Bereits zum 4. Male dürfen wir nun den Partisanen der Schönheit auf seinem alljährlichen Pilgermarsch begleiten. In dieser Rubrik berichten wir täglich (um einen Tag zeitversetzt) über die Reise des Partisanen. Begleiten Sie gemeinsam mit uns den wackeren Pilgerer auf seiner Reise.
Disclaimer: Der Bildzuschnitt ist für den PC/Laptop optimiert und darob auch der Gesamtgenuss an diesen Geräten am höchsten.
PS: All jenen, die mehr vom Partisanen der Schönheit lesen wollen, sei sein Buch "Durch Habsburg Lande" wärmstens ans Herz gelegt, welches Sie beim Karolinger Verlag unter diesem Link käuflich erwerben können.
xx.06.2026
Tag 42 | 1. Juni 2026; Foligno – Sant’ Eraclio – Trevi Bahnhof – Spoleto; 30.7km




Bei Frauen in Italien sind jene heiligen Frauen, die durch frommes Gebet ihre Ehemänner losgeworden sind, sehr beliebt. Das fiel mir schon einst in Cascia bei der heiligen Rita auf!








01.06.2026
Tag 41 | 31. Mai 2026; Assisi – Eremo de Carceri – Spello – Foligno; 25km













War es er, der mir zur Erfrischung einen italienischen Heurigen im Nirgendwo mitten auf den Weg stellte? Entgegen meiner Gewohnheit muß ich einfach hier mittags einkehren. “Là Mandrie di San Paolo” heißt diese Agriturismo. Wein, Wurst und Fleisch, alles kommt vom eigen Hof und Rino, der Chef, umsorgt den Pilger. Der hat es schwer, sich endlich loszureißen, doch weit ist es noch und heiß.
Olivenbäume werfen kaum Schatten. In praller Sonne geht es nun wieder einmal auf und ab bis Spello.







31.06.2026
Tag 40 | 30. Mai 2026; Assisi – Santa Maria degli Angeli – Assisi; 16km



Pazifist ist er den einen, und das war er gewiß nicht. In seiner Jugend erbaute er sich an Ritterromanen, zog zweimal selbst in den Krieg, gegen Perugia als Ghibelline gar in die Schlacht, an der Seite Walters von Brienne auf guelfischer Seite gegen die Staufer. Der jüngere Bruder jenes Brienne brachte es zum König von Jerusalem und lateinischen Kaiser von Konstantinopel, trat am Sterbebett dem Dritten Orden der Franziskaner bei und liegt nicht weit von Franz in der Unterkirche begraben. Im fünften Kreuzzug haben sie einander in Damiette persönlich kennengelernt und Franziskus nahm regen Anteil am Kriegsgeschehen. So riet er den Rittern einmal ab, an einem bestimmten Tag zu kämpfen, da er in einer Vision gesehen hatte, daß es nicht gut ausgehen würde.




Cimabue hinterließ uns so in der Unterkirche auch das erste Portrait des Heiligen nach dessen Beschreibung bei Cellano; das erste des Heiligen wohlgemerkt, denn in Subiaco gibt es ein zeitgenössisches Portrait des “Fra Franciscus” noch ohne Stigmata, also vor 1224.









Ich danke vor seinen Reliquien Gott für sein Wirken und bitte den jungen Heiligen um seine Fürsprache. Seine Ikonographie ist für mich allerdings gewöhnungsbedürftig.




30.05.2026
Tag 39 | 29. Mai 2027; Valfabbrica – Pieve San Nicolò – Assisi; ein halber Ruhetag; 16,8km



Von Valfabbrica kommend, hat man die schönste mögliche Annäherung an Assisi. Von der Höhe der Rocca bis zum Heiligtum des heiligen Franz liegt die Stadt ausgebreitet vor den Augen des Pilgers. An Weingärten vorbei, geht es durch duftende Ginsteralleen, kein Betonverbrechen trübt das Bild.




Den studiert er dann auch sehr aufmerksam, spielt sich als Baumeister auf und erklärt den Umstehenden die Welt. Pilgerstätten und mittelalterliche Kunst interessieren ihn gänzlich gar nicht. Keinen Blick sind ihm die großartigen Giottofresken in der Oberkirche von San Francesco wert. Theoretisch Protestant, glaubte er wohl hauptsächlich an sich selbst. Nicht einmal Freimaurer war er, die waren ihm auch zu schlicht. Seine Erlösungssehnsucht blitzt dann doch im Faust durch, und ich konsumierte gerne die Droge, unter deren Einfluß er den zweiten Teil geschrieben haben muß!







29.05.2026
Tag 38 | 28. Mai 2026; Gubbio – Cascastalda – Valfabbrica; 42,6km

Gubbio ist festlich beflaggt. Schon im Umland habe ich an allen Häusern jene Fahnen mit einem eigenartigen Bild im Zentrum gesehen. Es steht für die drei Heiligen der Stadt, den heiligen Antonius, den heiligen Georg und vor allem ihren heiligen Bischof Ubaldo. Am 15. Mai feierte Gubbio die “Festa di Ceri”. Dies findet seinen Höhepunkt im Wettlauf vom Stadtzentrum hinauf zur Basilica des Heiligen Ubaldo. Drei mächtige Heiligenfiguren auf Holzsäulen, symbolisierend die drei “ceri”. Wachskerzen, jeweils rund 300kg schwer, werden bei diesem Wettlauf mitgeführt, der auch “Rennen der Verrückten “ genannt wird, denn der Sieger steht von Anfang an fest, natürlich der heilige Ubaldo.

Für den Weg hinauf auf die Bergspitze zu seinem Heiligtum reicht meine Zeit nicht und so erspare ich mir diese 300 Höhenmeter. Alleine hinauf zur Kathedrale sind es schon an die 100. Die Kathedrale scheint tot. Eine barocke Sakramentskapelle kann man für einen Euro beleuchten, aber ein Allerheiligstes scheint es dort nicht zu geben.


Jedenfalls brennt kein Ewiges Licht. Das Kirchenschiff wirkt düster und verlassen. Immerhin entdecke ich einen Lokalmaler, der hauptsächlich in Gubbio arbeitete, Giuliano Presutti. Sein Weihnachtsbild ist das Schönste in diesem Dom.

Im Palazzo Ducale daneben sehe ich dafür das wundervollste Intarsienzimmer der Welt. Den kleinen Raum von vielleicht 15qm ließ sich Federico de Montefeltro als “Studiolo” einrichten, hier ging der Kriegsmann seinen Studien nach. In feinster Einlegearbeit kann man da in einem aufgeschlagenen Buche den X. Gesang der Aeneis lesen. Darin geht es um den Endkampf des Aeneas um Italien, sehr passend als Anregung für den großen Condottiere! Stundenlang könnte man die Details dieses Schatzkästchens studieren – dabei, alles ist eine Replika aus 2009!

Bis 1879 waren die Holzpaneele vor Ort. Dann erwarb sie Fürst Lancelotti für seine Villa in Frascati. Dort sah sie dann Herr Loewi, und der hatte eine gute Nase! Er erwarb die Ausstattung 1937, um sie zwei Jahre später mit schönem Profit an das Metropolitan Museum New York zu verkaufen. Was ich hier sehe, stammt von der Hand des Handwerkersmeisters Minelli aus Gubbio. Es geht also noch heute, wenn man nur will!

Die Pinakothek ist ein Depot für schlechte alte Bilder, bei denen mich nur wundert, daß sie die Zeiten überdauert haben. Da treffe ich auf das Portrait einer alten Bekannten, Victoria Della Rovere, und da fällt mir alles wieder ein.

Die Della Roveres hatten das Herzogtum Urbino und die Grafschaft Gubbio von den Montefeltros geerbt. Francesco Maria I., auch er ein großer Condottiere, war ihr erster Herzog und sei Tizianportrait habe ich in den Uffizien bewundert. Der Dynastie war kein langer Bestand beschieden. Der einzige Sohn des letzten Herzogs hatte Claudia di Medici, die Tochter des reichen Nachbarn geheiratet. Doch Federico Ubaldo Della Rovere erging sich in einer gewissen Sittenlosigkeit, die für seine Zeit doch sehr anstößig war, denn er nahm seine Huren mit nach Hause.

Claudia schrieb dem Herrn Papa nach Florenz, ob man ihr Leid denn nicht nach altem Medicibrauch vekürzen könnte, und wenig später war ihr Gemahl vergiftet. Damit war es jetzt aus mit jenen von Della Rovere. Claudias Tochter Victoria heiratete ihren Vetter in Florenz und wurde Großherzogin. Dem Fortbestand der Medicidynastie war diese Verwandtenehe auch nicht zuträglich. Die verwitwete Claudia heiratete Erzherzog Leopold von Tirol und wurde nach dessen Tod eine ausgezeichnete Regentin des Alpenlandes für ihren minderjährigen Sohn. Es hängt immer alles mit allem zusammen!
Im Museo Civico sehe ich noch die für Altphilologen bedeutenden Inguvinischen Tafeln, wichtigstes Zeugnis der umbrischen Sprache, und ein gutes Bild, nämlich Simone Vouets Bild des Heiligen Kreszentius, nun mir auch ein alter Bekannter.

Spät kann ich mich von Gubbio losreißen, doch bis Valfabrica ist es weit, besonders wenn man einen Fehler bei der Routenplanung macht! Ich habe bei der Hitze keine Lust auf 1000 Höhenmeter am kanonischen Weg, also versuche ich auf der Straße in der Ebene dem auszuweichen. Die stark befahrene Straße ertrage ich aber nur rund eine Stunde, dann wechsle ich – mit kleinem Umweg – auf einen Parallelweg.

Der führt aber nach 10km wieder zur Hauptstraße und die hat sich zur Autobahn nach Perugia entwickelt. So finde ich eine durchaus schöne Alternative über die Hügel mit reichlich Höhenmetern, einem zu überwindenden Zaun und ohne Infrastruktur.



Ein Bauer gibt mir irgendwann Wasser, rasten kann ich erst in Cascastalda, einem hübschen befestigten Bergdorf. Ich gehe die “antica strada del sale” , die Verbindung von Perugia nach Ancona an die Adria, die die Templer im 13.Jhdt. ausgebaut haben.


So erreiche ich Valfabrica erst um 20:30 Uhr. Im Ort gibt es drei Speisemöglichkeiten, wovon zwei auf Pilgerausspeisung ausgerichtet sind. Zur einzigen brauchbaren Trattoria habe ich dann noch einen Extrakilometer zu gehen, aber das ist heute auch schon egal. Der Rote aus Montefalco tröstet!

28.05.2026
Tag 37 | 27. Mai 2026; Pieve de Saddi – Pietralunga – Casamorcia – Gubbio; 32,5km
Beim Morgengebet vor der leeren Gruft des heiligen Kreszentius erinnere ich mich, daß die weibliche Variante seines Namens „Kreszentia“ vor gut 100 Jahren in Wien recht beliebt war, meist abgekürzt auf „Zenzi“. Die Zenzi gibt’s heute nur noch im berühmten Wienerlied „Mei Schatzerl is a Häuslfrau“ der 16er Buam. „Zoë“ heißen die Mädl heute oder „Mia“.

Ich entrichte meinen Obolus und nehme Abschied von den neuen Freunden, Lino und Antonio sind zur Zeit hier als Freiwillige im Einsatz. Rund einen Kilometer hinter der Herberge kann ich noch einen letzten Gruß dieser lieben Pilgerzuflucht am Wege lesen.

Die Gegend hier war nicht immer so entvölkert. Einst wurde da Getreide angebaut und die Ruine neben der Herberge war das Schulgebäude und die Ausspeisung für die Kinder. Dann aber war es lukrativer, in der Industrie im Tibertal zu arbeiten und die schönen steinernen Bauernhäuser verfielen verlassen zu Ruinen. Dann ist der Wald entstanden, hauptsächlich Pinien und ein paar Eichen, geradeso, wie Peter Rosegger in seinem Roman „Jakob der Letzte“ das Ende des Bauernstandes am Alpl beschrieb.

Es geht beständig auf und ab, immer zwischen 500 und 700 Höhenmetern, zu den Wasserläufen muß man absteigen und dann wieder hinauf. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wieviele Hügel da heute zu bewältigen sind. Am Abend werde ich jedenfalls fast so viele Höhenmeter wie auf den La Verna gemacht haben. Das Hauptproblem aber ist die Hitze. Das Thermometer zeigt heute 30° im Schatten, der ist aber auf meinem Kammweg rar. Nur langsam komme ich weiter, weil ich bei gelegentlichen Schattenplätzen immer wieder auskühlen muß.

Nach rund 10km taucht rechter Hand am Vis-à-vis-Hang Pietralunga wie ein ekliges Geschwür in der unbefleckten Landschaft auf. Viel wurde da neu gebaut, denn es ist die einzige Siedlung mit Infrastruktur in einem Radius von 20km. Alt ist der Ort und schon bei Plinius in seiner Enzyklopädie erwähnt.

Es gibt natürlich eine kleine, hübsche Altstadt, zu der ich aufsteige, dort einen Uhrturm, die Ruine einer Langobardenburg und eine Pfarrkirche, die besonders stolz darauf ist, die Wünsche der Räubersynode von Trastevere mustergültig umgesetzt haben. Zum ersten Mal sehe ich in Italien, daß man die Mensa des Hochaltars abgesäbelt hat, damit hier bloß niemand die Hl. Messe versus Deum zelebrieren kann. Der Rückbau wird einmal viel Geld kosten!


Nach rund 10km weitet sich die Landschaft und da gibt es nun Getreidefelder und häßliche Häuser. In Italien ist nach 1945 wirklich nichts Schönes gebaut worden. Während der Faschismus noch einige interessante Projekte verwirklichen konnte und EUR bei Rom noch heute beeindruckt, gab es danach nur noch Funktionalität, epigonale Pseudomoderne und gebaute Bosheit. So bekannte Renzo Piano beispielsweise öffentlich, daß er mit seiner architektonischen Gotteslästerung in San Giovanni Rotondo gegenüber dem klassischen Kirchenbau bewußt einen freimaurerischen Kontrapunkt setzten wollte.

Gubbio franst über 8km aus. Ein scheußlicher Industriekompex holt mich aus den Höhen franziskanischer Hügel herunter ins Hier und Jetzt. Da taucht am Berghang Gubbio auf.

Federico de Montefeltro, der größte Condottiere der italienischen Renaissance, ist hier geboren und Piero della Francesca hat ihn uns in den Uffizien im vielleicht markantesten Profil der Kunstgeschichte überliefert. Als Montefeltro nämlich bei einem Turnier ein Auge verlor, ließ er sich vom Bader auch noch den oberen Teil des Nasenknochens aushacken, um mit dem verbliebenen Auge ein erweitertes Gesichtsfeld zu haben.


Doch nicht wegen ihm bin ich nach Gubbio gepilgert. Eine der bekanntesten Geschichten der „Fioretti de San Francesco“, der „Blümlein des heiligen Franz“ spielt hier. Die Bevölkerung von Gubbio lebte in Angst vor einem bösen Wolf und Franziskus schlug über den das Kreuzzeichen und zähmte Bruder Wolf. Auf meinen Wegen hügelauf, hügelab ging einst allhier auch der heilige Franz. Aber vielleicht ging er leichter durchs Leben, da er keinen schweren Rucksack zu tragen hatte, den wir alle uns selbst aufladen!

27.05.2026
Tag 36 | 26. Mai 2026; Sansepolcro – San Giustina (Cospaia) – Citá di Castello – Pieve de Saddi; 38,1km

Ich verlasse „Habsburgs Lande“, das Großherzogtum Toskana, und mit dem Überschreiten der Provinzgrenze ins umbrische Perugia bin ich im ehemaligen Kirchenstaat.

Zu dem gehörte ja bis 1441 auch noch Sansepolcro. Doch Papst Eugen IV. sah sich mit dem Konzil von Basel in wirtschaftlichen Schwierigkeiten und bezog von Cosimo di Medici ein Darlehen, das er natürlich nicht zurückzahlen konnte. Als Sicherheit hatte er Sansepolcro gestellt, das nun Florenz einzog. Über die genaue Territoriumsgrenze bestand allerdings Unklarheit, denn ein unbedeutendes Bächlein mit dem Verlegenheitsnamen „Rio“ sollte diese markieren. Nun waren da aber zwei Rinnsale gleichen Namens. Florenz hielt den nördlichen, heute „Giorgacciu“ genannt, für die Grenze, der Kirchenstaat den südlichen, den heutigen „Rioscone“. Zwischen beiden liegt eine Agrarfläche von rund 300 Hektar, ein paar Kilometer lang und an der schmalsten Stelle 500m breit. Die Bauern dort erklärten sich kurzerhand für unabhängig und riefen die Republik von Cospaia nach ihrem Dorf aus. 1448 anerkannten Florenz und der Papst den Zwergstaat, weil man ihn dem jeweils anderen nicht gönnte. 378 Jahre existierte er – so alt müssen die USA erst einmal werden!

Es gab kein Militär, keine Steuern oder Zölle und die 14 Dorfältesten regelten unter dem Vorsitz des Pfarrers die Notwendigkeiten des Gemeinwesens. „Perpetua et firma libertas“ war Wappenspruch der Republik, und eine Fahne hatten sie auch.
1574 erhielt der Bischof von Sansepolcro aus dem großen Geschlecht der Tornabuoni von seinem Vetter, dem päpstlichen Nuntius in Paris, ein paar Samenkörner aus der Neuen Welt. Sie gingen auf und man nannte das Gewächs „Tornabuonikraut“ – Tabak! Dessen Konsum erschien Papst Urban VIII. irgendwie verdächtig und er verbot den Anbau bei Strafe der Exkommunication. Die Regel griff nicht in der Republik Cospaia und die gelangte mit ihrem neuen landwirtschaftlichen Produkt zu einigem Wohlstand.

Der wiederum weckte dann doch das Interesse des Kirchenstaates am Tabak. Benedikt XIII. ließ den Anbau zu und erhob gleich eine Tabaksteuer. Das war 1724. Cospaia kannte diese Steuer nicht und verdarb die Preise. Der Druck des großen Nachbarn wurde stärker und 1826 unterwarf sich dann die Republik dem Stato Pontifico. Dafür bekam jeder der 300 Einwohner eine Silbermünze mit dem Portrait des Papstes. Sie nannten sie „papetto“, das „Papsterl“, um so doch irgendwie ihr Mißvergnügen über die neue Situation zum Ausdruck zu bringen.
In sieben Minuten habe ich die Republik passiert, dann geht es 15km entlang der Hauptstraße schnurgerade nach Cità di Castello. Gleich beim Einzug bewundere ich das schöne Marienbild Giovanni di Piamontes, eines Schülers Piero della Francescas, in Santa Maria Delle Grazie. Die Franziskanerkirche hatte einen schieren künstlerischen Aderlaß zu erdulden. Signorellis Weihnachtsbild, heute National Gallery London, hing einmal hier, und die berühmte „Sposalizio“ Raffaels hat man auch von da in die Brera-Galerie von Mailand verbracht.

Der Dom nach dem Schema „Petersdom für Arme“, das man es oft in kleinen italienischen Bischofskirchen angewandt findet, trumpft immerhin mit den Fresken Tommaso Concas auf, ein letztes jubelndes Ausatmen des Römischen Barock. Daß Conca mit Mengs und Winckelmann befreundet war, fügte seiner künstlerischen Ausdruckskraft wider Erwarten keinen Schaden zu.

In der Krypta werden so viele Heiligenreliquien verehrt, daß ich den Überblick verliere. Eine eigenartige tiaragekrönte Madonna mit einem verwachsenen Mädchen auf dem Arm hinterläßt einen unangenehmen Eindruck.

Dommuseum und Pinakothek sind geschlossen, so bleibt mir Zeit zu prüfen, ob Cità di Castello den Beinamen Cità del Tartuffo zu Recht führt. Das getrüffelte Beef Tartar überzeugt.

Die Stärkung tut auch Not, denn nun geht es für mehr als 20km über die Hügel, ohne irgendeine Siedlung zu berühren. Die Herausforderung heute ist die Hitze, 29° im Schatten und der ist rar.

Kein wirklicher Berg, kein Paß ist zu überwinden, aber mit dem ewigen Auf und Ab kommen bis zum Abend 700 Höhenmeter zusammen. Alles ist überreich beschildert, teilweise falsch, und wenn man sich darauf verläßt, geht man leicht in die Irre, kommt aber doch irgendwie an, wenn auch mit Umwegen. Mitunter habe ich auch den Eindruck, ein fröhlicher Maler hat da wirklich jeden Baum markiert.




In Pieve de Saddi finde ich dann, was ich in Montecasale erhofft habe. Im Nichts stehen da ein Turm und eine Kirche, einmal ein wichtiger Wallfahrtsplatz zu den Reliquien des heiligen Kreszenzius, eines diokletianischen Märtyrers. Die bekrönte Schädelreliquie befindet sich heute in Citá di Castello und immer am 2. Juni bringt sie der Bischof hier herauf. Dann dürfen sich die Gläubigen die Krone aufs Haupt setzen, so soll die Fürsprache des heiligen sie von bösen Gedanken befreien.

Im Turm ist heute ein Pilgerquartier eingerichtet. Sergio und Teresa betreiben es mit ein paar Freiwilligen. Sergio kommt aus Mailand, Teresa aus Bergamo. Am Pilgerweg haben sie einander kennen und lieben gelernt. Sie heirateten und zogen in die Gegend, um hier die Pilger zu betreuen. Mit offenen Armen werde ich aufgenommen. Die andern Pilger sitzen schon zu Tisch. Pasta gibt es, dann Fleisch und Wurst, dazu Bier und Wein wieviel man will, keinerlei Fixtarif! Am nächsten Morgen gibt jeder anonym in die Spendenkiste, was ihm angemessen erscheint.

