher Lüftelmalerei und gleich daneben aufgetürmte Betonkisten; und diese Bauverbrechen begleiten den Partisan der Schönheit heute den ganzen Tag.

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Bleibt noch ein freies Wiesenstück in Ortsnähe, richtet der Immobilienspekulant gleich seine Drohbotschaft auf in Form eines Plakates, das anzeigt, welche Gräßlichkeit hier geplant ist.

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So geht‘s dahin bis St. Johann. Dort freilich zeigt die prächtige Pfarrkirche, was man dereinst mit Geld in dieser Landschaft vermochte! Davor erinnert eine Statue an den Heldenpfarrer Mathias Wieshofer, der als ein Vorläufer des heiligen Maximilian Kolbe sich den französischen Occupanten als Opfer für die Bewahrung seines Ortes vor Brandschatzung auslieferte. Den Gouverneur Marschall Levebre beeindruckte dies so, daß er ihm das Leben schenkte und St. Johann verschonte.

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Im Gasthof zur Post, dessen Fassade mit der meisterlichen Lüftelmalerei des großen Wolfram Köberl grüßt, feiere ich dann mit meinem Freund Don Siegfried. 

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Ein hier wohnhafter spanischer Tischler will dem Pilger gar Geld für seinen weiteren Weg zustecken. Das braucht‘s nicht, aber gerne lassen wir uns auf ein paar Schnäpse einladen, die wir fröhlich auf den Caudillio heben. Mehr solche Spanier braucht das Land!

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20.04.2026

Tag 2 | 19. April 2026  Berchtesgaden – Ramsau – Hirschbichl; 23,6 km

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Gut-Hirt-Sonntag und die Heilige Messe gleich im Hause; der Pilger ist gut versorgt. In einem Radius von München bis Niederösterreich und Südtirol reisen die Gläubigen an, um hier dem Heiligen Messopfer beizuwohnen und in Don Siegfrieds flammender Predigt  den  entscheidenden  Impuls  für die Woche zu erfahren, Christi Lehre mutig in die Welt hinauszutragen.

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Die Welt da draußen meint es heute nicht gut mit dem Pilger. Wolkenverhangenen zeigt sich der Obersalzberg, sodaß man das Kehlsteinhaus kaum ausmachen kann, das vielleicht extravaganteste Geburtstagsgeschenk des vergangenen Jahrhunderts. Dazu nieselt es leicht bei 8°.

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So nimmt es nicht wunder, daß die Gravitation der Ortschaft mich noch einige Zeit festhält. Don Siegfried, nach alter Sitte nun in der Tracht der Landschaft, lädt mich zum Frühschoppen.

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Bier gibt’s für den Pilger eigentlich erst am Abend, aber weil Sonntag in Bayern ist und die Hofbrauerei einen Steinwurf entfernt, soll heute eine Ausnahme gelten. Dazu gibt’s Weißwurst mit Brezen, die gerade noch knapp vorm Zwölfeläuten serviert wird – später geht's nicht, früher, weil die Wurst dann schon verdorben gewesen wäre, heute weil's so der Brauch ist. Dazu spielt die Blasmusik und der Regen trommelt auf das Vordach.

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Endlich reiße ich mich los und besuche noch die Franziskanerkirche, ein mächtiger zweischiffiger Bau, typisch für Bergmannsorte, wollten doch die sozial höhergestellten Salinenarbeiter nicht mit den Bauern im selben Schiff sitzen. Mag sein, daß im Himmel alle gleich sind, aber da unten muß Ordnung herrschen!

In der Gnadenkapelle grüße ich noch die Madonna im Ährenkleid, dann bin ich endlich am Weg. 13:00 ist es schon geworden!

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Die Ramsauer Ache geht es nun im Nieselregen entlang. Ein kleiner Umweg ist dem Pilger geboten hinauf zur Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt, errichtet zum Dank an die Himmelskönigin für den Abzug der rund 1100 Protestanten, die sich in der Fürstpropstei eingenistet hatten.