Fröhlich sitzen wir noch lange in der milden Abendluft zusammen. Dann verrichte ich mein Nachtgebet in der Kirche und Sergio spielt dazu auf der elektrischen Orgel. Friede und Seligkeit betten die Pilger.


26.05.2026
Tag 35 | 25. Mai 2026; Sansepolcro – Ermo di Montecasale – Sansepolcro; 18,1km
Einen halben Ruhetag gebietet die Schönheit Sansepolcros dem Pilger. Zwei Pilger aus dem Heiligen Land, Arcano und Egodio haben hier zunächst – wir sind noch immer im heiligen Casentino – im 10. Jhdt. eine Einsiedelei gegründet. Vorsorglich hatten sie dafür einen Stein aus der Grabeskirche in Jerusalem mitgenommen, daher der Name. Schnell entwickelte sich daraus eine monastische Gemeinschaft, die schlußendlich die Kamaldulenser übernahmen. Ihr stand ein Abbas Nullius vor, und bald war da auch ein Markt und ab dem 12. Jhdt. die Stadt.
Die könnte heute geradeso aussehen wie Pieve Santo Stefano, gäbe es nicht Reiseschriftsteller und jene, die sie lesen.
Aldous Huxley erwähnt 1925 in seinem Buch Along the Road – Notes and Essays of a Tourist Sansepolcro, und will dort das schönste Bild der Welt gesehen haben: Piero della Francescas Fresco vom Auferstandenen in der großen Halle des Palazzo della Resideza, wo ich es, noch immer in situ, heute besuchen werde.

Der britische Artillerieoffizier Captain Anthony Clark hat das Buch gelesen und sich diese Stelle gemerkt. Er war schockiert vom blinden Zerstörungswerk des Krieges, besonders von der völligen Vernichtung des Klosters Monte Cassino. In Sansepolcro nun verweigerte er den Befehl, die Stadt zu bombardieren. Ein Fresco kann man nun nicht so leicht forttragen. Die Briten haben den Krieg trotzdem gewonnen.

Sansepolcro dankte Clark mit der Ehrenbürgerschaft und benannte eine Straße nach ihm. Nach Dietrich von Choltitz, dem Stadtkommandanten von Paris, der den Führerbefehl, die Stadt zu zerstören, verweigerte, ist an der Seine keine Straße benannt, dafür bekam „Bomber Harris“ für die Auslöschung Dresdens in London ein Denkmal. Es kommt schon immer darauf an, wer am Schluß gewonnen hat!
Piero della Francesca ist der größte Sohn Sansepolcros. Zu seinen Lebzeiten war er vor allem als Mathematiker geschätzt und entwickelte aus seiner Beschäftigung mit der Geometrie die Perspektive. So sind seine Bilder fein auskalkulierte, abstrakte Liniengeflechte, die, mit der Welt des Konkreten bekleidet, dem Betrachter eine Geschichte erzählen. Nichts ist da zufällig, alles hat Symbolgehalt und weist über das Gegenständliche hinaus.
Vasari erzählt, daß der schlafende Soldat in brauner Rüstung ein Selbstporträt Pieros sei. Von genau seinem Kopf ragt die Siegesfahne gen Himmel und bindet so das Irdische und Transzendente zusammen. Piero malt hier seine eigene Erlösung im Stadtsaal der Podestá.
Rechte Lektüre zur richtigen Zeit brachte Erlösung für eine ganze Stadt, das unversehrte Sansepolcro!

Die Grundkomposition seines Auferstandenen kannte er vom Polyptychon des Sieneser Künstlers Niccolò di Segna für den Hochaltar des Domes, rund 150 Jahre früher entstanden. Pieros Christus aber steigt als Renaissanceathlet aus dem Grab. Sein Blick ist nicht von dieser Welt, sein Körper schon. Die Landschaft im Hintergrund teilt sich in eine Wüstenei zur Linken, der Welt der Erbschuld, und einem blühenden Garten zur Rechten, die erlöste Schöpfung – o felix culpa!


Das Museo Civico zeigt noch andere Zimelien, einen schönen Pontormo und einige Santi di Tito, der in dieser Gegend viel hinterlassen hat. Wir alle kennen sein berühmtes Macchiavelliportrait, das er rund 100 Jahre nach dem Tod des Philosophen gemalt hat, das hängt im Palazzi Vecchio in Florenz.

Piero della Francesca aber dominiert. Für seinen Palast gleich um die Ecke hatte er sein einziges säkulares Werk gemalt, ein Fresco des Hercules. Es befindet sich heute in Boston. Man kann also doch ein Fresco wegtragen, wenn man genug Zeit und Geld hat. In seiner Werkstatt hier in Sansepolcro stand bei seinem Tode auch sein letztes Bild noch auf der Staffelei, „Weihnachten“, das hängt heute in der National Gallery in London.
Im Kreuzgang des ehemaligen Kamaldulenserklosters ist er in einer Kapelle begraben (linkes Bild unten). Die einstige Klosterkirche ist heute der Dom. Der Medicipapst Leo X. mochte gerade in „seiner“ Toskana keine kirchenrechtlichen Spezialitäten. So liquidierte er das Kamaldulenserkloster und machte dessen letzten Abt zum ersten Bischof von San Sepolcro. Die nunmehrige Kathedrale zeigt Perugino, Santi di Tito, einen köstlichen Della-Robbia-Tabernakel, aber vor allem das berühmte Volto Santo, zu dem zuletzt Papst Benedikt XVI. anno 2012 pilgerte. Das Holz wurde untersucht und stammt aus dem 9./10. Jh., seit 1179 ist das Kruzifix dokumentiert.

Einen Blick muß ich noch nach San Rocco machen, wo, möglicherweise von Alberti, eine Nachbildung des Heiligen Grabes (darüber rechts) verehrt wird.
Jetzt aber endlich, am frühen Nachmittag, ziehe ich hinauf in die Hügel zur Eremo de Montecasale, ein Nachmittagsspaziergang von nur 6km. Aber das Thermometer zeigt 28° und rund 500 Höhenmeter sind auch zu überwinden. Vor 23 Jahren war ich schon einmal oben und betrat eine Welt, die schon damals aus der Zeit gefallen schien. Der heilige Franz hatte 1213 diesen Platz für sich und die seinen entdeckt, und seit damals sitzen hier auch mit Unterbrechungen die Minderbrüder.


Damals, 2004, nahmen sie meinen Pilgerbruder und mich wahrlich wie Christus auf. Die Zelle des heiligen Bonaventura zeigten sie uns, boten uns Nachtlager und luden uns ins Refektorium, wo der Bruder Guardian uns die Hände wusch. Am Chorgebet durften wir teilnehmen und all die irre Welt da draußen schien mit dem ersten Psalm wie ausgelöscht. Dies wiederzuerleben trieb mich heute hier herauf.
23 Jahre Konzilskirche hinterlassen Spuren. Alles ist da jetzt fein herausgeputzt und einen Souvenirladen gibt es auch. Ich bitte um Herberge an der Gegensprechanlage, und werde gefragt, ob ich vorbestellt hätte. Nein! Da kommt ein mürrischer Laienbruder und bietet mir ein Bett an. Zu Essen gibt es nichts. Auf meine Bemerkung, daß ich vor 23 Jahren so liebevoll im Refektorium aufgenommen war, antwortet er sachlich, man sei nun hier anders organisiert.

Ich danke und gehe. Das Zimmer in Sansepolcro kann ich mir leisten. Ein beständiger Charakter, der ich bin, kehre ich wieder in der Locanda Guidi ein. Der Wirt, erfreut über das unerwartete Wiedersehen, beschenkt mich mit einer Fasanenfeder für den Hut und reichlich selbstgemachter Schokolade für den Weg.
Die Flasche Wein für meinen Rucksack muß ich leider wegen des Gewichts ablehnen. So trinke ich sie halt vor Ort. Für liebevolle Gastfreundschaft hätte ich nicht eineinhalb Stunden durch den Wald gehen müssen!


25.05.2026
Tag 34 | 24. Mai 2026; La Verna – Pieve Santo Stefano – Sansepolcro; 33km
Die Pfingstsonntagsmesse in der Basilika verläuft erwartungsgemäß, novus ordoohne Exzesse, dafür haben die Italiener nichts übrig. Sie haben sich eine gewisse spirituelle Gesundheit erhalten und überhaupt hat der Modernismus hier keine so ideologische Schlagseite wie in deutschen Landen. Dem Händeschütteln kommt man aus durch Knien mit gefalteten Händen, dem kitschigen Volksgesang nicht.

Über einen schönen alten Weg wandere ich noch rund eine Stunde auf der Höhe, dann geht’s hinunter ins obere Tibertal. Die einzige Bar erreiche ich zu spät, ich habe nicht mit ihr gerechnet und kurz zuvor einen frugalen Imbiß eingenommen. Aber immerhin kann ich hier Wasser aufnehmen, denn bis Pieve Santo Stefano gibt es nichts und es ist heiß.

Pieve Santo Stefano wurde im Zweiten Weltkrieg zu 100% befreit und zu 90% zerstört. Den alten Stadtpalast hat man wieder hergerichtet und ein Museum für Tagebücher eingerichtet,vielleicht, um die Erinnerung an die glücklichen Stunden der Befreiung wach zu halten.

Die erstaunlich häßliche Kuppel der Wallfahrtskirche „Madonna dei Lumi“ haben die alliierten Bomben verfehlt. Es wäre kein Verlust gewesen. Luigi Ademollo hat sie Anfang des 19. Jh. bunt angestrichen, zu einer Zeit, da es mit der Italienischen Kunst schon vorbei war. Das Gnadenbild aber ist in hohen Ehren zu halten. Einst befand es sich in einer kleinen Kapelle und Englein mit Lichtern soll man einmal davor beobachtet haben, daher der Name „Madonna der Lichter“. Also baute die gläubige Obrigkeit – so etwas gab es damals – für das Marienbild im 17.Jhdt. ein würdiges Gotteshaus. Bei der Kuppel hat man gepatzt – Michelangelo war nicht mehr verfügbar. In Zeiten der Pest wurde hier besonders die Gottesmutter angerufen und seit 1632 gibt es jährlich zu Mariä Geburt eine große Prozession.

Das ist auch schon alles, was die Ortschaft zu bieten hat und ich ziehe weiter oberhalb des Montedogliosees. In den 1960er-Jahren wurde der Tiber, der hier eine breite Schleife bildete, zum Stausee gewandelt. Piero della Francesca hat die ursprüngliche Situation im Bildnis vom „Triumph des Herzogs von Urbino“ überliefert.


Die Autobahn läuft parallel und das befreit die Straße von jedem Verkehr. Es geht auf und ab rund 10 km, dann erreiche ich endlich Sansepolcro. Durstig und hungrig ist es mir eine Oase nach einem Marschtag ohne Infrastruktur. Tatsächlich kann man hier tadellos speisen.

Ich kehre in der "Locanda Guido"ein und probiere die Tagliatelle con prugnoli. „Mairitterling“ heißt der Speisepilz auf Deutsch, einer der ersten des Jahres und als solcher sehr geschätzt, wenn auch etwas fade im Geschmack. Die Lammkarrés lassen keine Wünsche offen und ein Rosso di Montalcino von Frescobaldi ist immer eine sichere Bank. Bruder Leib freut sich!

24.05.2026
Tag 33 | 23. Mai 2026; Bibbiena – Santa Maria del Sasso – Campi – La Beccia – La Verna; 22,6 km
Bibbiena ist wie alle diese Orte in der Toskana hübsch, in der Kirche eine schöne Altartafel von Bicci di Lorenzo und ein Kruzifix aus dem 14. Jhdt. Die einstigen Herren der Stadt, die Dovizi, haben ein kleines Theater hinterlassen und der größte ihres Stammes, Bernardo Dovizi da Bibbiena, brachte es als Sekretär des Medicipapstes Leo X. zu Kardinalswürden und einem Portrait von Raffael. Das Portait hängt heute im Palazzo Pitti. Daß ihn sein Dienstherr Papst Leo hat vergiften lassen, läßt sich nicht beweisen.


Ein wenig unterhalb der Stadt besuche ich Santa Maria del Sasso, die wichtigste Marienwallfahrtskirche des gesamten Casentino. Im Jahre 1347 konnte man immer wieder hier eine weiße Taube beobachten, die sich den Kindern, dem Kamaldulensereremiten und dem seligen Martin zutraulich näherte. Am 23. Juni des Jahre erschien dann die Muttergottes auf diesem Felsen einem Mädchen und rief zu Reinheit und Gottesfurcht auf, dann werde ein schlimmes Unheil vorübergehen. Die Leute da scheinen sich dies zu Herzen genommen haben, jedenfalls blieb das gesamte Casentino von der großen Pest der Jahre 1348/49 verschont, die andernorts in der Toskana ein Drittel der Bevölkerung hinwegraffte.

Der Wallfahrtsort ist eigentlich ein Kirchenkomplex mit zwei Unterkirchen, einem Oratorium und der Hauptkirche mit der Erscheinungskapelle, dort, wiederum von Bicci di Lorenzo, eine sehr noble Madonnendarstellung. Die hochverehrte Marienfigur in der Unterkirche „La Madonna del Buio“ stammt aus Donatellos Werkstatt. Auf kleine Zettelchen kritzeln die Gläubigen hier ihre Bitten an die Himmelskönigin und stecken sie in die Felsritzen. Zeitgenössische Politiker tun ähnliches neuerdings bei der Klagemauer in Jerusalem, gänzlich vergeblich, wie ich vermute; immerhin lassen sich dabei von Fernsehkameras filmen.


Der Weg zieht nun nach oben und ich durchwandere ein kühles Waldstück bis Campi im Corsalonetal. Da führt nun der Weg recht direkt hinauf auf den La Verna, ganz in der Ferne kann ich den Adlerhorst der Franziskaner schon erkennen. Auf 1128m muß ich hinauf.


Oft kommt es anders, als man denkt. Die Brücke über den Corsalone ist gesperrt. Solches läßt sich schon mal überwinden, doch da ich den tatsächlichen Zustand der Brücke in Augenschein nehme, weiß ich, daß sie tatsächlich unbenutzbar ist.

Die nächste Brücke über den Fluß erreicht man in einer halben Stunde. Der ganze Umweg bedeutet gewiß 6km mehr Wegstrecke und führt mich über die kaum befahrene Straße auf den La Verna. Die steigt sanft aber sehr lange an.

In Le Beccia erreiche ich den alten Maultierpfad, der steil hinauf zur Klosterpforte führt. In dem Weiler hatten einst die Frauen zu übernachten, da sie vor Sonnenuntergang das Kloster zu verlassen hatten.

An der Kapelle an der Stelle, wo Sankt Franz den Vögeln predigte, vorbei, gehe ich nun einen vertrauten Weg. Erstmals besuchte ich das Kloster anno 2024. Da hatten wir unten in Bibbiena 30° und nach einem Wettersturz am Berg Schneeregen. Ich klopfte mit meinem Pilgerbruder an die Pforte und begehrte Obdach und freundlich nahmen uns die Franziskaner auf.


Letztes Jahr kam ich dann wieder da herauf und mußte erstaunt feststellen, daß sich hier nun ein Hotelbetrieb etabliert hatte. Man fragte mich an einer Rezeption, ob ich vorbestellt hätte und ob ich ein Zimmer mit Bad oder ein Bett im Schlafsaal wolle. Wenn schon Hotel, dann ordentlich, und ich buchte das tadellose Zimmer, Halbpension inclusive.

Die Vorstellung in einem Kloster vorzubestellen, bleibt mir aber zuwider. So komme ich unangekündigt zur Rezeption. Pfingstwochenende haben wir und ergo keine Zimmer! Es bleibt das Dormitorium mit acht Stockbetten und einem Gemeinschaftsbad – spanisches Pilgergefühl flammt auf!
Das alles aber ist hier nicht wichtig. Der Ort selbst strahlt etwas Erhaben-Heiliges aus. Orlando Graf Catani schenkte den Berg 1213 dem heiligen Franz und seinen Brüdern.Ein Jahr später kam er dann herauf und lebte in einer feuchten Grotte, ehe die ersten Hütten gebaut wurde. Eigentlich hatte der hl. Franz gar keinen Orden gründen wollen. Als Einsiedler wollte er Gott begegnen. Bald waren da aber Zweisiedler und endlich Mehrsiedler, man rang ihm eine Regel ab und nach und nach verfestigte sich der Orden in der Form, wie wir ihn heute kennen. Der hl. Franziskus war darüber gar nicht glücklich, er gab die Führung dieser Gemeinschaft ab und ließ in seinem Testament seine Bitterkeit über die Entfremdung seines Lebensentwurfes durchblicken.

Hier am La Verna fand er noch, fern aller Menschen, zurück zu seinen Anfängen und hier erfuhr er auch sine Vollendung in der Nachfolge Christi. Am 17. September 1224 empfing er hier die Stigmata. Nun trug er die Wundmale Christi am eigenen Leib. Bis zu seinem Tode suchte er dies zu verbergen. Dann sprach der geschundene nackte Körper des Pazzo di Dio die ganze Wahrheit über dessen Sein und fröhliches Leiden.
In der Stigmatakapelle komme ich gerade recht zu einer Messe. Durchaus fromme italienische Alt-68er meinen es sicher nicht böse, wenn sie in die Hände klatschen und sie glauben, mit dem Absingen 60 Jahre alter Schlager an der Spitze der Moderne zu stehen. Alle fühlen sich als Priester und beten in Orantenhaltung. Die heilige Kommunion wird in beiderlei Gestalt gereicht. Das hat zumindest einen Vorteil: Es gibt nur Mundkommuion und so ist wenigstens hier das schreckliche Verbrechen der Handkommunion verhindert.

Schmal ist die Pilgerzehrung. Ein Schlemmerlokal ist der La Verna trotz Hotelbetrieb noch immer nicht. Da sehe ich Ausbaumöglichkeiten!
24.05.2026
Tag 32 | 22. Mai 2026; Consuma – Borgo alla Collina – Poppi – Bibbiena; 30,5km

Abschied vom ersten Pilgerquartier der Reise, allerdings ohne Pilger. Ein älteres holländisches Ehepaar habe ich getroffen, das ohne fixen Zeitplan durch die Landschaft wandert.
Ein paar Höhenmeter, dann bin ich über den Paß und da sehe ich eine Sensation: Kühe! Überall in Italien wird der köstlichste Käse angeboten und immer fragte ich mich, wo denn die ganzen Kühe wären. Mein Freund in Ferrara hatte mich dann aufgeklärt: Ein Milchbetrieb unter 1000 Kühen sei unwirtschaftlich und die verlassen ihren Stall nicht, Intensivhaltung von industriellem Format. Hier auf 1000 Meter Seehöhe ist diese Innovation offensichtlich noch nicht angelangt. Es besteht Hoffnung!


Rund eineinhalb Stunden bleibe ich auf der Höhe, dann geht es bergab durch einen blühenden Garten. Die Luft ist schwer vom Duft des Ginsters und der Akazien geschwängert, und mir ist, als sei ich in einen Honigtopf gefallen.

Ich ziehe durch Borgo alla Collina, ein liebliches Städtchen mit einem schönen Trecentotriptychon in der Kirche. Dort soll noch im 19. Jhdt. der unverweste Leib des Renaissancegelehrten Christoforo Landini zu sehen gewesen sein. Das Volk hielt ihn für einen Heiligen, vielleicht wegen seines profunden Kommentars zu Dantes Göttlicher Komödie. Ghirlandaio hinterließ uns sein Porträt in Santa Maria Novella in Florenz.
Ich erreiche im Arnotal das Schlachtfeld von Campaldino. Am 11. Juni 1289 trug sich hier die größte Schlacht Mittelitaliens zu. Die guelfischen Florentiner waren auf meinem Weg über den Paß gegen das ghibelinische Arezzo gezogen, hier prallten die Heere aufeinander. Je 10.000 Mann Fußvolk und circa 1000 Ritter auf jeder Seite.
Der 24-jährige Dante kämpfte bei den Florentinern zu Pferd in erster Reihe mit. Das Kampferlebnis hinterließ bei ihm einen bleibenden Eindruck. In einem Brief beschrieb er seine Angst, aber auch seine Euphorie im Gemetzel. Zweimal erwähnt er das Ereignis in der Divina Commedia. Für Florenz ging es gut aus und sicherte der Stadt die Vorherrschaft im Cansentino, für Dante schlecht. Er gehörte zur Fraktion der „weißen Guelfen“, der gemäßigteren Gruppe, die nun nach dem Triumph von Campaldino von den „schwarzen Guelfen“, die für die totale Dominanz des Papstes eintraten, ins Hintertreffen geriet. Dante wurde der Stadt verwiesen und fand schlußendlich Zuflucht in Ravenna. Florenz schämt sich noch heute für dieses Unrecht an seinem größten Dichter und leistet ewige Buße, indem es für alle Zeiten das Öl für die Lampe vor Dantes Monument in Ravenna stellt.

Schon seit vielen Stunden sehe ich in der Ferne wie eine Provokation die Silhouette von Poppi am Horizont. Die Stadt liegt nicht direkt auf meiner Route und natürlich oben auf einem Hügel. Das bedeutet zusätzliche Höhenmeter und einen Umweg. Allerdings gilt Poppi als einer der schönsten Orte Italiens, ein Auftrag für den Partisanen der Schönheit!