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Das Deckenfresko zeigt die Gottesmutter, wie sie mit Blitzen die Häretiker verjagt. Gelegentlich der Restaurierung jüngst verbogen sich die Offiziellen peinlich berührt ob der Ikonographie, dabei tat einst der Fürstpropst nichts anderes, als den Augsburger Religionsfrieden von 1555 durchzusetzen. „Cuius regio – eius religio“ … und damals jedenfalls war ein Kirchenfürst noch katholisch!

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Den frommen Abstecher lohnt der Himmel mit einem kurzen Sonnenfenster, dem einzigen des Tages. Die Ortsbezeichnung „Ramsau“ findet sich überall im Alpenraum und bedeutet wohl „ Rabenau“, eine feuchte weite Lichtung an einem Wasserlauf. Ramsau in Berchtesgaden rühmt sich, die einzige Schnitzwerkstadt in seiner Gemeinde zu wissen, die noch das „Arschpfeiffenrössl“ herstellt, Holzspielzeug, wie es in in keinem Kinderzimmer fehlen sollte!

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Nun wird es einsam und nach und nach immer steiler. Ich marschiere durch den Nationalpark Berchtesgaden auf den Hirschbichl, einst der wichtigste Verbindungspaß hinüber nach Tirol. Der Regen wird stärker und erschöpft, und völlig durchnäßt erreiche ich knapp vor 20:00 den Alpengasthof Hirschbichl, unmittelbar hinter dem österreichischen Schlagbaum. 

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Hoch zu preisen ist die Familie Hohenwarther, die, obwohl auf Urlaub, dem Pilger ein Zimmer aufgetan und eine Jause gerichtet hat. Beim Getränkeautomaten vor der Tür entziffere ich im Halbdunkel das verheißungsvolle Wort „Gösser“!  Ich erhalte allerdings ein neumodisches süßes Mischgetränk. Sei's drum – in der Not trinkt der Pilger auch Radler.

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Der letzte Trosthase von Ostern wird geschlachtet!

19.04.2026

Tag 1 | Salzburg – Grödig – Marktschellenberg – Berchtesgaden 28,1 km

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Die frohe Abschiedsfeier im Ferdinandihof am Vorabend fordert ihren Tribut: Dreieinhalb Stunden Schlaf sind doch für die erste Etappe ein bißchen wenig, doch was soll‘s – der Pilgerweg ruft. Im Morgengrauen per Eisenbahn nach Salzburg, dann geht’s los!

Noch zu Lebzeiten des Heiligen Franz 1221 tauchten hier erstmals drei Franziskaner von ihrer ersten deutschen Niederlassung in Augsburg kommend  auf. Jordan von Giano, der uns dies in seiner Chronik überlieferte, wurde gemeinsam mit Abraham von Ungarn und einem Constantin sehr wohlwollend von Fürsterzbischof Eberhard II. empfangen, geworden ist aus diesem ersten Besuch freilich nichts. Sprachprobleme und Dispute über kirchenrechtliche Fragen verhinderten zunächst eine dauerhafte Niederlassung. Die erfolgte erst 1583 als wichtiger Bastion der Gegenreformation. Nun erhielten die Franziskaner gar die Stadtpfarrkirche “Unserer lieben Frau“, direkt mit der Residenz verbunden. Sie ist seit je meine Lieblingskirche in Salzburg. Fischer von Erlach setzte genial die bezaubernde Madonna von Michael Pacher mit seinem barocken Hochaltar und schuf so ein zu Gesamtkunstwerk, das Zeugnis gibt, wie wahre Meisterschaft sich über die Epochen ideal verbinden läßt.

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Hier beginnt mein offizieller Weg zum Heiligen Franz. Durch die Altstadt des Deutschen Rom, Sitz des Primas Germaniae, führt er über die Holzmeisterstiege gleich neben dem Festspielhaus hinauf auf den Mönchsberg und weiter entlang dem Almkanal nach Süden.

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1137 bis 1143 ließ der Fürsterzbischof einen Wasserstollen durch den Mönchsberg schlagen und so Wasser aus dem Berchtesgadischen zur Versorgung seiner Stadt herleiten. Heute kann man entlang des Kanals idyllisch die Stadt verlassen und marschiert ohne jede Verkehrsbelästigung gen Berchtesgaden vorbei an Wildgänsen und rund 450 Korbweiden, die es in dieser Dichte nirgendwo sonst mehr im Vaterland gibt.