Ich vermag es nicht zu erklären, aber schon öfters habe ich auf meinen Fußwegen ein merkwürdiges Phänomen beobachtet: Manche Orte werden bei Annäherung kleiner. Wohltuenderweise verhält es sich bei Poppi genauso. Ich kann meinen Rucksack in einer Bar bei der Abzweigung deponieren und marschiere beschwingt hinauf. In zehn Minuten bin ich oben und wahrlich, die Extratour lohnt sich. In der Kirche San Fedele wird ein heiliger Torello verehrt, ein Einsiedler des Casentino, der nicht im Heiligenkalender steht, aber seit alters her in dieser Gegend verehrt wird, die in ihrer Abgelegenheit geradezu ein Magnet für das Heilige war. Der heilige Romuald gründete nicht weit von hier rund 200 Jahre vor dem heiligen Franz Camalduli, und der heilige Torello zähmte die Wölfe im Dickicht der Wälder. Morgen will ich den La Verna erreichen, wo der Heilige Franz die Stigmata empfing.

In der Kirche Madonna del Morbo erfreut mich die Auferstehung eines Kunstwerks aus den Tiefen des Depots. In jenem des Pitti-Palastes vergammelte nämlich bis vor einigen Jahre das schöne jetzige Altarbild. Irgendwann hat man es zweckentfremdend aus Poppi nach Florenz gebracht, als wenn die dort nicht schon ohnedies genug Bilder hätten! Nun erstrahlt es frisch restauriert an seinem ursprünglichen Platz.

Die mächtige Festung der Guidis war der Prototyp für den Palazzo Vecchio in Florenz, von ihrem Turm bietet sich ein großartiger Fernblick.
Ein Kloster mit acht Kamaldulenserinnen gibt es dort auch und eine schöne Terrakotta von Benedetto Buglione. Vasari erzählt die Räubergeschichte, er hätte sich durch eine Frau an das Geheimnis der Glasurtechnik der Della Robbia gebracht, aber wahrscheinlich hat er einfach in deren Werkstatt gelernt.

Von Tommaso Crudeli, Sohn Poppis, der in unserer Zeit in hohem Ansehen steht, will ich schweigen. Als erstem Freimaurer Italiens bot man ihm Zeit zur Reflexion über seine Irrtümer in staatlichem Gewahrsam ohne durchschlagenden Erfolg. Die letzten sechs Kilometer nach Bibbiena haben ich noch zu marschieren, natürlich wieder hinauf. Die Orte liegen immer am Hügel.

Eine fette Wurst „Sambudella“ aus Innereien und ein kleiner Wein aus Cortona schließen den Tag.

22.05.2026
Tag 31 | 21. Mai 2026; Florenz – Sieci – Pontasieve – Diacceto – Consuma; 36,2km
Der liebe Gott schenkt dem Pilger noch eine kleine Freude für den Weg. Die direttissima beim Auszug aus Florenz führt mich noch einmal an San Ambroggio vorbei und ich kann mein Morgengebet vor der Reliquie des eucharistischen Wunders halten. Der Pfarrer ist zugegen und erlaubt mir,hinter die Absperrung zu gehen und ganz nahe der Plexiglaskiste das Reliquiar zu studieren. Nun weiß ich auch, wo die sechs unversehrten Hostien vom zweiten Wunder im 16.Jhdt. sind, im unteren Teil des Silbergefäßes. Sie sind am Rand angekohlt, doch im Herzstück makellos.

Auch das Verlassen der toskanischen Hauptstadt ist ästhetisch nicht unangenehm. Am Stadtrand komme ich noch an einer der letzten großen Villen des Ancien Régime vorbei, der Villa Farvard aus 1857. Einige Canovas soll es drinnen geben, sie ist aber für Besucher nicht zugänglich und beherbergt heute ein Institut für Marketing und Design. Vielleicht hat Herr Canova ja einen guten Einfluß!

Es geht den Arno flußaufwärts nach Sieci, ein reizloser Ort. Von den Hängen grüßen freilich hübsche Villen. In der Villa Gricigliano ist das sehr verdienstvolle "Institut Christus König" untergebracht, ein traditionalistisches Priesterseminar höchst verfeinerter französischer Eleganz. Der französische Priester Gilles Wach, der sich gerne „Monseigneur“ nennen läßt, hat es 1990 gegründet. Bei aller Extravaganz der Gemeinschaft läßt sich doch nicht leugnen, daß ihr niemand gleichkommt in Schönheit und Pracht der Liturgie. Ich war schon öfters oben in der Villa. Heute ist dafür keine Zeit – der Pilger ist immer eilig!

Pontasieve berühre ich bloß am Rande und das ist nicht lohnend, San Francesco am anderen Arnoufer ist nur von ferne schön.Nun geht’s hinauf, 1000 Höhenmeter gilt es zu überwinden. Hauptproblem ist zunächst die Hitze, 27° im Schatten, aber den gibt es ja nicht. So kommt die Gelateria in Diacceto wie gerufen, „Tutto fatto in casa“ – das schmeckt man!


Die Sonne sinkt, die Schatten werden länger und bald erreiche ich auch die Waldzone. Zunächst ging‘s durch die Weingärten des Chianti bei Rufina bis zu einer Höhe von ca. 500m, dann gibt es Kastanien und Wildschweine und ab etwa 800m Föhren, ein paar Fichten und natürlich Wildschweine. Man warnt mich vor ihnen, da sie nun Frischlinge führen, sollte ich den Wanderweg durchs Gelände einschlagen, aber bei der Länge der heutigen Etappe habe ich ohnehin keinerlei Lust auf Extratouren.

Die Straße überwindet bei mäßiger Steigung und ohne jeden Höhenverlust genial die 1000 Höhenmeter. Seit je war sie die Verbindung von Florenz ins „Casentino“, jene abgelegene Landschaft zwischen Florenz und Arezzo, wo man noch heute ein sehr altertümliches Toskanisch spricht, das jenem Dantes nicht unähnlich ist. Die Casentiner machen sich lustig über das Florentinische, wo das c als h ausgesprochen wird, das auch sonst gerne beigefügt wird:„handiamo in hasa“ – "andiamo in casa" (gehen wir nach Hause) sagen sie und das womöglich ein wenig nasal – die Strahlkraft der Polypen Kaiser Leopolds I. ist nicht zu unterschätzen! Die Florentiner meinen, das klingt vornehm und die Casentiner lachen darüber.

Das heute geläufige Italienisch ist letztlich Toskanisch. Kaiser Friedrich II., stupor mundi, war der erste, der in „volgare“, der Volkssprache dichtete – das freut italienische Nationalisten besonders. Bis ins 19. Jhdt. konnte sich ein sizilianischer Fürst blendend im lokalen Dialekt mit seinem Landarbeiter unterhalten und ein homo nobile aus Venedig mit dem Gondoliere. Wollten sie miteinander reden, verwendeten sie eine Fremdsprache – Toskanisch. Sie waren geschult an der Dichtung Petrarcas, Boccaccios und Dantes und das Schicksal wollte, daß sie in ihrer Volkssprache, Toskanisch, schrieben, zwei Generationen nach Kaiser Friedrich. Allgemein spricht man in Italien Italienisch, seit das hinterste Dorf RAI 1 im Radio empfangen kann.

Consuma hat 150 Einwohner, kein Hotel und kein Gasthaus.Es gibt aber eine Pilgerherberge neben der Kirche und eine Bar, die gleichzeitig Lebensmittelladen mit allen Delikatessen der Gegend ist. So improvisiert der Pilger eine köstliche Degustation und erfreut sich dazu eines Rufina aus 2022, dessen heurigem Jahrgang er beim Wachsen heute zugesehen hat.


21.05.2026
Tag 30 | 20. Mai 2026; Ruhetag Florenz, 14,9km

Gewiß bin ich mehr als ein Dutzend Mal in Florenz gewesen. Da kam ich stets als Kunstfreund und fröhlicher Phäake. Nun komme ich als Pilger an die Stadt am Arno.

Besonders fromm war Florenz ja nie. Das brachte schon seine Stellung als internationaler Finanzplatz des Mittelalters mit sich. Da geht es mehr um Gläubiger als Glaubende und Schuld gibt‘s immer gleich im Plural. Nicht heroische Waffengänge haben Florenz groß gemacht. Gewiß, es gab da immer wieder Rempeleien mit den Nachbarn, entscheidend aber war das Privileg, Banquier des Papstes zu sein. Das waren mal die Medici, mal die Pazzi, Florenz kassierte immer!

Den Aufstieg zur Finanzmetropole verdankte die Stadt ihrer genialen Erfindung des Florin anno 1252, einer soliden Goldmünze mit einem Gewicht von 3,54 g. Die Münzmeister wechselten alle sechs Monate, um etwaigen Unterschleif hintan zu halten und so vertraute bald ganz Europa der toskanischen Münze.
Venedig kopierte die Erfolgsgeschichte rund eine Generation später mit dem Dukaten, und in Hall in Tirol schlug man ab 1486 den Silbergulden. Gold war rar in Tirol, Silber gab es reichlich. Die Münze hatte circa das zehnfache Gewicht der florentinischen Goldmünze in Silber - heute liegen wir bei 60. Reich wurde Florenz durch diesen Goldstandard. Der erodierte erst, als die Illusion von großherzoglicher Großmachtspolitik das Ruder übernahm. Da brach dann auch die Medicbank zusammen. Man war jetzt Großherzog und pleite.
Wo aber findet der Pilger das fromme Florenz? Im Dom zeigt man einen Finger des heiligen Johannes des Täufers und eine Schädelreliquie des heiligen Johannes Chrysostomos – „all that money can buy“. Das brachte aber keine Wallfahrt in Schwung.

Einen heiligen Antonius haben sie auch. Der war dominikanischer Theologe, Erzbischof von Florenz und keiner kennt ihn heute. Sonstige prominente Heilige sind mir hier nicht bekannt und doch ist Florenz ein erhabenes Pilgerziel.
Im Jahre 1230 reinigte der betagte Pfarrer von San Ambroggio, Padre Uguccione, den Kelch nach der heiligen Messe nur nachlässig. Am nächsten Tag fand er darin zu seiner Erschütterung geronnenes Blut. Der Bischof sah es und anerkannte das Wunder, das Blut Christi wurde in einer kostbaren Kristallampulle den Gläubigen zur Verehrung gereicht. Das Reliquiar ist leider in einer Plexiglaskiste eingehaust und so nur undeutlich zu erkennen, scheinbar eine neue Mode der Konzilsmonstranz. Die Knochen des heiligen Petrus in Rom haben sie auch in eine Plexiglasschachtel getan. Das schlichte Gotteshaus erhielt einen kostbaren Tabernakel von der Hand Mino da Fiesoles, der sich in dieser Kirche auch begraben ließ.

1486 freskierte Cosimo Rosselli die Mirakelkapelle, sein bestes Werk, wie Vasari meinte. Da sieht man, wie Padre Uguccione die Reliquie dem Volk zeigt und da hat Rosselli dann die Geistesgrößen seiner Zeit portraitiert. Marsilio Ficino und Pico della Mirandola kann man erkennen.
1595 soll sich am gleichen Orte noch ein eucharistisches Wunder ereignet haben. Bei einem Kirchenbrand blieben sechs gewandelte Hostien unversehrt. Wo die sich aber befinden, vermag ich nicht zu sagen. Das war‘s dann auch schon mit dem Heiligen.
Ich spaziere am „Spedale dei Innocenti“ vorbei. Ein wohlhabender Kaufmann hinterließ in seinem Testament einen namhaften Betrag, daß niemand geringerer als Bruneleschi ein Waisenhaus für ungewollte Kinder errichte. In der „ruota“, einer „Babyklappe“ konnten die armen Kleinen anonym abgegeben werden. Nicht nur versorgt sollten sie hier werden, schön sollte es auch sein. Unsere Gesellschaft bringt ungewollte Kinder um. Die Sozialisten haben mit dem Versprechen, den Kindsmord nicht mehr zu sanktionieren die Wahlen 1975 in Österreich gewonnen.

Am Reiterstandbild Großherzog Ferdinand I. läßt sich trefflich über Herrschaft sinnieren. Bis zum 38. Lebensjahr war der Medici als Kardinal in Rom geparkt. Nach dem Tode seines kinderlosen Bruders Franz mußte er die Firma übernehmen. Bei Gianbologna bestellte dann sein Sohn Cosimo II. das Monument. Am Sockel zeigt eine Bronzetafel die Devise des Großherzogs : „Tantum Maiestate“ – allein durch die Maiestät! Darunter sitzt eine dicke Bienenkönigin umgeben von ihrem Bienenvolk in konzentrischen Kreisen.

Man sagt, es soll Glück bringen, wenn man es schafft alle Bienen richtig zu zählen. Es sind 92. Der 92. Psalm singt von der Allmacht Gottes: „Ich will jubeln über das Werk Deiner Hände!“
9 steht für die universelle Weisheit, 2 für den inneren Frieden, die Quersumme 11 für Erleuchtung. Das Volk bildet erst mit dem Fürsten ein Ganzes, auf ihn ausgerichtet gewinnt es Struktur, Ordnung, Ziel. Der Fürst im Zentrum ist der Magnet des Gemeinwesens, ohne ihn fällt alles ins Chaos. So dachte man jedenfalls 1602, als man dies Kunstwerk anschaffte.
Ich bahne mir durch die Menschenmassen um die Piazza Signoria meinen Weg in ein ruhiges Viertel.
Im Borgo Ognissante kehre ich in meinem absoluten Lieblingslokal in Florenz ein. Im „il Profeta“ bin ich Stammgast seit mehr als 20 Jahren und der Padrone Claudio mittlerweile mein Freund. Auch meine erwachsenen Kinder haben meine Begeisterung für diesen wahren Tempel höchster Gastlichkeit übernommen. So avanciert speist in Italien man einzig in Florenz! „ Wo aber Geld ist, wächst das Schmackhafte auch!“



20.05.2026
Tag 29 | 19.Mai 2026; Villa Erbaia – Lago di Bilancino – Cafaggiolo – Patrolino – Florenz; 38,9km
Hügelauf, hügelab durch die Toskana führt mich der Weg an der Villa Le Maschere vorbei, einem Meisterwerk Giovanni Battista Fogginis. Bis vor wenigen Jahren wurde sie als Luxushotel genutzt, dann hat sie eine Versicherung gekauft und sie ist in Dornröschenschlaf verfallen, schade drum!


Abwärts geht es nun zum Stausee Bilancino, der nach dem verheerenden Hochwasser von 1966 als Entlastungsbecken für die Flüsse des Mugello errichtet wurde. So heißt die Landschaft nördlich von Florenz, die die Medici besonders liebten und mit zahlreichen Wochenendhäuschen schmückten; Mediceische Wochenendhäuschen!

Die Brücke über den See ist ein Nadelöhr für den Verkehr, höchst unerquicklich für den Pilger. Die Wanderer auf der „Via degli Dei“ kreuzen manchmal meinen Weg und gehen – nach Florenz wollend – scheinbar konsequent in die falsche Richtung. Die haben’s aber nicht eilig und wollen eben jedes Berglein am Weg besteigen.


Mich führt die Straße an der Villa Cafaggiolo vorbei, einst der Bijou der Medicivillen. Später war sie Habsburgisch, die Savoyer beschlagnahmten sie und verkauften sie an die Borghese. 2008 erwarb sie ein Alfredo Löwenstein, argentinischer Milliardär mit Sitz in Florida. Ich bezweifle, daß er aus der fürstlichen Familie gleichen Namens stammt, wohl eher aus dem auserwählten Volk. Die ganzen Vermögensumschichtungen seit dem letzten Drittel des 19. Jhdts. erinnern mich irgendwie an einen Mafiafilm.

Ich muß nochmal hinauf auf 500 Höhenmeter, in Patroilo die erste Bar der Gegend, die sich auch großer Beliebtheit erfreut. Zwei Besoffene quatschen mich an und wollen reden, ist man selbst noch nüchtern, kein wirkliches Desiderat.
Leichter Regen zum Finale, dann der schönste Einzug in eine Großstadt, den ich je erlebt habe. Auf der Via Bolognese reisten einst alle vom Norden in die Stadt am Arno, Goethe hatte hier die gleiche Aussicht auf Florenz wie ich, und tatsächlich stört auch heute keine einzige Bausünde den Blick. Wie auf einer Perlenschnur reihen sich hier Villen an Villen. Die enge Straße aber macht angesichts des dichten Verkehrs das Weiterkommen für den Fußgänger gefährlich.

Florenz empfängt mich mit dem Doppeladler. Ein prächtiger Triumphbogen für Kaiser Franz, den neuen Großherzog der Toskana, aus 1745 markiert den Eingang in die Stadt, hier muß er eingezogen sein, da er zum ersten Mal die Kapitale seines Fürstentum besuchte.

Durch die schnurgerade Via Ginori geht es geradewegs zum Baptisterium, vorbei am mißglückten Denkmal des Giovanni della Banda Nera, ebenso mißglückter Condottiere des Papstes beim Sacco di Roma. Geglückt ist ihm die Weiterführung der Dynastie der Medici. Sein Sohn Cosimo I. wurde der erste Großherzog der Toskana, von Gnaden desselben Karls V., dessen Soldatesca er 1527 vor der Urbs nicht aufhalten hatte können.

Meinem Freund Giuseppe Baiocci verdanke ich, daß ich im ausgebuchten Florenz ein Zimmer gefunden habe. Dies zu betreten erweist sich allerdings als schwierig. Im obersten Stock eines Palais erwartet mich ein Etagenhotel ohne Personal. Schlußendlich gelingt es mir, meine Bettstatt zu erreichen und ich kann mich für den Abend rüsten.

Denn mein Freund Lorenzo Gasperini, rechte Hand von General Vannacci, hat dreizehn Kameraden zusammengetrommelt und wir festen ausgelassen bis zum Morgengrauen. Gut, daß ich morgen einen Ruhetag genießen darf!

19.05.2026
Tag 28 | 18. Mai 2026; Monghidoro – Ritacosa-Paß – Futa-Paß – Barberino di Mugello (Villa Erbaia); 29,8km

Ein paar Kilometer hinter Monghidoro überschreite ich eine Brücke über ein winziges Bächlein beim Weiler Filigare und betrete wieder Habsburgs Lande, das Großherzogtum Toskana, keine reine sentimentale Spinnerei von mir, denn mehrmals habe ich gestern und heute schon Automobile mit dem Großherzoglichen Wappen als Aufkleber gesehen und auch auf manchen Straßenschildern prangt er. Hier an der kleinen Brücke finde ich das Wappen original aus der Zeit in Bronze ausgeführt.

Nachdem der Sonnenkönig dem Herzog von Lothringen sein Land abgejagt hatte, wurde Franz Stephan nach dem Aussterben der Medici 1737 mit der Toskana entschädigt, und der Gemahl Maria Theresias und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches regierte sein Land mit weiser Hand bis zu seinem Tode 1765. Joseph II. überließ es seinem Bruder, der es als Pietro Leopoldo zum Musterland des 18. Jhdts. entwickelte. Nachdem er seinem Bruder auf den Thron folgte, regierte hier eine habsburg-lothringische Sekundigenitur bis 1861 die Piemontesen die Toskana im Irredentastaat versenkten.

Ich bin im Appenin und mich fasziniert der Gedanke, daß das das erste Gebirge war, das Erzherzog Johann sah, der im Pittipalast in Florenz aufwuchs. Hirsche, Rehe und Wölfe gibt es hier, und wenigen Strandbesuchern von Bibione ist bewußt, daß Italien zu 75% ein Bergland ist, 35% davon Hochgebirge.

Der Pilger weiß es. Rund 20km geht es auf und ab, immer zwischen 750 und 950 Metern Seehöhe. Der höchste Punkt ist der Raticosa-Paß mit 968m, den entscheidenden Futa-Paß mit 903 m merkt man kaum, wenn man von der Bologneser Seite kommt. Dann aber geht es in spitzen Kehren bergab bis auf 450Meter Seehöhe. Kaiser Franz I. hat die Straße 1759 ausbauen lassen.

Die Wirtschaft am Futa-Paß hat geschlossen. Dort treffe ich die ersten Geher. Sie sind auf der Via degli Dei, einer schönen Wanderroute unterwegs. In 7-14 Tagen legen sie zwischen Bologna und Florenz 130km zurück. Der Weg heißt „Götterstraße“ nach einem Adonis- und einem Venusberg, die sie unterwegs besteigen.

Der Pilger geht am Hauptweg rund 110km in drei Tagen. Dies ist genau der strukturelle Unterschied zwischen Wandern und Pilgern. Dem Pilger geht es nicht um Naturschönheiten oder körperliche Ertüchtigung. Als Beifang nimmt er dies gerne mit, aber zuerst will er möglichst zügig sein Pilgerziel erreichen. Der Weg ist nämlich nie das Ziel!
Daß alte, historische Wege schon auf Grund ihrer idealen Streckenführung heute meist Asphaltstraßen sind ist nur logisch und hinzunehmen.

Bei mir persönlich kommen noch kulturantropologisches und kunsthistorisches Interesse hinzu. Ich will verstehen, wie sich Mentalität, Bevölkerungszusammensetzung, dialektale Färbung der Sprache, Küche, Wein und künstlerischer Ausdruck in der Landschaft entwickeln. Denn „Italien“ ist ein geographischer Begriff, wie wir seit Metternich wissen!
Bei der „Colonna Leopoldina di Montecarelli“ sehe ich erstmals einen Wegweiser aus dem 18. Jahrhundert. Auch die waren früher schöner.

Im ersten standesgemäßen Haus nach dem Paß, in der Villa Erbaia, sind schon Kaiser Karl V. und Papst Pius IX. abgestiegen, heute ich. Donna Carmela zaubert das vielleicht beste Essen meines Wegs im Italienischen. Bei ihrer Großmutter hat sie kochen gelernt und das schmeckt man. Kein Schnickschnack, gerade italienische Hausmannskost, wie sie sein soll, dazu ein Roter vom nächsten Weingarten. Manchmal findet sich die höchste Finesse im Allereinfachsten!



18.05.2026
Tag 27 | 17. Mai 2026; Bologna - Pianora - Loiano - Monghidoro; 41km

Es neigt sich wie set 700 Jahren die Gerisenda, der schiefste Turm Italiens, heitere Straßenkaffes laden zum Verweilen, doch der Weg spornt den Pilger zur Eile an. Weit wird es heute und steil!

Durch die noblen Laubengänge hinaus in die Weichteile der Stadt gestaltet sich der Auszug wie erwartet; und doch, in der Via Toscana - ich bin am rechten Weg - erhasche ich noch einen Blick auf die Villa Aldrovandi Mazzocorati aus den 1760er Jahren. 12 000 Spielteugsoldaten könnte ich mir da anschauen, aber heut‘ gibt es keine Zeit zu verlieren!

Sehr angenehm führt mich die Route auf einem Radweg die Savena flußaufwärts durch ein Naherholungsgebiet der Bologneser.

In Pianoro wechsle ich auf die Straße, die sogleich konsequent ansteigt. Das Savenatal entlang wird mich der Weg morgen über den Futapaß in‘s Großherzogtum Toskana führen.
Zunächst gleicht die Landschaft unserem Voralpengebiet, dann geht es merklich bergauf auf einem schönen Kammweg. Allein der Kammweg fällt und steigt, gewonnen Höhe ist bald wieder verloren. Von der Höhe Bolognas mit 68m muß ich auf 843m, doch mit dem ewigen auf und ab werden bis zum Abend 1458 Höhenmeter zusammenkommen.
Die Straße ist angenehm und kaum befahren, wenn heute nicht Sonntag wäre und die Motorradfahrer mir ihren Höllenmaschinen nicht dauernd Krach machten. Die Blicke in die Landschaft sind prachtvoll, die in die Ortschaften nicht. Wiewohl dies ein bedeutender historischer Appeninübergang ist, sehe ich den ganzen Tag nur Erbrochenes moderner Bauverbrecher. Dazu ist das Gebiet unerwartet stark besiedelt , erst in jüngster Zeit , wie mir scheint. In Loiano haben schon der Herr Goethe und auch der Fürst Pückler Muskau übernachtet - von all dem merkt man nichts.


Vielleicht aber haben Zerstörungen im 2. Weltkrieg hier auch das Schöne eliminiert. Vom August 1944 bis April 1945 lief hier die „ Gotenstellung“ wider die in Süd Italien gelandeten Alliierten. Als sich deren Abwehr dann ungünstiger entwickelte als gedacht , benannte man sie aus propagandistischen Gründen auf „Grüne Linie“ um - zuviele Deutsche hatten damals noch Felix Dahns „ Ein Kampf um Rom“ gelesen. Völlig sinnlos fiel hier, in Livergnano, der erste Brasilianer im 2. Weltkrieg; hier, im Appenin - irgendwie absurd, aber Deutschland wird angeblich ja auch am Hindukusch verteidigt!

Am Horizont erkenne ich die Kirchtürme der Neue Religion und ewig dreht sich das Rad der Wiedergeburt des Klimas. Ich schwenke auf die „Via Napoleonica“. Ich kenne diesen Straßentyp aus Frankreich. Im Stil Römischer Heerstraßen ließ Bonaparte direkt verlaufende oft recht steile Routen für die Armee trassieren. Da gewinne ich endlich konsequent Höhe!

Kurz vor dem Ziel hat mir der liebe Gott noch ein kleines Geschenk auf den Weg gesetzte, das Wallfahrtskirchlein „Madonna dei Bosci“. Betreut wird es seit 2012 von den blau gewanderten immakulierten Franziskanern. Ich betrete das kleine Gotteshaus. Kein Luthertisch, der Hochaltar prächtig geschmückt, es riecht nach Wehrauch und nach Bienenwachs. Ganz anders ist es da, als in den Kirchen die ich sonst am Weg besuche. Ich wünsche den frommen Brüdern Mut auf ungerechte Amtsanmaßungen zu pfeifen!

Pater Francesco gibt mir sehr feierlich auf Latein den Pilgersegen und ich frage ihn, ob sie hier wohl auch die Messe im ewig gültigen Ritus lesen. „ Das dürfen wir nicht mehr!“ gibt er betrübt zurück. „ Was habt Ihr auch den Erzhäretiker gefragt!“ antwortete ich. Allgemeines Gelächter.

Monghidoro erreiche ich um 20:00. Der Name leitet sich von „Mons Gothorum“, Gotenberg ab, und sicher sind die da auch mal gesessen, ehe sie eben den Kampf um Rom verloren haben.

Das interessiert mich alles jetzt nur peripher. Essen und trinken will ich nun. Der Sangiovese der Emiglia liegt hinter mir, ich erfreue mich bereits am weit runderen Chianti. Die Tagliatelle al ragu sind mir ein letzter Gruß Bolognas. Das Rindfleisch freilich hat es noch weit bis zur Quatität der Bisteca Fiorentina.
Da kommt mir die Gotenstellung wieder in den Sinn: „ Zäh wie Leder - hart wie Kruppstahl!“

17.05.2026
Tag 26 | 16. Mai 2026 Altedo – Bologna; 35,1km

8° Morgentemperatur und Tendenz zum Regen; der bleibt mir aber erspart. Immer wieder fällt mir auf, daß die elendsten Bars in den abgekommensten Ortschaften von Chinesen betrieben werden, weil sich unter den Italienern keiner findet, der sich das antun möchte. So versorgt mich auch im trostlosen Altedo ein Asiat dienstfertig mit meinem Morgencaffe, sogar von meiner Lieblingsrösterei in Neapel.

Fleißig sind diese Chinesen und sie bleiben unter sich. Inder und Bangladeshi sehe ich gelegentlich schwere Arbeiten verrichten und die Mohren sitzen eben am Fahrrad; so hat jeder seins!

Die Aussicht auf einen halben Tag in Bologna motiviert. So sind die 25km bis ins Zentrum bald im Eilmarsch erledigt. Seit Padua sehe ich gegen Mittag auch erstmals etwas Sonne und Berge am Horizont. Die werden mich wohl ab morgen beschäftigen. Bologna wird unterschätzt. Alle kennen Venedig, Florenz und Rom und ein paar Spezialisten sogar Neapel. Wer aber fährt schon für ein Wochenende nach Bologna? Dabei wartet ein Schatzhaus an Kunst, Frömmigkeit und Geschichte!
Die wichtigste Stadt des Kirchenstaates zurückzugewinnen, ließ Papst Julius II. gar seine Rüstung anlegen und als letzter Vicarius Christi eine Schlacht persönlich zu kommandieren. Giovanni Gasparro hat ihn in dieser Pose gemalt und so seine Persönlichkeit weit besser getroffen als Raffael, wie ich meine.

Die Stadt war diesen Aufwand wert. Älteste Universitätsstadt der Welt, wirtschaftliche Drehscheibe der Poebene und Parnaß der Kunst, kam sie gleich nach Rom. Heute heißt sie „La Dotta“, „La Grassa“ und – leider auch „La Rossa“, dotta wegen der Gelehrsamkeit, grassa, weil man sagt, nirgendwo in Italien könne man so gut und üppig essen, und rossa, das ist der übliche Kollateralschaden von Hochschulen: zu viel gelesen, zu wenig verstanden! Der tief sitzende Sozialismus Bolognas ist vielleicht auch der Grund für die ungewöhnlich zahlreichen wohlgenährten Bettler, die ich in dieser Dichte noch nirgendwo sonst ƒin Italien angetroffen habe. Sie sind eigentlich die ehrlichsten Sozialisten. Sie sitzen rum und fordern ihren Anteil am Schaffen der anderen. Einen korpulenten Handaufhalter in den besten Jahren frage ich, warum er denn nicht arbeite. „Non va“ – das funktioniert nicht! Wozu auch wenn‘s doch anders funktioniert?

Die „Grablege Christi“ von Nicoló dell Arca besuche ich als erstes. D‘Annunzzio nannte sie „urlo di pietra“ – Schrei aus Stein. Nichts vergleichbares wurde in Terracotta je geschaffen, ein Nachfolgewerk Lombardis im Dom gut zwei Generationen später kommt nicht daran heran. Auch in der Malerei fand diese totale Entäußerung des Gefühls ihren Niederschlag bis hin zu Reni, der mir gleich in der Pinakothek begegnen wird.

Um 1900 war Guido Reni der teuerste Maler der Welt. Doch die Flut billiger Kopien kuhäugiger Madonnen, die über jedem bürgerlichen Ehebett hingen, haben seiner Reputation nicht gut getan. Man sah in ihm nur mehr einen frömmelnden Kitschmaler. Dabei war er ein ganz Großer und hier in der Galerie in Bologna kann man ihn kennenlernen. Alleine das ist eine Reise wert!

Der Pilger aber hat nun ein paar Besuche abzustatten. Dem heiligen Dominicus gilt mein erster Weg. Ob der Mitarbeit an seiner „Arca“, seinem Grabmal, erhielt jener Terracottameister Nicolo seinen Namen. Im harten Marmor stechen allerdings zwei kleine Figurinen von der Hand Michelangelos heraus. Darüber wölbt sich eine Kuppel, von Guido Reni freskiert. Das alles ist sehr schön und elegant, aber es läßt mich irritierend kalt. Es wird auch kaum gebetet vor den Reliquien diese so bedeutenden heiligen Ordensgründers. Vielleicht ist er in der Erinnerung zu intellektuell, kein „Pazzo di Dio“, ruhig, überlegt, zielorientiert. Ich weiß das alles und verehre ihn als den Gründer des gelehrten Predigerordens, aus dem ein Hl. Thomas von Aquin, der größte Theologe überhaupt, hervorging – und doch, das Herz läßt sich nicht zwingen.


Die Kathedrale ist in Bologna von untergeordneter Bedeutung, heute aber ist sie zum Bersten voll, denn die Madonnenikone vom nahen Kloster der Madonna des Heiligen Lukas ist wie stets um Christi Himmelfahrt zu Besuch.
Die größte Kirche der Stadt ist die des heiligen Petronius, des 12. Bischofs der Stadt im 5. Jhdt. Nach der Wiederauffindung seiner Reliquien baute man ihm ab dem 14. Jh. eine Kirche, die zeitweilig die größte ganz Italiens war. Noch heute ist sie die fünftgrößte der Welt. Kaiser Karl V. ließ sich hier vom Papst 1530 krönen, denn Rom war drei Jahre nach dem Besuch deutscher Landsknechte noch recht restaurierungsbedürftig. Die Fresken Giovanni da Modenas, die analog zu Dantes Göttlicher Komödie Mahomet schön beschriftet im Höllenschlund zeigt, sehe ich nur von fern. Sie ist nur gelegentlich – wohl auch aus Sicherheitsgründen – gegen Eintritt besichtigbar, sonst großräumig abgesperrt. Schön finde ich den monumentalen Backsteinbau nicht.

Der heilige Petronius ließ den Kirchenkompex um Santo Stefano errichten und dabei auch die Rotunde der Grabeskirche nachbauen. Heute werden die Gotteshäuser von Franziskanern betreut. Da eine tridentinische Messe in Bologna nicht zu bekommen ist, höre ich hier die Samstagabendmesse und gewinne den franziskanischen Jubiläumsablaß.

Mit einer ganz speziellen Dame habe ich hier nun ein Rendezvous. Die heilige Katharina von Bologna war als Tochter des Ferraresischen Botschafters in Bologna aufgewachsen und genoß eine ausgezeichnete Ausbildung. Eine zeitlang war sie Hofdame in Ferrara, bis sie sich für ein monastisches Leben entschied und nach mancherlei Widrigkeiten als Klarissin in Bologna ein heiligmäßiges Leben führte. Miniaturen hat sie auch gemalt, und wurde so neben dem hl. Lukas Schutzpatronin der Maler; und nun sitzt sie vor mir, seit 1463 mit Kreuz und Buch, unverwest im Habit. Gelegentlich wird sie umgekleidet und ihre Glieder sind noch immer beweglich. Einen Rosenduft soll sie ververstömen, den merke ich nicht, denn sie sitzt hinter Glas. Manche Pilger sollen ja auch große Reliquiensammler sein!

Ein langer Tag neigt sich dem Ende, jetzt will ich noch Bologna la grassa genießen. Lasagne wurde hier erfunden und das merkt man, ebenso wie die Cotolette à la Bolognese, ein Kalbsschnitzel mit Schinken und Parmesan, in Brühe glaciert, alles sehr delikat. Der Sangiovese wird nicht mein Freund, aber die Hügel der Toskana liegen vor mir!
16.05.2026
Tag 25 | 15. Mai 2026; Ferrara – Malalbergo – Altedo 26,7km

Zum Auszug gleich der Höhepunkt des Tages: Mein Morgengebet verrichte ich in der Karmeliterkirche San Paolo unter den köstlichen Fresken des Scarsellino. Von Dosso Dossi beeinflußt, schulte er später seinen Stil in Venedig vor allem an Giorgione, Tizian und Veronese und entwickelte sich zum bedeutendsten Vertreter der späteren Ferrareser Schule, die im 16. Jhdt. bereits ins Barock verwies.

Ab jetzt wird es flach, in jeder Hinsicht. Um die rund 50 km nach Bologna aufzuteilen, erwartet mich heute eigentlich eine leichte Etappe, aber 25km entlang der Straße im Dauerregen sind mir dann auch genug. Der Staat mag vielleicht die Festtage abschaffen können, die Eisheiligen schauen dennoch vorbei, erstaunlicherweise auch südlich der Alpen.

Schönes gibt es auch nicht zu sehen. Kurz vor der Ortschaft Malalbergo, was so viel heißt wie „schlechte Herberge“, nehme ich eine kleine Erfrischung ein, bis der Wind gar zu sehr auffrischt und ich die öde Straße weitertrotte. In diesem Turnerwetter sind gerade mal ein paar Ruinen am Weg reizvoll. Der Engländer hätte sie gewiß trefflich im Nieseln gemalt.

An einer Blasphemie in Beton, genannt Kirche, komme ich noch vorbei, dann erwartet mich schon „il Paradiso“!

Kalt ist es im Paradies! Ich bin bis auf die Haut durchnäßt und hätte mein Gewand gerne zum Trocknen aufgehängt. Dafür wäre das Aufdrehen der Heizung hilfreich, doch man erklärt mir, daß der Staat in seiner unerschöpflichen Weisheit in Italien Heizen von Mai bis Oktober verbietet. Ich kann das glauben oder auch nicht, frieren werde ich jedenfalls.

Zu essen gibt es in diesem Paradies auch nichts. Dafür braucht's noch einen munteren Abendspaziergang zur nächsten Trattoria.
Jeder Ort in Italien hat irgendetwas, und das liebliche Atedo hat grünen Spargel. Der ist dann auch ganz gut im Risotto und über der Tagliata. Dazu nehme ich ein Glas unbedeutenden Sangiovese aus der Gegend. Morgen will ich zeitig am Weg sein, um das großartige Bologna zu genießen, vermutlich im Regen!


15.05.2026
Tag 24 | 14. Mai 2026; Ruhetag Ferrara; 9,1km
Christi Himmelfahrt heute! Im katholischen Italien ist davon nichts zu merken. Anno 1977 schaffte die Regierung Andreotti III fünf katholische Feiertage ab; daneben wurde auch die Abtreibung liberalisiert. Giulio Andreotti – von seinen Anfängen als faschistischer Journalist über seine Verbindung zur Cosa Nostra und die US-amerikanischen Geheimdienste bestimmte er die italienische Politik über mehr als ein halbes Jahrhundert mit seiner „Democrazia Christiana“ – auch so eine Verräterpartei! „Die Macht reibt nur den auf, der sie nicht hat!“, zitierte er gerne Talleyrand, wahrlich ein Vorbild für einen katholischen Politiker!

Im Dom wird die Messe zum Festtag des hl. Apostels Matthias gefeiert, Christi Himmelfahrt ist dann am Sonntag dran. Die Kathedrale macht mir keinen großen Eindruck. Die berühmte Fassade ist eingerüstet, innen wurde sie im 19. Jhdt. gründlich überarbeitet und das war keine gute Zeit für solche Aktionen. Ein schöner sehr restaurierungsbedürftiger Guercino fällt mir auf und eine erlesene bronzene Kreuzigungsgruppe, deren Entwurf auf Donatello zurückgeht.
Die Stadt hat irgendetwas Kaltes und Düsteres. Die „Addizione Erculea“, die planmäßige Stadterweiterung Ende des 15. Jhdts., die Jakob Burckhardt so begeisterte, schuf ein monotones Schachbrett breiter Straßen, die austeren Ziegelmauern verstärken einen asketischen Character, und da paßt dann das Standbild eines irren Fanatikers ganz gut, jenes des Ketzers Savonarola, der in dieser Stadt geboren wurde.

Der Palazzo Schifanoia, das „Sanssouci“ der Estes ist gleichfalls alles andere als heiter. Dies begründet sich wohl auch in den gräßlichen Umbauarbeiten des 18. Jhdts., die den Prunkbau zur Tabakfabrik ruinierten. Die Fresken im „Salone dei Mesi“ freilich gehören – soweit erhalten – zum Schönsten der Malerei Ferraras.

Ich habe die Schule von Ferrara nie sonderlich gemocht. Besonders Cosme Tura mit seinen übertrieben expressiven Gestalten ist mir ein Grottenbahnmaler. Vor dem großen Garofalo aber verneige ich mich. In der Pinakothek im Palazzo dei Diamanti bewundere ich sein monumentales Gemälde, gemalt für das Refektorium des einstigen Augustinerklosters in Ferrara. Da steht der Triumph er schönen Ecclesia wider die häßliche Synagoge, deren Macht gebrochen ist; so glaubte man jedenfalls damals!


Lange muß ich warten, bis die Pforten der Basilika Santa Maria in Vado geöffnet werden. Erst heißt es 14:00, dann 15:00, dann 15:30 „orario elastico“. Es ist nicht mein Kunstinteresse, das mich ausharren läßt, wiewohl auch hier Meisterwerke der Renaissance zu finden sind.


Am 28. März 1171 hat sich an dieser Stelle ein ganz außerordentliches eucharistisches Wunder zugetragen. Beim Brechen der Hostie während der Ostersonntagsmesse spritzte das Blut Christi in weitem Bogen und unglaublicher Menge bis an die Decke des Altarraums. Die Estes haben später um diesen Gnadenort das heutige Gotteshaus gebaut. Über eine Treppe kann man zur alten Kapellenkuppel hinaufsteigen, dort soll man noch die Blutspritzer sehen. Der Pfarrer steht neben mir und betet. Ich frage ihn wo nun die Blutspuren seien. „Knie nieder und bete – dann wirst du sie sehen!“ Ich tue wie mir geheißen, und tatsächlich, überall kann ich die rostroten Flecken vom Blut des Heilands erkennen!

Geistig so gesättigt, will ich nun für den „Bruder Leib“ sorgen. Durch Zufall lande ich im ältesten Wirtshaus Italiens. Ariost und Kopernikus, Tizian, Tasso und Cellini haben hier gegessen, Savonarola wohl nicht. Die Speisekarte ist klein, es gibt die kulinarischen Klassiker Ferraras: „Cappellacci di Zucca con Salvia“ und „Salama in Sugo“. Ersteres sind kürbisgefüllte Teigtaschen mit Salbei und Parmesan, letzteres eine eigentümliche, sehr fette und geschmacksintensive Wurst. Faschiertes Schweinefleisch wird dafür mit reichlich Gewürzen in Rotwein gekocht, dann in Darm gefüllt und ein Jahr getrocknet. Zur Zubereitung gekocht, wir das Produkt auf ebenso fettem Erdäpfelpuree serviert und hinterläßt einen bleibenden Eindruck, interessant, aber täglich möchte ich das nicht essen!

1435 gegründet, hieß die Gaststätte ursprünglich „Hosteria del Chiuchiolino“, „Zum kleinen Besoffenen“, heute heißt sie schlicht „Brindisi“: „Prost“. Der Name bleibt Programm. Ich mache mich vertraut mit dem „Fortana“ , einem simplen Rotwein der Gegend, der sich trinkt wie Wasser, aber doch kein Wasser ist! Gut zu wissen, daß mein Quartier gerade um's Eck liegt. So ruhe ich aus von den Anstrengungen des Ruhetages

14.05.2026
Tag 23 | 13. Mai 2026; Rovigo – Polesella – Ferrara; 35 km

Wir haben den Erinnerungstag an die erste Erscheinung der Rosenkranzkönigin in Fatima anno 1917, und Rovigo entläßt mich mit einer unerwarteten spirituellen Freude. Alle Kirchen hatte ich gestern verschlossen gefunden, nun steht die Türe zur Dominikanerkirche offen und drinnen wird Anbetung vor dem Allerheiligsten gehalten. Vor so vielen Gnadenbildern knien wir und nehmen für sie weite Wallfahrten in Kauf, dabei wartet Gott selbst materiell in der gewandelten Hostie auf uns in jedem Tabernakel. Ist das Altarsakrament in kostbarer Monstranz ausgesetzt, treten wir gleichsam vor den Gottesthron und können es doch nicht fassen. Was wissen heute unsere Konzilspfaffen noch davon, die den Herrn in jede dreckige Pratze legen?