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Sanft führt der Weg am Wasser stetig bergauf, bis man kurz vor Marktschellenberg die ehemalige Fürstpropstei betritt.

Einst war dieses kleine reichsunmittelbare Terretorium eine Versorgungsanstalt für zweit- und drittgeborene Söhne des Hochadels, die zu zwölft gemeinsam mit dem Fürstpropst ihren Herrschaftsbereich und darüber hinaus Weingüter bis ins Niederösterreichische mit ruhiger Hand regierten. 200 Gulden Jahressalair blieben jedem Kanoniker, gar nicht so wenig!  Joseph Conrad von Schroffenberg war ihr letzter souveräner Fürst. Unter seinem Portrait werde ich heute Nacht ruhen.

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Dem Reichsdeputationshauptbeschiß (pardon: …hauptschluß) fiel das geistliche Fürstentum zum Opfer, kurz war es österreichisch, bis Bayern es sich einverleibte. Die Propstei wurde zum „Königlichen Schloß“ und noch heute verbringt dort der hochbetagte bayerische Thronprätendent mit seinem Spielgefährten den Sommer.

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Der Pilger findet Quartier bei seinem Freund Don Siegfried Lochner, dem „Volkspriester“, als welcher er im Millieu bekannt ist. Rechtzeitig treffe ich zur Abendmesse in seinem traditonstreuen Messzentrum ein, das er in der einstigen Kapelle des Hospitals am Doktorberg neu einrichtete. So wirkt dort heute wieder ein Doktor – freilich für die Seelen!

18.04.2026

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde unseres Hauses !

Gelegentlich des kommenden Konzertes nehme ich von Ihnen für ein paar Wochen Abschied, da ich mich auf meinen alljährlichen Pilgerweg begebe.

Der Heilge Franz, dessen Name durch Papa Bergoglio in ein so ungünstiges Licht gerückt wurde, hat es wahrlich verdient, in seinem heurigen Gedenkjahr von allen gläubigen Katholiken als richtunsweisender Heiliger für uns aller Leben in rechter Weise verehrt zu werden.

Er war der erste der gesamten Kirchengeschichte, der durch die Stigmata, die Wundmale Christi ausgezeichnet wurde und heuer feiern wir das 800 Jahr Jubiläum seines Eingangs in die Ewigkeit.

So wird mich diesmal mein Pilgerweg von der ältestesten Franziskanergründung Österreichs in Salzburg über Innsbruck, Trient und Vicenza zunächst zum Heiligen Antonius nach Padua führen und dann weiter über Ferrara und Florenz auf den La Verna und zu seinen Reliquien nach Assisi. Entlang seiner frühesten Klostergründungen in Umbrien geht der Weg in die Heilige Stadt, nach Rom. Ich werde also auf einem völlig anderen Pfad als letztes Jahr in die Stadt am Tiber gelangen, den bekanntlich führen ja alle Wege nach Rom!

Wollten Sie mich auf dieser Pilgerschaft im Zwischennetz begleiten, darf ich Ihnen hier die diesbezügliche Strompostadresse anzeigen https://bachheimer.com/der-partisan-der-schoenheit-auf-pilgerreise-2026 ,wo Sie zeitversetzt um einen Tag meine jeweilige Etappe in Bild und Text miterleben können. Meinen Freund Thomas Bachheimer danke ich von Herzen, daß er diese Dokumentation wieder möglich machen wird. Ebenso spreche ich schon jetzt hoffend der Gelehrten Frau Dr. Caroline Sommerfeld meinen Dank für ihr unermüdliches tägliches Lektorat aus, denn mitunter ist der Pilger von der Mattigkeit des langen Marsches und der Fröhlichkeit des heiteren Trunkes in seiner Aufmerksamkeit beeinträchtigt.

Gemeinsam wollen wir dann bei den Junikonzerten einen großen Sommer begrüßen.

In der Freude, auf unsere virtuelle Begegnung grüßt herzlich,

Ronald F. Schwarzer
Impresario, Waldgänger & Partisan der Schönheit