Der Antoniuspilger erinnert sich an jene gut belegte Kontroverse des franziskanischen Kirchenlehreres in Rimini. Ein verstockter Leugner der Realpräsenz Gottes in der heiligen Hostie schlug vor, sein Maultier drei Tage nicht zu füttern und es dann vor ein Fuder Heu zu führen, während der Heilige Antonius das Sanctissimum vorzeigen sollte. Das ausgehungerte Tier verneigte sich vor Gott dem Herrn und gerade so zwang der Heilige aus Padua die Ketzer in die Knie – in Rimini. Die theologische Fakultät der Universität Wiens wartet noch immer auf einen Besuch des heiligen Antonius!
Nach frommer Schwelgerei hat mich die Straße wieder, eine vierspurige Autobahn mit reichlich Schwerverkehr. So geht es durch die Polesine, die äußerste Ecke der Repubblica di Venezia.

Man hüte sich vor „guten Onkeln“! Antonio Venier, Doge von 1382 bis 1400, nahm sich rührend um den unter seiner Vormundschaft stehend Niccolò III. d’ Este, kindlicher Herr von Ferrara, an. Junge Menschen brauchen meistens Geld, und so half der Onkel ihm aus mit 50 000 Dukaten. Zur Sicherheit wurde die Polesine, das Land zwischen Etsch und Po garantiert. Die Serenissima hat sich‘s einverleibt.
Polesella lasse ich rechts liegen, der Fernblick verrät, daß mir da nichts entgeht. Ich überschreite den Po, die Schnellstraße biegt ab, und ich durchwandere auf abseitigen Wegen nun fruchtbares Bauernland der Poebene, von Bewässerungskanälen durchzogen, jene Landschaft, in der Don Camillo seinen kommunistischen Bürgermeister Peppone liebevoll züchtigte.

Jetzt hab‘ ich „Habsburgs Lande“ verlassen und den Kirchenstaat betreten, vielleicht aber doch noch nicht so ganz:
Beim Wiener Kongreß 1815 ließ sich Österreich – theoretisch – den Besitz der Festungen Ferrara zusichern. Niemand hatte sich dafür interessiert, bis der 1846 neugewählte Papst Pius IX. mit der italienischen Nationalbewegung zu liebäugeln begann. Also besetzte „Papa Radetzky“ im Sommer 1847 die Festung – man weiß ja nie –, und er behielt recht.

Nach Solferino 1859 sind wir abgezogen und die Irredenta zerstörte die Festung weitgehend – man weiß eben nie! Die kümmerlichen Reste fielen später dem Bombardement der Befreier im Zweiten Weltkrieg zum Opfer.
Mein Einzug in Ferrara gestaltet sich nicht so eklig wie in Städten dieser Größe zu erwarten. Da gibt es nicht viel zu passieren, die historische Stadt selbst ist unerwartet groß, geometrisch angelegt und in ihrem unverputzten Ziegelmauerwerk gewöhnungsbedürftig.

Die Burg der Este ragt bedrohlich im Herzen der Stadt gen Himmel.


Ein Freund erwartet mich, Guglielmo Gionilelli, ehemaliger Abgeordneter der Lega und Hoffnungsträger der neuen patriotischem Partei meines Herzensbruders Roberto Vannacci, „Futuro Nazionale“. Wir sprechen wenig über Politik, weil da sind wir uns sowieso einig. Guiliemo erzählt mir über seine Schweinezucht: 500 Muttertiere und 300 Hektar. Zur Conversation gibt‘s Stelze à la Ferrara. Mahomedaner und Juden hätten sich nicht wohl gefühlt.


13.05.2026
Tag 22 | 12. Mai 2026; Monselice – Stranghella – Rovigo; 24,2 km
Eigentlich eine Halbtagsetappe, der Infrastruktur am Weg geschuldet, und doch unerwartet anstrengend. Gelegentliche Regengüsse, scharfer Wind den ganzen Tag über und 20km an vielbefahrener Straße fordern ihren Tribut.
Dazu bietet sich dem Auge des Partisans der Schönheit kaum Erfreuliches. Die wenigen Blicke in die Landschaft ohne Verkabelung und moderne Bauverbrechen sind im Bilde dokumentiert. Die schnurgerade Straße heißt sich „Via Roma“ und berührt teilweise einen Teilabschnitt der „Via Aemilia“ von Patavium (Padua) nach Bononia (Bologna). Ihre eigentliche Streckenführung verband Piacenza mit Rimini


Seit einigen Tagen beobachte ich auf meinem Weg Mohren, die spaßig ungelenk ihr Fahrrad reiten, und ich frage mich ob sie zur Clowntruppe eines Wanderzirkus gehören – aber nein, dafür sind sie zu viele und auch überall. Was aber treibt sie? Öffentlicher Applaus kann es nicht sein.

Die Villa Centanini in Stranghella hat schon bessere Zeiten gesehen. Sie ist zur Ruine heruntergekommen, ihre einstigen Gartenanlagen zum Gemeindepark – „miseria e nobiltá“!


Die Schönheit Rovigos erschließt sich nicht beim ersten Blick; auch nicht beim zweiten. Sie erschließt sich gar nicht. Hinter den obligaten Stadtrandekzemen kommt nichts besseres nach. Das tote glanzlose Provinzstädtchen mit Garibaldi- und Victor-Emmanuel-Denkmal hat immerhin ein Theater, ein Conservatorium, ein paar Caffés und drei Restaurants. In einem davon esse ich für italienische Verhältnisse erstaunlich schlecht. Der Wirt hat aber doch eine Ehre im Leib. Meine präzise geführte Manöverkritik veranlaßt ihn, mich hinauszuwerfen; der Fraß ging auf‘s Haus.



Am 15. August 1848 unterzeichnete in dieser Stadt der päpstliche Bevollmächtigte den Verzicht des Kirchenstaates auf weitere Aggressionen gegen Österreich. Der selige Pius IX. hatte am Anfang seines Pontifikats noch recht verwirrte „Papa-ré-Träume“ und war auf Seiten Piemonts in den 1848er-Freimaurerkrieg gegen den Kaiser eingetreten. In Rovigo hat er sich eines besseren besonnen und sich gewiß geschämt. Die Stadt hat also doch etwas Gutes!

12.05.2026
Tag 21 | 11. Mai 2026; Padua – Battaglia Terme – Monselice; 27,3km

Der heilige Antonius läßt neben sich keine Konkurrenz aufkommen. Natürlich erweise ich ihm zuerst meine Reverenz, dann aber will ich die Reliquien des heiligen Evangelisten Lukas verehren. Der hat es nicht einmal zu einer eigenen Kirche gebracht. Er ist Untermieter bei Santa Christina, wie übrigens auch der Apostel Matthias und sechs weitere Heilige. PR war eben immer schon alles und neben dem Volksheiligen St. Antonius kommt kein anderer auf!

Im 12. Jhdt. kamen die Reliquien des heiligen Lukas aus Konstantinopel nach Padua; Kaiser Karl IV. hat sich einen Teil des Schädels für den Veitsdom in Prag ausbedungen, ein anderer Teil wird im Panteleimon-Kloster am Athos verehrt. Es läßt sich leicht denken, daß die Markusrepublik Venedig kein Interesse daran haben konnte, den Kult eines Evangelisten in jenem Padua, das es gerade geschluckt hatte, sonderlich zu fördern. So bleibt sein Gedenken in Padua etwas für Spezialisten und ich denke, die freuen ihn dann besonders.

Über den größten Platz Europas, den Prato delle Valle, verlassen ich sehr angenehm mein liebes Padua und wandere ohne jeden Verkehr den Canale di Battaglia entlang nach Süden. 1189 bis 1201 angelegt, sollte er den Handel zwischen Padua und Monselice ankurbeln und das Hinterland mit der Adria verbinden. Die Republik Venedig legte später hier die Sümpfe trocken. Montaigne preist in seinem „Journal de voyage en Italie“ 1580 dieses Meisterwerk der Ingenieurskunst.
Bald erreiche ich die Villa Molin des großen Scamozzi; man kann sie besichtigen, natürlich nicht an einem Montag. So ergeht es mir dann auch bei Villa Emo – Capodilista, Villa Selvatico – Satori und bei Schloß Catajo. Dies war einmal aus dem Estensischen Erbe Privatbesitz Erzherzog Franz Ferdinands, der Irredentastaat hat es nach dem ersten Weltkrieg als „Kriegsentschädigung“ kassiert, gerade so, wie das die EU zurzeit mit russischem Vermögen machen möchte. Recht biegt man sich zurecht, so recht und schlecht!

Kaum ein Kunstreisender im Veneto besucht Monselice. Den Fußpilger zwingt der Weg hierher, denn bis Rovigo sind die knapp 50 km doch recht weit.


Ein Juwel entdecke ich da. Nicht der ganz nette Hauptplatz lohnt einen eigenen Besuch, aber Castello Cini. Vom 11. bis 15. Jahrhunderte ist hier eine einzigartige Kombination von Festung und venezianischem Palazzo entstanden.

Ezzelino de Romano, ein ganz Böser des 13. Jahrhunderts, dessen Macht zeitweise von Treviso bis Breschia in der Lombardei reichte, ließ sich hier einen Wehrturm errichten und die Befestigung der Stadt ausgebauen. Recht und Gerechtigkeit handhabte er ebenso souverän wie die gegenwärtigen Herrscher und der heilige Antonius sagte ihm ein böses Ende voraus. Die Flintenuschi in Brüssel kannte der Heilige aus Padua noch nicht.

Nach mehreren Besitzerwechseln küßte Graf Cini im 20. Jh. den schon recht abgewohnten Gebäudekomplex wach. Er restaurierte mustergültig den alten Baubestand und brachte hier seine erlesene Kunstsammlung unter. So wirkt die Burg nicht wie ein Museum, sondern wie ein bewohnter Edelsitz, dessen Besitzer jeden Augenblick um die Ecke kommen kann.

Dem Pilger schenkt der Besuch der „7 chiese“ reiche Gnaden. Papst Paul V. Borghese gewährte in einer feierlichen Bulle den Besuchern der sechs Scamozzi Kapellen – Peter und Paul haben sie zusammengelegt – die gleichen Ablässe wie für die Stadtwallfahrt zu den „7 chiese“ in der Heiligen Stadt. Dort ist man allerdings 28km am Weg, in Monselice erledigt man das in 10 Minuten. Der spirituelle Nutzen steht im Vordergrund, die angeblich von Palma Giovane gemalten Kapellenbilder sind von mäßiger Qualität und in schlechtem Zustand, die Scamozzi-Kapellen seriell. Am Ende des Weges erfreut dann die Villa Duodo eines venezianischen Senators das Auge.

Am Heimweg rätsle ich über die Inschrift an einem Portal: “eremitam hic suspende togam“ – der Einsiedler möge hier seine Robe ablegen. Nun, nach dem schweren Unwetter ist mir dies nur recht, ich lege trockenes Gewand an und habe noch ein Rendezvous mit einer gefüllten Taube, durchaus delikat, doch man ißt sich dran hungrig!


11.05.2026
3. Interruption | 10. mai 2026; Wien
Ein wenig Schlaf habe ich gefunden. Nun führt mich der Weg zur Heiligen Messe in die Minoritenkirche. Die Liturgie ist heute unerwartet festlich, denn Bischof Fellay spendet die heilige Firmung und zelebriert anschließend das levitierte Hochamt. Der exquisite Chor begleitet die weihevolle Stunde mit Renaissancemusik.

In doppelter Weise ist die Minoritenkirche mit meiner heutigen Franziskuswallfahrt verbunden. 1224, also noch zu Lebzeiten des heiligen Franz, hatte Herzog Leopold VI. die Minderbrüder in seine Stadt berufen und damit deren älteste Niederlassung an der Donau gegründet.
Für den Hochaltar schuf im 18. Jh. Ignaz Unterberger, aus jener Tiroler Malerdynastie, deren Werke ich auf meinem Weg in den letzten drei Wochen schon öfters angetroffen habe, das Bild „Maria Salus Populi Romani“. Drei Engel halten die Ikone hoch, am unteren Bildrand kann man die Kirche Santa Maria Maggiore in Rom erkennen.
Bei der Stadtwallfahrt am Ende meines Pilgerweges werde ich sie – Deo volente – Anfang Juni besuchen. Die dortige Ikone wird dem heiligen Lukas zugeschrieben und wurde seit der Spätantike in Zeiten von Not und Pest in feierlicher Prozession durch die Heilige Stadt getragen.
Kaiser Joseph hatte die Minoriten in die Vorstadt verschoben und überließ der italienischen Communität in der Kaiserstadt – zu seiner Zeit an die 7000 Personen – die Minoritenkirche als Nationalkirche im Eigentum. Der Fondazione Italiana ist es zu danken, daß sie 2021 ihre Kirche der Piusbruderschaft und damit der Tradition übertrugen.
Am Heimweg muß ich dann ein Werbeplakat der Wiener Festwochenschauen. Seit Dezennien beleidigt die sozialistische Stadtregierung den Marienmonat Mai mit linksextremer Kulturpropaganda à la Gramsci und keine Geschmacklosigkeit und Blasphemie wird da ausgelassen.
Letztes Jahr mußte man sich zwei schmusende Männer anschauen, heuer küßt ein Kleriker eine Nonne; interessant auch, daß dafür dann immer traditionell gekleidete Kirchenleute abgebildet werden.Wahrscheinlich werden sie nächstes Jahr zwei rot gewandete Kardinäle ihre Zungen ineinander versenken lassen.
Mir graust jetzt schon. Da hab ich auch wieder genug von Wien. Um 22:15 fährt mein Bus vom Hauptbahnhof ab. Morgen um 7:20 bin ich ab Padua wieder am Weg. Die „Schwulentanz“ gibt es in dieser Form – noch – in Italien nicht!
10.05.2026
2. Interruption | 9. Mai 2026; Wien

Noch hält der Festreigen mich in der Stadt. Die Hochzeit meines besten italienischen Freundes wird gefeiert! Eine Ehrensache ist es mir dabei zu sein, zumal er seine hohe Braut bei mir in der Sala Terrena kennengelernt hat.


Nach der würdigen Trauung und anschließender Festmesse in der Karlskirche, natürlich im überlieferten Ritus, begleitet von der Spatzenmesse des unvergleichlichen Mozart, hebt eine österreichisch-italienische Feier an und im melodiösen Klang des Italienischen ruft mich schon irgendwie der Weg.

Allzu lange hält der Pilger bei dem Fest nicht durch. In meinen Gedanken bin ich schon ein bißchen weg.

Noch einmal ausschlafen, und dann der Nachtbus morgen – Interruptionen strengen an!
10.05.2026
1. Interruption | 8. Mai 2026 - Wien
Sacrosanct ist mir der Pilgermonat, die Straße meine Heimat, das Ziel vor Augen, die Heimatstadt weit. Doch heuer komme ich einer Zäsur nicht aus. Der große Bachheimer, mein Freund dem ich und alle geneigten Leser die Veröffentlichung meines täglichen Pilgerberichtes verdanken, feiert seinen – man glaubt es nicht – 60. Geburtstag, und das noch dazu in meiner bescheidenen Hütte.

Da darf der Pilger nicht fehlen! Ich springe aus meinem momentan Stand zurück in die Welt des Laien und als solcher in den Nachtbus ex Padua nach Wien. Im Morgengrauen treffe ich am Südbahnhof ein, verwandle mich in Kleidung und Gestalt zum Weltmenschen und gebe dem Freund die Ehre.

Ein rauschendes Fest darf ich erleben. Die 16er Buam spielen auf, die Sau dreht sich am Spieß und Bier und Wein fließen in Strömen. Der Freund hat sich‘s verdient, steht er doch wacker seit so vielen Jahren gegen den Strom des Zeitgeistes und hält mit Heiterkeit und schneidigem Verstand das Banner der Wahrheit hoch.

Ein glücklicher Abend und doch – nicht leicht fällt es dem Pilger, so abrupt sich wieder in die Welt zu fügen. Schlaf und Traum beruhigen das verwirrte Herz; ein bißchen viele Menschen waren das vielleicht heute!

Normalerweise wage ich es ja nicht, die Erhabenheit dieser Rubrik durch meine flachen Ergänzungen zu entwürdigen. Aber heute sei mir eine Ausnahme gestattet. Ich bedanke mich beim Partisanen der Schönheit für die Zurverfügungstellung seiner traumhaft schönen SalaTerrena.
Ein großes Privileg und große Ehre gleichermaßen. Danke, Danke, Danke! TB
08.05.2026
Tag 20 | 7. Mai 2026; Vicenza – Torri di Quartesolo – Mestrino – Padua; 36km

Ich nehme Abschied von Vicenza im Teatro Olympico, dem ersten freistehenden Theater seit der Antike, das für rund 800 Zuschauer Platz bietet. Gespielt wird da heute selten, im September gibt es ein paar Opernaufführungen. Joseph Losey hat in seinem genialen Don-Giovanni-Film 1979 hier einige Szenen gedreht. Die optische Täuschung des Bühnenbilds verblüfft, gefühlte 200 Meter tief, reicht es doch nur 12 Meter nach hinten. Boromini hat später diesen Effekt im Palazzo Spada in Rom zum Exzeß getrieben. Natürlich stammt der Entwurf des Teatro Olympico von Palladio und natürlich hat ihn wieder Scamozzi vollendet.

Der Auszug aus Vicenza gestaltet sich angenehmer als der Einzug. Zunächst noch teilweise auf Radwegen, aber immer der Hauptstraße entlang, die sich in ihrer geraden Linienführung unschwer als Römerstraße erkennen läßt, geht es hinaus auf's Land und immer wieder vorbei an den köstlichen Villen des Veneto. Mehr als 4000 soll es geben, niemand hat sie je gezählt. Manche strahlen in altem Glanz, andere wirken verlassen und recht heruntergekommen. Die 24 der Firma Palladio sind als Weltkulturerbe klassifiziert.

Eine davon erreiche ich bald, die Villa Chiericati, die vom Bruder jenes Grafen, dessen Stadtpalast ich gestern in Vicenza besucht habe, in Auftrag gegeben wurde. Die Brücke über die Tesina hat dann gleich auch der große Palladio errichtet. Vicenza will heute noch nicht wahrhaben, daß ihr größter Sohn tatsächlich in Padua geboren wurde, wohin heute mein Weg zielt.


Der wird bald mühsam, denn eine elend lange Baustelle macht ihn richtig gefährlich und die Autos fahren eine handbreit von mir entfernt. Kommen sie mir zu nahe, hebe ich warnend meinen Pilgerstab.

Endlich erreiche ich die Fortifikationen Paduas und über die Piazza dei Signori marschiere ich munteren Schrittes zum heiligen Antonius, gewiß dem bemerkenswertesten Heiligen des Franzikanerordens nach dessen Gründer.


Als Sohn eines Edelmanns in Lissabon geboren, trat er mit 15 Jahren bei den Augustinerchorherren seiner Heimatstadt ins Noviziat ein. Das Gesellschaftsleben der Metropole wurde ihm bald zu viel, und so wechselte er in die Universitätsstadt Coimbra. Dort vertiefte er sich in gelehrte Studien und doch – seine wahre Berufung fand er hier nicht. Das Martyrium von fünf Franziskanern in Marokko anno 1220 erschütterte seine behagliche Welt in der Studierstube, und er wollte es Ihnen gleichtun.

Gott hatte andere Pläne mit ihm. Durch schwere Krankheit in Nordafrika zur Rückkehr gezwungen, verwehte es sein Schiff, und vor Sizilien erlitt er Schiffbruch. Seine Heimat Portugal sollte er nie wieder sehen. Von Süditalien aus brach er zu Fuß ins 600km entfernte Assisi auf – ohne Bergschuhe, Funktionskleidung und GPS-Karte am Mobiltelefon – und traf gerade zum sogenannten „Mattenkapitel“ bei seinen Ordensbrüdern ein. Den heiligen Franz sah er nur von fern und man wußte eigentlich nicht, was man mit ihm anfangen soll. Nach Forli haben sie ihn dann mitgenommen, da man erfuhr, daß er Priester war und einen solchen brauchte die dortige kleine franziskanische Gemeinschaft. Gelegentlich einer Priesterweihe bat man ihn als Prediger auszuhelfen, da sich die Dominikaner gerade nicht in Stimmung fühlten. Da tat er erstmals seinen Mund auf und seine Brüder erkannten, welches intellektuelle und rhetorische Juwel ihnen da der liebe Gott geschickt hatte.
Nun galt sein Kampf der Ketzerei, die es besonders in Rimmini auszurotten galt. Nein, Sankt Antonius war nicht „soft“! Er bezwang die Feinde Christi mit schneidendem Verstand und gewandter Zunge. Diese Zunge verehre ich in der Reliquienkapelle des Genueser Parodi und bete am Grab des heiligen Antonius, daß uns der Herr wieder solche Prediger schenken möge, um jenen Ungeist auszurotten, der unsere heutige Welt grausam in Ketten geschlagen hat. „Die Predigt ist die Aussaat, die Beichte die Ernte!“ sagte der Heilige und genau das braucht‘s heute!

Ich brauche jetzt mein Pilgerbier. Der erste Abschnitt meiner Franziskuswallfahrt ist bewältigt, rund 600km liegen hinter mir. Jetzt wird gefeiert und in der unscheinbaren kleinen Trattoria vis à vis der Basilica, neben dem Hotel "Donatello" esse ich, wie stets hier, die besten Carbonara ganz Italiens.

Ich blicke auf Donatellos Reiterstandbild des Gattomelata – seit mehr als einem Jahr eingerüstet! Ja, jetzt bin ich wirklich in
07.05.2026
Tag 19 | Vicenza – Monte Berico – Vicenza; Ruhetag, 8km

Vicenza kenne ich kaum, und so habe ich für heute einen Ruhetag in der Stadt des Palladio vorgesehen. Das regnerische Wetter trifft mich daher kaum. Gut geschützt gehe ich im Laubengang mit seinen 150 Bögen hinauf zum Heiligtum am Monte Berico.

Vor 600 Jahren, am 7. März 1426, war hier die Muttergottes der Bauersfrau Vincenza Pasini erschienen und forderte an dieser Stelle ein Heiligtum. Dann sollte die schreckliche Pestepedemie enden. Um ihrem Wunsch mehr Nachdruck zu verleihen, erschien sie der Pasini nochmals am 1. Oktober 1428. Nun wurde die Botschaft verstanden, und in nur drei Monaten stand das erste Kirchlein. Die Pest verschwand. Das Beispiel machte Schule und in Venedig erflehte man die Gnade des Himmels dann bei zwei neuen Ausbrüchen der Seuche mit der Errichtung der Redemptore und der Santa Maria de Salute.

Die heutige Basilika am Monte Berico ist natürlich ein Werk Palladios und gewiß das geistliche Zentrum Vicenzas. Hinter dem Altar pilgern die Gläubigen am Gnadenbild von Nicolo da Venezia vorbei und küssen eine Silberscheibe, deren Relief die Erscheinung darstellt.


Im Souvenirladen für Devotionalien fällt mir ein affichiertes Photo Herrn Bergoglios mit seinem schmierigen Lächeln auf. Ich frage, ob dieses Konterfei des Erzhäretikers wohl jemand kaufe. „Nessuno!“, gibt der Ladenbesitzer zurück und lacht.

Vicenza war einmal schon vor dem Frieden von Campo Formido österreichisch. Kaiser Maximilian hatte es im Venediger Krieg gewonnen und wir hielten es von 1509 bis 1516. Deutsch heißt die Stadt übrigens "Wiesenthal“. Nach dem Wiener Kongreß war es dann Teil des Königreichs Lombardo-Venetien und in Wien überlegte man gar eine Krönung Kaiser Ferdinands des Gütigen mit der Eisernen Krone. In der Schatzkammer kann man die diesbezüglichen Entwürfe studieren. 1848 taten sich die Vincentiner (ganz im Gegensatz zu den Veronesern) durch besondere Renitenz hervor. Im Oktober 1866 bekamen sie dann, was sie sich gewünscht hatten: die Loslösung von Österreich. Noch im selben Jahr kam es zu Hungeraufständen und eine Massenauswanderung setzte ein. Man fällt nicht ungestraft von Habsburg ab!

All das spielt heute keine Rolle mehr. Die durch Textil- und Schmuckproduktion reich geworden Stadt hat mustergültig die Beschädigungen durch das Bombardement der Befreier im II. Weltkrieg beseitigt und man vergißt, daß Vicenza die am meisten zerstörte Stadt des Veneto war.
Andrea Palladio dominiert hier alles. Seine Basilica Palladiana ließ sogar den selbstgefälligen Goethe sprachlos. Dabei wurden die meisten seiner Werke durch seinen Schüler Scamozzi vollendet. Daß niemand ihm die Ehre gab, kränkte den natürlichen und 1604 präsentierte er Wolf Dietrich von Raithenau seine neuen Pläne für den Dom in Salzburg. Hatte der alte doch so schön gebrannt!
Im Palazzo Chiericati, natürlich auch von Palladio entworfen, begegne ich in der Pinacoteca erstmals auf meiner Reise großer Tafelmalerei. Tintoretto, Bassano, Cairo, Tiepolo – alle sind sie da vertreten. Der van Dyck ist leider gerade an Genua ausgeliehen.

Im Saal mit der schönen „Sacra Conversazione“ von Cima da Conigliano beobachte ich einige Personen bei psychedelischen Verrenkungen um einen mobilen Lautsprecher, aus dem sanfte Töne wabern. Ich frage die offensichtliche Gruppenleiterin, ob es sich hierbei um eine Therapie für psychisch Kranke handelt. Sie versteht meine Frage nicht, nimmt sie mir aber auch nicht übel: „La danza aiuta tutti noi!“

Mir hingegen helfen Speis und Trank. Im „Contra“, schon der Name spricht mich an, erlebe ich italienische Gastlichkeit, wie sie sein soll. Speisekarte gibt es nicht, in Kreide steht am schwarzen Brett, was es heute gibt, und hinter der offenen Theke kocht Gigio die beste „Fegato Veneziana“, die ich je gespeist habe, besser als in allen Michelinrestaurants in der Serenissima!

Lorenza bringt zum Abschluß noch die “Zaeti“, ein Vincentiner Feingebäck, weit besser als die versteinerten Cantuccini, die man auch bei uns in jedem Supermarkt bekommt. Die Weinkarte ist überschaubar, ich trinke mich also durch. Beim „Tai Rosso“ bleibe ich dann hängen. Morgen geht’s eh nur durch die Ebene!

06.05.2026
Tag 18 | 5. Mai 2026; Schio – Isola Vicentina – Vicenz; 27,3km

Schio schmückt sich mit dem Beinamen „il Manchester d‘Italia“ – und so schaut‘s da auch aus! Alessandro Rossi, Großunternehmer und liberaler Abgeordneter im Irredentaitalien, eine Type wie Don Calogero im "Gattopardo", baute hier die Textilindustrie auf. Die Ortschaft hat sich davon nie erholt.

Da ich gestern, spät von meinem spirituellen Erlebnis kommend, die eigentliche 38.000-Einwohner-Stadt betrat, traf ich ausschließlich Afrikaner, Inder und Araber an. Da ich kein hübsches Mädchen bin, habe ich mich nicht gefürchtet. An turmhohen Wohnblocks vorbei gelangte ich in mein Hotel am häßlichen Hauptplatz. Geld wird freilich hier noch immer gemacht, nicht von den bedauernswerten Exoten, sondern von ihren wohlbestallten Importeuren, die gewiß in einer schmucken Villa am Gardasee das alles nicht sehen müssen. Nachschauen kommen sie wohl manchmal, und da wollen sie gut essen; und wirklich, auch ich genoß im „Joja“ mein bisher bestes Dinner dieser Wallfahrt. „Wo Geld ist, wächst das Schmackhafte auch!“

Bei Tageslicht wird Schio nicht schöner und mein gestriger Eindruck von der demographischen Zusammensetzung der Bevölkerung bestätigt sich. Nichts wie weg also, und hinaus in den Regen, der den ganzen Tag über auf mein Barett prasseln wird.

Bei solchem Wetter 27km die Haupstraße entlang zu ziehen, zwingt den Pilger, Innenschau zu halten – zumal die Außenschau den trostlosen Eindruck des Wetters noch verstärkte. Da finden sich zahlreiche lohnende Motive für meinen seit langem geplanten Bildband „Venetien in häßlichen Ansichten“ und mich erstaunt die Schamlosigkeit der Bauherren, so den Lebensraum ihrer Nachbarn zu versauen; die merken es aber – so fürchte ich – gar nicht mehr, abgestumpft wie sie sind.

Wenige Kilometer Abzweig über Radwege und Feldpfade sind ein Labsal, dann trotte ich durch die Metastasen der Stadt Vicenza. Daß des größten Vicentinerts Name, „Palladio“, für ein Shoppingcenter herhalten muß, ist vielleicht dessen Buße im Fegefeuer.


Hinter der „Porta della Croce“ tut sich mir dann der Liebreiz der gelästerten alten Welt auf, die die Moderne so bravourös überwunden hat.

Die Welt der Moderne ist schon deswegen böse und falsch, da es ihr nicht gelingt, Schönes flächendeckend hervorzubringen. Ein paar vereinzelte Kunststücke, gewiß, aber in Summa leben wir von der Konkursmasse der Vergangenheit.

Davon gibt es in Vicenza viel und ich gönne mir hier morgen einen Ruhetag. So will ich heute ausgiebig alle Köstlichkeiten probieren, die Küche und Keller der schönen Stadt bieten. Morgen schlaf‘ ich mal, solang‘s mir paßt!

In der „Osteria Monelli“ bin ich gut aufgehoben und die reizende Chiara geleitet mich mit ausgesuchten Tropfen durch das Menu. „Baccalá“ mag ich grundsätzlich ebensowenig wie Polenta. Baccalá Vicentina mit Polenta muß man aber probieren, wenn man schon da ist, und ich gestehe, so exquisit wie hier zubereitet, hat es mir tatsächlich geschmeckt.

Das Gekreische hysterischer Stromgitarren haben sie auf meine Intervention hin durch Vivaldi ersetzt. Allein dafür ist die Wirtschaft aller Welt zu empfehlen!

05.05.2026
Tag 17 | 4. Mai 2026; Asiago – Piovene Rocchette – Schio; 41km

Bei strahlendem Sonnenschein geht es nun bis Mittag über die Hochebene auf 1000 Meter, die mich sehr an den Lungau erinnert. Es bieten sich liebliche Fernblicke auf die Dörfer mit ihren hohen, spitzen Kirchtürmen, allesamt nach dem Großen Krieg neu errichtet.


Die Erinnerung an jenes grausame Völkerschlachten ist allgegenwärtig. Immer wieder komme ich an kleinen Museen, Gedenksteinen und Soldatenfriedhöfen vorbei. Dort weht nicht der EU-Fetzen, sondern die Flaggen Österreichs, Italiens und Ungarns traut nebeneinander.

Ludwig Wittgenstein vollbrachte als einfacher Soldat in diesem Frontabschnitt ein Heldenstück bei der Eroberung eines schweren Geschützes. Er wurde für die Goldene Tapferkeitsmedailie vorgeschlagen, eine Auszeichnung, die nur sehr selten vergeben wurde. Doch ein mißgünstiger Vorgesetzter – Intellektuelle haben wenig Freunde – hintertrieb es mit der Begründung, daß im Ergebnis die Aktion keinen durchschlagenden Erfolg gebracht hatte. „Seit wann ist Erfolg ein Kriterium für Tapferkeit?“, gab der Philosoph zurück.

Nach einem kurzen Anstieg bricht die Straße in die Ebene ab. In zehn spitzen Kehren müssen 800 Höhenmeter überwunden werden, vier davon kann ich auf einer aufgelassenen Bahntrasse abkürzen. Weit öffnet sich die Ebene und bei klarer Luft könnte ich wohl das Meer bei Venedig ausmachen.

Unten angelangt, blicke ich erstaunt hinauf auf die Felswand. Man kann sich wirklich nicht vorstellen, daß sich dort eine blühende Ebene ausbreitet und mir erscheinen die althochdeutschen Bauernrepubliken einst da oben wie eine eigene Welt.

Ich überschreite die tiefe Schlucht des Astico, nun geht es entlang der Straße rund 15km durch zersiedelte, oberitalienische Industrielandschaft. Es lohnt sich nicht, sich die Namen der einzelnen Siedlungen zu merken. Sie bieten nichts. Soweit ich das beurteilen kann, ist dies aber nicht alten Bomben sondern neuem Geld geschuldet.

Ich gehe auf Vicenza einen Umweg, der einen halben Tag kostet, denn ich will nach Schio, wo es nach 1985 eine Reihe von Marienerscheinungen gegeben hat. Ich weiß nicht was ich davon halten soll, und will mir ein Bild machen. Der Erscheinungsort, das romanische Kirchlein San Martino, liegt ab vom Weg, und in einer Kebapbude deponiere ich meinen Rucksack, um die zwei Kilometer hinauf leichter zu gehen, denn die heutige Etappe ist lang.

Die Kirche finde ich fest verschlossen und das schon seit langem. Ich läute bei einem nahen Haus, um den Schlüssel zu erfragen, vergeblich. Ich bin enttäuscht. So knie ich mich eben auf dem Rasenstück nieder und bete ein Ave Maria. Da fällt mir noch ein Beter auf, Roberto, „der letzte Gläubige des Erscheinungsortes“, und er wird mir viel erzählen.
Nach dem Tode des Sehers Renato Baron sei hier alles zu Grunde gegangen. Einst waren an jedem Maiabend hier an die 100 Gläubige, meist junge Leute. Messe wurde gefeiert und Rosenkranz gebetet. Jetzt kommt noch Roberto jeden Abend und bringt „der Königin der Liebe“ ein paar Blumen. „Es gibt keinen Glauben mehr unten in Schio“, klagt er und erzählt von den Mißbräuchen der neuen Messe und der Blasphemie der Handkommunion. Das kleine Gotteshaus gehört irgendwelchen Anwälten in Schio und bleibt geschlossen. Am nahen Kreuzweg deponiert Roberto immer Blumen bei der vierten Station, wo unser Herr seiner betrübten Mutter begegnet, und immer findet er gerade die am nächsten Tag weggeworfen. „Die Wallfahrt von San Martino wird gekreuzigt werden!“, soll Christus dem Seher Renato offenbart gaben. Gewiß, es gibt da noch ein geistliches Haus „Cenacolo“, gelegentliche Buswallfahrer und die tapfere Bewegung „Con Christo per la vita“, die vor Abtreibungskliniken betet und den größten Massenmord der Menschheitsgeschichte anprangert, aber da oben in San Martino ist alles vorbei.

Es ist spät geworden, und ich muß mein Quartier finden, da will Roberto noch mit mir zu Padre Konrad, wir könnten ihn gleich um die Ecke finden. Unterhalb er Kirche betreten wir ein modernes Haus, Roberto öffnet die Tür und ich befinde mich in einer frommen Herrgottsgarage à la Pius X.
Das Allerheiligste ist ausgesetzt und ein steinalter Geistlicher ist ins Brevier vertieft. Ich verspüre den Wunsch, bei ihm die Beichte abzulegen. Er sieht aus wie der Pater Konrad von Altötting, aber der kann es ja nicht sein. Pater Konrad von Schio ist ein pensionierter Diözesanpriester aus Brixen, der seit mehr als 20 Jahren hier aushält und das Heilige Meßopfer im ewig gültigen Ritus darbringt. Mit stahlblauen Augen blickt er mich an, das würdige Greisengesicht umrahmt ein langer, schlohweißer Bart, ein bißchen eine gealterte, fromme Version meines Freundes Jürgen Wirth Aderlan. In breitem Tirolerisch gibt er mir seine profunde Predigt, und ich erfahre die vielleicht tiefste Beichte meines Lebens. Sie dauert lange, und leicht erhebe ich mich von den Knien. Alles ist leicht, auch die paar Kilometer zur Kebapbude und in mein Quartier.
Die Gnade wirkt wo sie will, und ich kann nur danken.
04.05.2026
Tag 16 | 3. Mai 2026; Monterovere – Vezzena-Paß – Camprovere – Asiago; 26,8km

Ein leichter Weg führt von 1254 Meter Seehöhe zum Vezzena-Paß auf 1403 Meter. Als Paß nimmt man ihn kaum wahr, denn ich durchwandere nun eine liebliche weite Hochebene mit grünen Matten und hochragenden Berggipfeln am Horizont. Ganz in der Ferne, schneebedeckt, kann man den Crozzon di Folgorida erkennen mit 3082 Metern.

Sonntag ist, der Himmel lacht und bequem spaziere ich durch den blühenden Frühling. Alles könnte so schön sein, doch es ist eben Sonntag und die virile Jugend der Landschaft hat just meine Route zu ihrer Motorradrennstrecke auserkoren, und da brausen sie dahin, auf ihren Reitwägen. Ritten sie doch auf Rössern, das wäre weniger geräuschvoll!

Noch bin ich in Welschtirol, und neben der Kapelle der heiligen Zita weht die rot-weiß-rote Fahne neben dem EU-Fetzen und der italienischen Trikolore.

Bald wechsle ich ins Veneto und betrete das Gebiet der „7 Gemeinden“. Zweisprachig, auf Italienisch und Zimbrisch wird es mir angezeigt. Dabei sprechen gerade noch die 266 Einwohner von Lusern diese eigentümliche Sprache. Nach Lusern wäre ich über eine Stichstraße von Monterovere aus gekommen, doch dafür reicht die Zeit des Pilgers nicht.

Einst dominierte das Zimbrische, ein mittelalterlicher Dialekt im Übergang von Althochdeutsch zu Mittelhochdeutsch die ganze Hochebene. Allerlei Mythen über seine Herkunft gibt es da. Petrarca hielt die fremdsprachigen Bergbewohner für die letzten Kimbern, ursprünglich aus Jütland, und tatsächlich betrieb eine dänische Universität ein genetisches Forschungsprojekt, das Ergebnis ist mir nicht bekannt. Mal hielt man sie für die letzten Langobarden, mal für Fußmarode der Italienzüge des Kaisers Friedrich Barbarossa.
Die plausibelste Erklärung ist, daß es sich um bayerisch-alemannische Siedler des 11. Jhdts. handelt. Das Klimaoptimum des Hochmittelalters hatte zwei unmittelbare Wirkungen. Die Bevölkerung wuchs, und Hochflächen, die bislang unbesiedelbar waren, öffneten sich der Landwirtschaft. So machten sich weichende Bauernsöhne auf den Weg, um auf bisher unerschlossenem Terrain eine neue Existenz aufzubauen; ein bißchen wie in den USA im frühen 19. Jhdt., nur mußten sie dafür keine Indianer massakrieren, das Land war leer.
Es bildeten sich im Bereich Veronas die „13 Gemeinden“, oberhalb Vicenzas die „7 Gemeinden“, sowie vereinzelte Siedlungen im Trentino wie Lusern, oder im Friaul wie Sauris.
Seit 1310 hatten die Gemeindeverbände ein eigenes Statut, das eine selbstständige Bauernrepublik begründete. Nominell anerkannte man den jeweiligen Souverän, erst die Scaglier in Verona, dann die Republik Venedig, war aber zu keinerlei Kriegsdienst oder Steuerleistung verpflichtet. Venedig ließ die Bergler in Ruhe, die ihnen als Holzliferanten für den Schiffsbau sehr nützlich waren. Der Allzerstörer der alten Ordnung, Napoleon, hat sich sogar für derartige Abseitigkeiten der politischen Geographie interessiert und löschte die freien Bauernrepubliken 1807 aus. Alles mußte über einen Leisten geschert werden, und da haben Partikularrechte keinen Platz. Die Hochebene wurde seinem Königreich Italien eingegliedert und als Teil Venetiens fielen sie dann an Österreich.

Noch immer sprach man hier jenen mittelalterlichen südbayerischen Dialekt, aber wir haben ihn kaputtgemacht. In Unkenntnis über die lokale Besonderheit sandte Wien italienische Lehrer und baute Schulen, die Irredenta hat nach 1866 nur fortgesetzt, was Österreich begonnen hat, die einen aus Inkompetenz, die anderen aus Impertinenz!

Kreuze aus Stacheldraht erinnern mich den ganzen Tag über an die Grausamkeiten des Großen Krieges. Um den Italienischern zuvorzukommen, führte Conrad von Hötzendorf an der Südwestfrot eine Entlastungsoffensive für die Isonzofront. Der Plan wäre ein Durchbruch in den Raum Padua-Venedig gewesen um so die Masse der Italienischen Armee einzukesseln. Hier, auf der Hochebene der 7 Gemeinden, kam der Sturm zum Stehen.
Ausgelöscht wurden die alten Orte und der Boden mit dem Blut beider Seiten getränkt. Ein gewaltiges Beinhaus für 54 000 tote Österreicher und Italiener, davon 33 000 unbekannt, das „Sanctuario Miltare del Leiten“ dominiert die Ebene von Asiago. Der riesige Triumphbogen erweckt unangenehme Erinnerung an Bozen. Triumph für wen? Wie haben gemeinsam in diesem europäischen Bürgerkrieg zivilisatorischen Selbstmord begangen. Triumphiert haben ganz andere!


Der Krieg hatte Camprovere und Asiago plattgemacht. So sind beide Orte kunsthistorisch uninteressant und doch – nach dem Ersten Weltkrieg war ein Wiederaufbau nach menschlichen und ästhetischen Maßstäben noch möglich. Asiago hat ein ganz hübsches Rathaus, einen ebensolchen Hauptplatz und Corso und die Kirche San Matteo, die 1922 fertiggestellt wurde.

Ich zweifle ja nicht an der Gültigkeit der neuen Messe, ich versuche sie zu vermeiden und fürchte ihre blasphemischen Mißbräuche und Exzesse. Da ich nun an diesem Sonntag in Asiago einziehe, läuten gerade die Glocken zur Abendmesse und ich meine, sie rufen nun den Pilger zur Sonntagspflicht. Wie oft in Italien zu beobachten, verzichtet der Priester auf Ausdrücke extravaganter Selbstverwirklichung und künstlerischer Intervention. Er zelebriert routiniert und fromm die Heilige Messe, dazu singt ein engelsgleicher Mädchenchor. Der Pilger versucht demütig zu sein und verbietet sich kritische Analysen.
In einer Seitenkapelle wird das Schienbein der Seligen Giovanna Maria Bonomo verehrt. In Asiago geboren, trat sie 1622 bei den Benediktinerinnen in Bassano del Grappa ein, wo ihre restlichen Reliquien bewahrt werden. Sie galt als große Mystikerin und war mit den Stigmata Christi ausgezeichnet. Ihre Statue am Corso war tatsächlich das einzige, das nach dem Bombardement vom alten Asiago noch stand – wer mag das erklären?



Beim Abendtrunk blickt der Pilger über die Hochebene schon hinab in die weiten Weingärten des Veneto. Ein Cabernet Franc aus Preganziol in der Provinz Treviso, rund 60km Luftlinie von mir entfernt, weckt meine Sehnsucht nach der Mediterranée und verbindet sich doch köstlich mit einjährigem Asiagokäse des Hochtals. Die ersten Morcheln des Jahres schmücken die Pasta – das Leben ist schön

03.05.2026
Tag 15 | 2. Mai 2026; Trient – Pergine Valsugana – Caldonazzo-See – Kaiserjägerstraße – Monterovere; 35 km

Die Schönheit Trients läßt mich nicht los. Ich genieße meinen Morgencaffee am Domplatz. Die Wasserstrahlen des Neptunbrunnens glitzern im gleißenden Sonnenlicht, kein Regenguß wird mich auf meinem langen Weg heute erwischen.

Ich besuche den Dom, ein Meisterwerk der späten Romanik mit einem Barockziborium, dessen Errichtung Trient gelobt hatte für den Abzug der Franzosen im Spanischen Erbfolgekrieg. Die hochverehrte Kreuzigungsgruppe über dem Sakramentsaltar stammt von deutscher Hand. Ich bete vor den Reliquien des heiligen Virgil von Trient, nicht mit jenem von Salzburg zu verwechseln. Der Römer zog als Missionar über die Via Claudia Augusta nach Norden und gründete das Bistum Trient. Im Radenatal predigte er gegen die Anbeter des Saturn. Die haben ihn dann mit ihren schweren Holzschuhen erschlagen. Jetzt ist er der einzige Schutzpatron Trients. Am Holzportal der Kirche St. Peter und Paul ist er noch einträchtig neben San Simonino dargestellt.



Gleich zur Eröffnung meines heutigen Weges geht es einen Kalvarienberg steil hinauf zum Heiligtum der „Madonna Delle Laste“. Mattia Galasso, ein Condottiere des Kaisers im 30-jährigen Krieg hat es auf eigene Kosten errichten lassen. Dies verkürzt im allgemeinen die Zeit im Fegefeuer enorm!

Die Straße steigt an Weingärten entlang zu einem Paß, bald habe ich das Sperrwerk von Civezzano erreicht, eine österreichische Fortifikationen gegen das Königreich Italien, denn wir wußten, was wir vom Dreibundpartner zu erwarten hatten.


Hélàs – schon hatte ich eine Höhe von 600m erreicht, dann verliere ich wieder alles, denn es geht hinab ins Suganatal. Civezza sehe ich von fern, durch grüne Auen führt der Pfad bis ich die gräßliche SS47 erreiche, eine teilweise vierspurige Schnellstraße, der ich lange nicht entkommen werde. Die Tunnels sind besonders unangenehm!

Pegine Valsugana, das einmal „Fersen“ hieß, ist für die Gegend ungewöhnlich häßlich, ein paar nette Häuser gibt es aber doch. Mich versöhnt mit dem Ort die fromme Ausstellung über den heiligen Carlo Acutis, den ich in Assisi besuchen werde und seine Dokumentation der Eucharistischen Wunder. Der „Influencer Gottes“ hatte sich schon im Alter von 9 Jahren das Programmieren beigebracht, entwarf seine eigene Heimseite und zeigte dort die Eucharistischen Wunder in aller Welt auf. Mit 15 Jahren ist der Frühvollendete an Leukämie verstorben. Sein frommes Wirken brachte ihn jüngst ins Gerede, denn er wagte es, in seine Wunderliste auch jene, die nach jüdischer Hostienschändung erschienen, aufzuzeigen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, zeigt sich der bundesdeutsche Antisemitismusbeauftragte Felix Klein ob der Heiligsprechung Carlo Acutis entrüstet. Wen wundert‘s? Seit dem Konzil ist es doch guter Brauch, die anderen zu fragen, wen Rom heiligsprechen darf.

In einer Bar am Wegesrand nehme ich Wasser auf. Die Klomuschel ist jetzt auch weg – ich bin endlich in Italien!

Meine Route wechselt zwischen Schnellstraße und lieblicher Flaniermeile am Caldonazzo-See. Der erinnert mich irgendwie an den Millstätter See und schön wäre es, hier einen Tag zu verbringen. Doch der Pilger ist immer eilig.

Goethe setzte seine Reise nach Italien auf der Via Claudia Augusta fort, trödelte ein wenig am Gardasee herum und zielte dann wie ich via Vicenza auf Padua. Diese Strecke ist um gut 60km länger, was für den Fußpilger zwei Gehtage bedeutet. Ich kürze also über die Berge ab. Hinter dem See durchwandere ich eine Fruchtebene, dann erwartet mich die Kaiserjägerstraße.

Anno 1911 errichtete die Pionierabteilung des 2. und 3. Kaiserjägerregiments in weiser Voraussicht diesen Verkehrsweg, um für die Armee die Hochebene der „7 Gemeinden“ zu erschließen. Vier Jahre später tobten dann hier die blutigsten Kämpfe der Südtirol-Offensive, um die Isonzofront zu entlasten, was auch gelang.

Die Kaiserjäger haben hier eine der atemberaubendsten Straßen gebaut, die ich je begangen habe; und dies im doppelten Wortsinn! Denn es geht beständig aber lange bergauf. Mehr als 700 Höhenmeter gilt es zu überwinden, mit zahlreichen Kehren hart am Abgrund gebaut, ein Weg im Fels!

Bei „La Maddonina“ mache ich eine kurze Rast und freue mich, daß sogar in dieser ausgesetzten Abgeschiedenheit der Himmelkönigin gedacht wird. Ich bin in Italien.

Ein scharfer Wind frischt auf, das nasse Pilgerhemd klebt am Leib. Um 20:00 erreiche ich den Gasthof von Monterovere.

Nun will ich des Konzils von Trient gedenken – mit „Teroldego“, jenem Wein des Trienter Beckens, der als Schmierstoff des Konzils weithin gepriesen wurde. Vielleicht hätten sie den 400 Jahre später nach Rom importieren müssen, damit die Hirne der Konzilsväter im Lot geblieben wären! Die aber tranken das ungesunde Wasser des Rheins!

02.05.2026
Tag 14 | 1. Mai 2026; Salurn – St. Michael an der Etsch – Pressano – Lavis – Trient; 31,2 km

Vom Balkon meiner Herberge sehe ich von fern die Salurner Klause. Da wird mich der Weg durch führen, immer auf der antiken Via Claudia Augusta. Kaiser Augustus ließ sie nach der erfolgreichen Campagne von Drusus und Tiberius anlegen, um die neue Provinz Raetien zu erschließen. Nach dem Ausbau durch Kaiser Claudius konnte man auf ihr mit dem Fuhrwerk bequem bis Augsburg gelangen. Die Schlucht bei Bozen vermied die Route und ging durch das Vintschgau über den Reschenpaß nach Norden. Heute sind weite Strecken als angenehmer Radweg präpariert. Dafür – und nur dafür – seien die Grünen bedankt.

Salurn bietet nichts besonders, einen schönen Altar in der Kirche, gewiß, und ein paar liebliche Lüftelmalereien. Das Beglückendste aber war mir, daß mein 1. Mai, Anfang des Marienmonats, von keinerlei Sozialistenfeiern beschmutzt war und mir kommt ein Kindervers aus meiner Jugend in den Sinn: “Drei Pfeile im Kreis Vertreiben Wohlstand, Anstand und Fleiß” So sinnierend komme ich an einer Parkbank vorbei mit der lichtvollen Aufschrift: “Alle Kinder haben das Recht zu spielen“ – bedauerlich nur, daß dies die politische Klasse zum Lebensprinzip erhoben hat; und die spielen böse Spiele!

Weit öffnet sich das Tal hinter der Salurner Klause und wieder ist es der Wein, der die Landschaft bestimmt. St. Michael an der Etsch ist heute rein italienisch, doch auf einem gotischen Fresko kann ich recht undeutlich eine deutsche Aufschrift lesen. Das einstige Michaelskloster haben die Napoleoniden 1807 liquidiert. Der Erzengel Michael stößt über dem Portal der Klosterkirche den Teufel noch heute in die Hölle – und wieder muß ich an unsere Politiker denken.

Pressano ist ein Dorf und wirkt dabei sehr italienisch-städtisch mit stattlichen Bauten einer besseren Zeit.

Von der merkt man in Lavis nichts, die erste moderne Klotzsiedlung, die ich seit dem Brenner passiere.
Trient ist mir wohlvertraut und mein erster Weg führt mich zu St. Simonino, dem Märtyrerkind von Trient. Am 26. März 1475 einem jüdischen Ritualmord zum Opfer gefallen, war er einst Schutzpatron der Stadt, und Kaiser Maximilian ließ anläßlich seiner Proklamation zum Kaiser in Trient eine Prozession mit den Reliquien abhalten. 128 Wunder wurden im ersten Jahr nach dem Tode des Kindes nachgewiesen und der Papst erhob Simon von Trient zur Ehre der Altäre. Bis 1964 stand er im Römischen Martyrologium und sein Festtag, der 24. März, war für die Gesamtkirche vorgeschrieben. Das paßte dann nicht mehr zur “neuen Theologie des Konzils” (Kardinal Roche), und so wurde sein Kult verboten und die Reliquien in der Kirche St. Peter und Paul irgendwo verräumt. Das Holzrelief des Märtyrers an der Kirchentür haben sie vergessen auszumerzen

Der jüdische Gelehrte Ariel Toaf wies noch in einem Artikel in der Zeitschrift “l’Adige” 2007 darauf hin, daß man auf Grund der Beweislage der Prozeßakten den Kult nicht einfach als Antisemitismus abtun könnte, aber wen interessiert's? Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte wurde eine dogmatische Heiligsprechung auf Zuruf von außen aufgehoben und damit die ganze Unfehlbarkeit des Papstes ad absurdum geführt. In der Kirche des Konzils geht sich das alles aus!


Den Dom finde ich schon geschlossen, dafür erwarten mich bei den “Zwei Mohren” Trientiner Spezialitäten, Strangolapreti gibt es, "Priesterwürger", eine Art lokaler Spinatknödl mit Parmesan und brauner Butter, noch recht handfest tirolerisch.

Dazu trinke ich Marzemino. In Mozarts "Don Giovanni" preist der Schwerenöter bei seinem letzten Festmahl den edlen Tropfen aus Welschtirol und fährt anschließend in die Hölle. . Ich hoffe, das bleibt mir erspart!

01.05.2026
Tag 13 | 30. April; Kaltern – Altenburg – Söll – Tramin - Salurn; 23,9km

Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort und bei der Unmäßigkeit erwischt Er mich halt oft. So werde ich die gestrige Sauferei am Weg wohl büßen müssen! Spät komme ich erst auf und für einen Nachmittagsspaziergang ist Salurn doch recht weit.
Hoch über dem Anwese meines Freundes leuchten in einer Felsenrinne im Mendelgebirge die Tiroler Farben. Schneidige Patrioten haben sie angebracht, den italienischen Besatzern ein Dorn im Auge. Die haben dann auch versucht, das Heimatbekenntnis mit grüner Farbe auszulöschen; bis der erste heruntergefallen ist, dann haben sie aufgegeben!

Ich nehme Abschied von Jürgen Wirth Aderlan und ziehe am Höhenweg in Richtung Salurn zum Stammsitz seiner alten Familie.Allzu schlimm dürften wir es gestern nicht getrieben haben, denn der Himmel taucht den Weg in gleißenden Sonnenschein. In Altenburg ein kleiner Imbiß, dann geht es hinunter am schönen Kirchturm von Söll vorbei nach Tramin. Von fern sehe ich den Kalterer See. Die Wegweiser lesen sich seit gestern wie eine Weinkarte!

Tramin berühre ich nur am Rande. Reich ist der Ort durch den Weinbau, und herrschaftliche Ansitze reihen sich aneinander. Dabei wirken die Straßen eigenartig ausgestorben. Zur Kirche steige ich nicht hinauf. Um den berühmten “Traminer Altar” von Hans Klocker zu sehen, eine Kostbarkeit der Spätgotik, müßte ich mich ohnehin ins Bayerische Nationalmuseum nach München begeben. Es stimmt mich immer traurig, wenn religiöse Kunst entseelt als bloße Schaustücke in Museen herumstehen, denn die tatsächliche Kraft ihrer Schönheit entfaltet sich erst im Gebet.

Ich finde keine geöffnete Lokalität, dabei geht langsam mein Wasser zur Neige. Fast 10km marschiere ich nun zwischen Weinstöcken und Spalierobst. Das wird dann auch öde, vor allem wenn man durstig durch die Weingärten geht.


Das breite Tal verengt sich zusehends. Ich überschreite die Etsch, die bei Siegmundskron hinter Bozen die Eisack aufgenommen hat, und steuere hoffnungsvoll eine in meiner Karte vermerkte Bar an. Hier, rund 5km vor Salurn scheint’s allmählich italienisch zu werden. Die Klomuschel bleibt unbedeckelt, ist aber immerhin vorhanden. Am Tresen geht es deutsch und italienisch munter durcheinander.
Offiziell gilt heute die Salurner Klause als Sprachgrenze. Bei Goethe, in seiner “Italienischen Reise”, die ich parallel zu meinem Weg studiere, liegt sie noch in Rovereto, und Trient ist deutsch.
Dabei haben sich bis in die Berge bei Verona deutsche Sprachinseln erhalten, die “13 Gemeinden“, deren Bewohner Petrarca fälschlich für die letzten Kimbern hielt. Daher nennt man ihr mittelalterliches Deutsch auch “zimbrisch”. Tatsächlich ist es das recht unverfälscht erhaltene Idiom bayerisch – alemannische Siedler des 11. Jhdts. Mein Freund Stefano Valdegamberi, langjähriger Bürgermeister von Verona, kann das noch sprechen, fährt aber immer wieder hinauf in’s Wirtshaus von Lusern, um seine Kenntnisse aufzufrischen. “I bin Daitschlond und nit balsch!”, hat er mir stolz auf Zimbrisch gesagt, was soviel heißt wie “Ich bin Deutscher und nicht Italiener".

Im Quartier in Salurn grüßt mich ein letztes Mal Tirol in der Speisekarte. Tiroler Schlutzkrapfen gibt es, keine Pasta. Dazu nehme ich ein Glas Weißburgunder aus Tramin. Vor dem berühmten süßen Gewürztraminer schaudere ich zurück, “a homosexual wine“, wie ihn ein schottischer Freund bezeichnet!

30.04.2026
Tag 12 | 29. April; Bozen – Fragant – Girlan – Kaltern; 23,2km
So vollgepackt mit Schönheit und Freude ist der heutige Tag, daß mich nicht mal das trübe Wetter verdrießt.

Zunächst aber bin ich einmal für rund eine Viertelstunde Antifaschist. Der Weg führt mich nämlich am sogenannten “Siegesplatz“ vorbei, wo Mussolini einen Triumphbogen mit obszöner Aufschrift hinklotzte. Auf jeder Seite starrt er zweimal mit stahlhelmbewehrtem grobschlächtigen Antlitz auf die unschuldigen Passanten. Ein Museum ist unter dem faschistischen Monument eingerichtet, eintrittsfrei und doch besucht es niemand.


Das Bauwerk markiert den Eingang in eine faschistische Neustadt zwischen dem eigentlichen Bozen und Gries gelegen, die es brauchte, um die süditalienischen Zuzügler unterzubringen.
Ich muß da durch, um in der Pfarrkirche Gries jenen Michael-Pacher-Altar zu sehen, den der Künstler unmittelbar vor seinem Meisterwerk in St. Wolfgang schuf. Hier hat er noch geübt. Das Gotteshaus birgt auch das “Heppesberger Kreuz“, ein kostbares Kruzifix aus der Zeit um 1200, das immer noch der herrschaftlichen Familie gehört und nur leihweise zur Verehrung der Kirche überlassen wurde.


Das nahe Kloster Muri-Gries mit bewegter Vergangenheit zeigt köstliche Fresken von Martin Knollen, der auch die Ölbilder der Altäre ausführte.


Bald retour in der Bozener Altstadt, schaue ich mir einmal die Gletschermumie des Ötzi an, die mir keinen sonderlichen Eindruck macht. Ägyptische Pharaonen sind mir da näher.
Die Bozener Altstadt, rein tirolisch, von großem Liebreiz, birgt auch eine wichtige Station für den Franziskuspilger. Das hiesige Franziskanerkloster ist nämlich das älteste im deutschen Sprachraum, gegründet noch zu Lebzeiten des Heiligen anno 1221. Franziskus soll noch als Knabe, seinen Vater auf einer Geschäftsreise begleitend, in der danebenliegenden Erhardkapelle ministriert haben.

Der Bozener Dom bewahrt jenes Herzjesubild, vor dem die Tiroler Stände 1796 ihr Land unter den besonderen Schutz des allerheiligsten Herzens Jesu gestellt haben. Im Chorumgang lese ich die berührende Grabinschrift des Erzherzog Rainer, die der einstige Vizekönig von Lombardo-Veneto selbst höchst demütig verfaßte. Ein paar Schritte weiter darf ich vor den Reliquien des seligen Heinrich von Bozen beten, der als armer Taglöhner im Geruch der Heiligkeit verstarb. Vizekönig und Taglöhner – der eine bittet um’s Gebet, der andere ist zur Ehre der Altäre erhoben – dies ist die Wirklichkeit der katholischen Welt!


Ein kleines Wunder schenkt mir nun der liebe Gott: Ich hatte vor, in Bozen zu beichten. Ich dachte in einer großen Stadt mit Bischofskirche sollte dies kein Problem darstellen. Schon gestern mußte ich bei meiner Recherche freilich feststellen, daß im Dom nur von 17:00 bis 18:00 Beichtgegenheit ist, und da bin ich bereits fort. Ich probiere es im Kloster Muri-Gries und bei den Franziskanern – vergeblich. Die Pforten sind fest verschlossen. So sage ich dem lieben Gott, wenn es Ihm gefällt, möge er mir einen Geistlichen über den Weg schicken. Kaum habe ich mich vom Gebet beim Seligen Heinrich erhoben, sehe ich im Kirchenschiff einen beleibten Schwarzafrikaner mit mächtigem Brustkreuz. Ich frage ihn, ob er wohl Bischof sei und ich bei ihm beichten könnte; und so nimmt mir der Diözesanbischof von Mafinga in Tansanien die heilige Beichte ab. Wer nicht an Wunder glaubt versteht die Welt nicht!

Am frühen Nachmittag ziehe ich endlich los über die Weinberge zu meinem Freund in Kaltern. In Fragant gedenke ich des Südtiroler Freiheitskämpfers Sepp Kerschbaumer. 1957 hat er am Kirchturm die Tiroler Fahne aufgezogen und kam dafür für 10 Tage ins Zuchthaus. Im Gasthof "Schenk" plante er mit Kameraden die “Tiroler Feuernacht” vom 11. auf den 12. Juni 1961. Die Italienische Republik hat ihn dafür in Verona zu Tode gebracht.


Im Nieselregen geht’s durch Girlan und vorbei an St. Michael, bis ich vergnügt bei meinem Freund Jürgen Wirth Aderlan in Kaltern eintreffe. Ein Freiheitskämpfer auch er, ist er der Stachel im Fleisch der satten Südtiroler Politik. Hoch hält er unsere gemeinsame österreichische Geschichte und darüberhinaus die christlichen Werte des Abendlandes. So quält er als Einzelkämpfer im Südtiroler Landtag besonders die SVP, die Südtiroler Verräter Partei, und konnte bei den letzten Landtagswahlen immerhin 6% der Wähler um sich scharen. Seine Videos und Wortspenden sind legendär. Er gewinnt, weil er eben nicht zur politischen Kaste gehört und spricht wie ihm der Schnabel gewachsen ist. “Scher' mi nix!”

Beim Wirt “Zum Goldenen Stern” hebt dann die Wiedersehensfeier an. Die Glasln Vernatsch und die Schnapsln hat keiner gezählt. Richtig gefährlich aber wurde es, als Karl, der Wirt und einer von uns, nun den Amarone aus dem Keller holt.

So kam mein Tagesbericht wohl etwas spät. Den Saufpilger gibt’s eben auch!

29.04.2026
Tag 11 | 28. April; Klausen – Waidbruck – Bozen; 32,4 km

Ich blicke hinauf zum Kloster Säben und ein schlechtes Gewissen plagt mich, daß ich diesen einst so wichtigen spirituellen Ort auf meiner Wallfahrt auslasse. Doch ich will heute Bozen erreichen und da geht sich dieser Bergausflug nicht aus. Später erfahre ich, daß der einsame Zisterzienser am Felsen niemand anderer ist als Pater Cosmas, den ich aus Heiligenkreuz gut kenne und der sich über meinen Besuch gewiß gefreut hätte. Oft hat er mir in Gaaden, als er dort noch Stiftspfarrer war, am Pilgerweg nach Mariazell Quartier gegeben, ein überaus gelehrter und liebenswürdiger Geistlicher, den ich sehr gerne wiedergesehen hätte.

Doch es nutzt nichts, der Pilger ist immer eilig und jene, die glauben, das Pilgern sei ein meditatives Schlendern durch die Landschaft, haben es nie ausprobiert! So ziehe ich meine Straße durch die liebliche Altstadt von Klausen vorbei an stattlichen Bürgerhäusern. Daß der Ort in der Liste der „luoghi più belli d‘Italia“ verzeichnet ist, erscheint mir skurril, denn absolut nichts ist da italienisch bis auf ein paar Aufschriften.

Die Pfarrkirche St. Andreas zeigt ein schönes gotisches Netzrippengewölbe, das sich für die Barockisierung trefflich geeignet hätte, denn man kann das gut für die Armierung des Stucks verwenden – ich weiß, daß mich einige meiner Kunsthistorikerfreunde nun für diese Bemerkung hassen!

Nun erwartet den Pilger ein leichter Weg, denn er führt auf einem Radweg auf der ehemaligen Bahntrasse der Monarchie schnurstracks nach Bozen.

Vorbei geht es an allerlei Dörfern meist auf der anderen Eisackseite. Hoch über mir thront die Trostburg. Oswald von Wolkenstein ist hier aufgewachsen, der uns in seiner ebenso trunkfrohen wie kriegerischen Dichtung ein lebendiges Bild seines Mittelalters überlieferte. Bis 1967 war die Burg im Besitz der Grafen Wolkenstein-Trostburg, dann konnten sie sich die Erhaltung des mächtigen Gemäuers nicht mehr leisten. Sehr verdienstvoll übernahm der Südtiroler Burgenverein die Feste und richtete dort ein Museum ein. Einen schönen Rittersaal soll es zu besichtigen geben, allein, so nah, bleibt die Burg doch unerreichbar für den eiligen Pilger.

Der entkommt gerade noch dem Regen und erreicht Bozen gegen sieben Uhr abends. Daß der Einzug in die größte Stadt Tirols nicht mit optischen Freuden garniert ist, war zu erwarten. Dabei erkenne ich am Hang die schöne Kirche St. Martin in Kampill. Bedeutende gotische Fresken der Bozener Schule gäbe es dort zu bewundern. Aber jenseits von Eisack, Eisenbahn und Autobahn ist die Kirche auch für automobilisierte Reisende fast unerreichbar und wird kaum besucht.

Der erste Eindruck Bozens ist ein gemischter. Neben faschistischen und neueren Klotzbauten liegt die Altstadt, gleichsam aus der Zeit gefallen. Der Duce leistete hier Beachtliches im „Großen Austausch“ und karrte Süditaliener in Massen in die Alpenstadt, sodaß der deutsche Bevölkerungsanteil heute gerade mal 20% ausmacht. Die aber scheinen zu dominieren. Im Brauhaus Forst verspeise ich sehr anständig eine Stelze und schließe mit einem Apfelstrudel, alles nicht sehr italienisch. Pasta findet sich nicht auf der Speisekarte und der Wein kommt von den umliegenden Hängen.

Das Hotel "La Briosa" schien mir wegen seiner Lage am Eingang der Altstadt günstig. Bloß habe ich nicht damit gerechnet, daß das Haus sich mit allerlei modischen technischen Sperenzchen profilieren will. Um die Lichtschalter zu bedienen, braucht es wohl eine kompetente Einführung und die Dusche zwingt zu einiger Forschung, die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Der Schalter für die elektrischen Jalousien läßt sich nicht finden und so schlafe ich in einem geschlossenen Grab. Ich hoffe auf die Auferstehung morgen!

28.04.2026
Tag10 | 27.April 2026; Brixen – Klausen; 17,2km

Ein halber Ruhetag – die Schönheit Brixens erheischt es! Hier gibt es große Kunst zu bewundern, allen voran Paul Trogers Meisterwerk „Die Anbetung des Lammes“, das gewaltige Deckenfresko des Domes und dort auch sein Gemälde des Martyriums des heiligen Kassian. Dem gegenüber schuf der Trienter Bildhauer Francesco Oradini den Rosenkranzaltar. Oradini werde ich in Trient wiederfinden in sein Reliefs des Märtyrerkindes San Simonino.

Der Domkreuzgang zeigt in seinen Fresken capo lavori der Spätgotik. Die besten stammen von Leonhard von Brixen. Die Weihnachtsszene hatte es den Domherren besonders angetan, sie finde ich öfters, daneben recht wahllos allerlei aus dem Alten und Neuen Testament. Lustig ist da ein Elefant mit aufgesetztem Kriegsturm und gut kann man die Ritterrüstungen des 14. Jhdts. studieren. Ein jugendlicher Prophet Daniel kommt mir so bekannt vor! Er erinnert mich an das Selbstporträt des Thomas von Villach aus St. Paul, aber das kann nicht sein. Vielleicht sahen damals alle noch so unschuldig heiter aus?

Im Kreuzgang in der Johanneskapelle wurde einmal große Politik gemacht. Bei der Synode von Brixen 1080 wurde Papst Gregor VII., von seinen Gegnern auch „Mönch Höllenbrand“ genannt, abgesetzt und statt seiner Witbert von Ravenna als Clemens III. auf den Stuhl Petri erhoben. Wer nun der gültige Papst war, blieb fraglich. In den Annalen der Kirche wird Witbert als Gegenpapst geführt. Aber so sicher konnte man sich nie sein. Der heilige Vinzenz Ferrer setzte im großen Schisma auf den falschen avignonesischen Papst und ein Gegenpapst des 2. Jhdts., Hippolyt von Rom, schaffte es in den Heiligenkalender.
1048 errang gar der Brixener Bischof Poppo die Papstwürde und behielt dabei auch sein Bistum Brixen. Er konnte sich bloß nicht lange an beidem erfreuen. Nach 24 Tagen wurde er vergiftet. Non praevalebunt! – ein Blick in die Kirchengeschichte tröstet!


Am Nachmittag breche ich endlich auf und nehme Abschied vom köstlichen Hotel "Elephant". Dort entdecke ich als Pilgergruß ein Portrait des heiligen Erzpilgers Jean Benoît Labre, von mir stets hochverehrt und an jedem Pilgertag angerufen. In Rom wede ich seine Reliquien besuchen. Gewiß ist dem Hotel ganz unbekannt, welcher armselige Mann da dargestellt ist, mir aber ist das Bild ein eigentümlicher Gruß über die Zeiten hinweg, denn der heilige Jean Benoît Labre ist da sicher durchgekommen. Im Hotel "Elephant" zu festen konnte er sich freilich nicht leisten, aber er war ja ein Heiliger!

Der Sünderpilger nimmt nun den Weg auf der Staatsstraße, eingeklemmt zwischen Eisenbahn, Autobahn und Felsenwand. Der Verkehr wird so unerträglich, daß ich bald 200 Höhenmeter aufsteige und nun lieblich durch Obstplantagen und Weingärten wandere. Herrliche Fernblicke tun sich auf und ich erkenne den mehr als 3000 Meter hohen Sass Rigais.

Das Tal unter mir ist nicht schön. Zugepackt von Verkehrswegen und Industrie bleibt kein Platz für Arkadien. Da sticht auch mein Zielort Klausen nicht lieblich hervor. Auch das war früher besser. Albrecht Dürer verweilte hier auf seiner italienischen Reise und fertigte eine Vedoute an, die er später für seinen Kupferstich „Nemesis“ verwendete.

Im „Bischofshof“ steige ich recht passend ab. Das einstige Haubenlokal fiel dem allgemeinen Personalmangel in der Gastronomie zum Opfer, doch die edle Wirtin hat ein Herz für Pilger und richtet mir eine schmackhafte Eierspeis. Im Abendlicht sehe ich hoch oben am heiligen Berg, was vom einstigen Kloster und Bischofssitz Säben noch übrig ist. Die Segnungen des Konzils haben auch diese geistliche Gemeinschaft ausradiert. Im November 2021 zogen die letzten drei Nonnen ab.

Immerhin nimmt sich nun hier ein allein lebender Zisterzienser des Wienerwaldklosters Heiligenkreuz der Gläubigen an, und ich will dafür beten, daß Heiligenkreuz das Kloster bald ganz besiedelt. Non praevalebunt!
27.04.2026
Tag 9 | 26. April 2026; Sterzing – Stilfes – Sachsenklemme – Franzensfestung – Brixen; 37,7km
Sterzing kenne ich gut, bedeutend sind die Reste des Multscher Altares in der ehemaligen Deutschordenskommende, doch heute ist Sonntag und ich habe es eilig, die Heilige Messe zu erreichen – um 17:00 in Brixen, und das ist noch weit!
Durch die Altstadt führt der Weg an den stattlichen Bürgerhäusern mit ihren schönen Erkern vorbei. Während in manchen Gegenden des Vaterlandes einst Steuern auf Fensterflächen eingehoben wurden, mußte man in Tirol für die Hausbreite zahlen. So halfen sich die findigen Bürger, indem sie sehr lange, aber zur Straßenfront schmale Häuser errichteten, die sie dort mit durch hohe Fenster belichteten Erkern erweiterten. Not macht erfinderisch und manchmal kommt Anmutiges dabei heraus! Sterzing war immer Durchzugsstadt für die Pilger und einmal gab es hier drei Hospize. Das Stadtwappen ziert seit 1280 meinen Kollegen mit Rosenkranz und Kutte, es könnte sich aber auch um den „Sterzl“ handeln, den legendären Eremitengründer der Siedlung.


Der Radweg führt zunächst an der Autobahn entlang und steigt dann hinauf nach Stilfes, ein netter Ort, in der Kirche ein farbenfrohes Fresko von Christian Brandstätter, bereits vom Klasizismus angekränkelt.


In Sachsenklemme böte ein herrschaftlicher Ansitz Möglichkeit zur Rast, doch die käme mir jetzt zu früh. Da war mir freilich nicht bewußt, daß ich nun bis Brixen nichts Brauchbares mehr finden werde. 1809 haben sächsische Regimenter hier 500 Tiroler Freiheitskämpfer aufgerieben. Allein deswegen will ich mich da nicht zu lange aufhalten!

Damit so etwas nicht mehr passiert, ließ Kaiser Franz 1833 bis '38 unter enormen Aufwand hier nach neuester preußischer Fortifikationskunst einen unüberwindlichen Sperriegel errichten, die Franzensfeste. Erzherzog Johann war der Protektor des Projektes, das die gewaltige Summe von 2,6 Millionen Gulden verschlang. Tatsächlich wurde die Festung nie bezwungen. Sie wurde ignoriert!

Die Landschaft ist von ungezählten Kreuzen geheiligt und da tauchen dann die ersten Exoten auf, die hier noch mehr als Fremdkörper wirken als in den großen identitätsbefreiten Städten. Ansonsten ist alles Tirol, und nie käme mir in den Sinn, daß ich mich in Italien befände. Man spricht den vertrauten Dialekt und gerade mal die italienischen Aufschriften fallen auf.

Die hat man andernorts oft auf Englisch für die Touristen, und tatsächlich kommen hier die meisten Touristen aus Italien. Die lächerlichen Übersetzungen der Ortsnamen durch Senatoren Tolomei nimmt sowieso niemand ernst!
Ich schaffe es bis 17:00 nach Brixen. Die „Herrgottsgarage“ der Piusbruderschaft muß man freilich erst finden! Mag sein, daß die Konzilsmesse gültig ist, aber ich ertrage das banale Gequatsche und die masonische Händeschüttelei einfach nicht. Wenn also der liebe Gott dem Fußpilger eine Heilige Messe im ewigen Römischen Ritus erreichbar an einem Sonntag auf den Weg stellt, verlangt das eine gewisse Anstrengung. Ich weiß nicht, wie viele Kirchen hier im Umland ungebraucht als bloße architektonische Zeugnisse einer anderen Zeit herumstehen, den Priestern der Tradition gönnt das Ordinariat jedenfalls keine. So haben die Piusbrüder abseits des Zentrums von Brixen einen profanen Raum zur Kapelle umgestaltet, soweit das halt geht. Pater Mura, den ich aus Lienz gut kenne, celebriert sehr würdig und angesichts des Heiligen Meßopfers verschwindet die Häßlichkeit des Raumes – zumindest für einen Augenblick!


Endlich Rast und Trunk nun. Ich logiere im „Elephant“ dem traditonsreichsten Gasthof Brixens. Soliman der Elefant gab dem Haus den Namen. Er war ein durchaus großes Geschenk der portugiesischen Kronprinzessin Johanna, Tochter Karl V., an ihren Vetter, den späteren Kaiser Maximilian ll. in Wien. Was soll man Leuten, die schon alles haben, sonst schenken?

Das Rüsseltier wurde bis Genua verschifft und dann über die Alpen nach Innsbruck getrieben. Nun ging’s wieder weiter per Schiff über Inn und Donau bis in die Reichshaupt- und Residenzstadt. In Brixen haben der Elefant und seine Entourage im besten – und größten – Gasthof Station gemacht. Das machte Eindruck und eine gewaltiges Fresko an der Außenfassade des historischen Gebäudes kündet noch heute davon!

Man muß so aufpassen, nicht auf „fake news“ reinzufallen! Vor einem Jahr erzählte ich auf meinem damaligen Pilgerweg vom ebendiesem Elefanten und seinem Quartier im heutigen Gasthof Riegler. Dort ist man nämlich überaus stolz 1552, Quartiergeber des tierischen Geschenks gewesen zu sein. Alles erstunken und erlogen! Der Elefant war niemals in Bruck an der Mur. Sie haben ihn sich herbeigeträumt und gar so oft davon erzählt, bis sie es selber glaubten; und bis heute auch ich!


26.04.2026
Tag 8 | 25. April 2026; Stafflach – Gries– Brenner – Gossensaß – Sterzing; 24 km

Die letzte Höhe vor dem Paßübergang gilt es zu überwinden und da führt mich der Weg durch Gries. Das schlichte Kirchlein schmückt ein Deckenfresko von Josef Arnold aus 1827, und da war aller Jubel des Ancien Régime längst vorbei. In seiner trockenen, akademischen Malerei zitiert er im Deckengemälde der Darbringung Christi irgendwie Raffaels „Schule von Athen“ und erreicht doch nicht mehr als die Illustratoren von Schulbüchern der alten Zeit. Die Luft ist raus!


Viel hatte Gries ja nie zu bieten, und das wenige haben sie demoliert. Seit 1455 war der Gasthof „Weißes Rössel“ dokumentiert, doch gewiß war er weit älter. In gotischen Gemäuern gab es da Fresken aus dem 18.Jahrhundert, eine Stube eingerichtet von Prachensky 1927, Arbeiten von Paul Flora aus den 50er-Jahren und Lüftelmalerei an der Fassade. Das alles ficht einen Immobilienspekulanten nicht an. Der Elektriker und Lokalpolitiker – der kann sich‘s richten – Andreas Vogelsberger erwarb das Anwesen 2009. Schon im Jahr darauf konnte er sich über den ersten Großbrand freuen. „Warmabtragen“ nennen sie das in der Fachsprache. Der reichte aber noch nicht und so brauchte es einen Kabelbrand 2023 – es soll ja wie ein Unfall aussehen – um alles endgültig zu ruinieren und den Denkmalschutz auszuhebeln. Denn bei „technischer Abbruchreife“ stünde auch Schloß Schönbrunn nicht mehr lang! Wo einst die historische Herberge die Straße dominierte, klafft jetzt ein Loch hinter einem Bauzaun. Bestimmt knallt der Herr Gemeinderat bald ein Appartmenthaus hinein. Wie Cäsar jene Piraten, die ihn als jungen Mann entführten, behandelte, so sollte man diese Räuber unseres Kulturgutes traktieren: Flüssiges Gold in die gierige Kehle!

Am Ortsausgang von Gries erinnert eine Tafel am „Plattenfelsen“ an die Begegnung Kaiser Karls V. hier am 3. Mai 1530 mit seinem Bruder Ferdinand. Der Kaiser kam von seiner Krönung in Bologna und wurde vom Bruder als dem Landesfürsten von Tirol empfangen. 13 Jahre zuvor, auch im Mai, hatten sie einander in Spanien erstmals gesehen, denn Karl war in den Niederlanden aufgewachsen, während sein Bruder, für die spanische Krone vorgesehen, bei seinem Großvater Ferdinand von Aragon lebte. Karl fand soviel Gefallen an Spanien, daß er es für sich behielt, dem Bruder aber den windigen Norden gönnte. So war das Verhältnis wohl immer gespannt. Zu Villach anno 1555 haben sie einander zum letzten Mal gesehen. Der gealterte Kaiser konnte der Realpolitik seines Bruders mit den Protestanten nichts mehr entgegensetzen – außer seiner Verachtung und Abdankung.

Bald ist die Paßhöhe von 1370m erreicht, im Puff auf Nordtiroler Seite ist nicht mehr viel los, dafür reiht sich drüben Trattoria an Pizzaria. Das ist da ja noch nicht Italien, doch kann ich einer Pasta al Asparagi und einem wirklichen Kaffee nicht widerstehen. Die Kellnerin stammt aus Bergamo. „Sempre Austria!“ proste ich ihr zu. Sie sieht das nicht ganz so und einiges an Aufklärungsarbeit wäre jetzt notwendig, doch der Pilger ist immer eilig.

Die trotzige Tafel genau hinter dem „Grenzübergang“, die schneidig die gefürstete Grafschaft Tirol annonciert, macht mein Herz lachen und auch unterwegs finde ich immer wieder Bekenntnisinschriften.

Gemütlich geht es am Radweg bergab und ich blicke von fern auf jenen Hang, wo ich im Trottelcoronajahr, wo alles verboten war, über die grüne Grenze ging. Ja, sperrt mich dafür ein, dann aber auch all die anderen, die das Tag für Tag tun. Doch dafür reichten alle Gemeindebauwohnungen Wiens nicht!

Gossensaß ist auch so ein Ort, den kein Schnellfahrer auf der Brennerautobahn je besuchen wird, und doch lohnte sich der Umweg. Noch einmal trumpft Matthäus Günther mit einem leuchtenden Deckenfresko auf. Unser Herr Jesus Christus treibt die Händler mit der Peitsche aus dem Tempel – und plötzlich muß ich wieder an den Gemeinderat Andreas Vogelsberger denken!



Abseits der Hauptstraße folge ich dem Radweg beschwingt bis Sterzing, wo ich im tadellosen "Gasthof zur Traube" absteige.Der Name sei mir Programm!


25.04.2026
Tag 7 | 24. April 2026; Innsbruck – Vill – Patsch – St. Peter – Mühlbachl/Matrei – Steinach – Stafflach; 33,2km
Ein Tag voll Schönheit und barocker Pracht erwartet mich! Zur Morgenandacht gehe ich in den Dom, eigentlich ja die Stadtpfarrkirche St. Jakob, denn der wahre Bischofssitz des einigen Tirol war stets Brixen. Dort bete ich vor dem Mariahilfbild, der bedeutendsten Mariendarstellung im gesamten Alpenbereich, von der Hand eines Protestanten mit verschlungener Geschichte.

Als der spätere Tiroler Landesfürst Leopold V. noch Bischof von Passau war, erbat er sich gelegentlich eines Besuches beim sächsischen Kurfürsten in Dresden jenes anrührende Madonnenbild des Lukas Cranach, das auf die griechische Ikonographie der Eleousa zurückgeht, wo liebevoll Mutter und Kind ihre Wangen aneinander drücken. Ganz anders als die bislang hoheitsvolle Darstellung des Gottessohnes auf dem Mutterschoß gleich einem Thron, spricht diese Szene die liebenden Herzen der Gläubigen an und hilft so, sich ins Innenverhältnis der Hohen Frau zu Ihrem Gottessohn zu versenken.
Als Bischof Leopold nun die Karriereleiter hinaufkletterte und als V. seines Namens Landesfürst von Tirol wurde, nahm er das Bildnis nach Innsbruck mit, in Passau wurde nun seine erste Kopie verehrt.
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Die besuchte Kaiser Leopold tagtäglich, da er sehr widerstrebend wärend der 2. Türkenbelagerung endlich nach Passau evakuiert worden war. Wehmütig schrieb er in einem Brief nach Wien, er wäre lieber bei seinen Wienern geblieben, beugte sich dann dem dringenden Rat seiner Generäle und kämpfte nun auf den Knien Tag für Tag vor dem Gnadenbild für die Befreiung der Kaiserstadt. Für seine Rückkehr gelobte er die Errichtung einer Kirche mit einer dritte Kopie des Gnadenbildes just in der verwüsteten Gegend des ehemaligen türkischen Hauptquartiers. Die gab den Namen des heutigen Wiener Gemeindebezirks Mariahilf, und nicht weit von der Kirche laden Kebabbuden zu orientalischem Schmaus. Das hätt' der Kaiser sich nicht gedacht!
Mein Weg führt über die Grassmayerkreuzung nach Wilten, dem antiken Veldidena. Die Verlehrsfläche hat irgendeinen anderen Namen, den niemand kennt, denn alle sagen eben Grassmayerkreuzung, weil dort die Glockengießerei, der älteste Familienbetrieb Österreichs, dokumentiert seit 1599, seinen Sitz hat. Meine gestrige Gastgeberin ist eine geborene Grassmayer und mit ihrem Bruder bin ich auch befreundet. Für die Minoritenkirche in Wien haben sie dank reicher Spenden der Gläubigen das wunderbare Glockenspiel geschaffen, und die Grassmayer legen Wert darauf, keine Gießer sondern Instrumentenbauer zu sein!

In der Basilika Wilten gibt es das nächste Gnadenbild zu verehren, „die Madonna unter den Säulen“. Fast schäme ich mich, daß mein Blick von ihr immer zur Decke schweift – zu großartig sind die Fresken des Matthäus Günther, ein jubelnder Lobpreis des Himmels im lichtdurchfluteten Rokoko. Viel Licht erstrahlte zu jener Zeit, auch dunkles, das die Angelsachsen „enlightenment“ nennen.


Ich passiere die Sill, gehe über die Westautobahn und unterschreite die Brennerautobahn, jetzt bin ich auf der Via Romea, der alten Römerstraße, die fast ohne Verkehr den Brenner hinaufführt. Zügig steigt der Weg auf 1000 Höhenmeter an, dann geht es lange auf und ab über die Dörfer, die hier vom Ungeist modischer Bauideen noch weitgehend unberührt blieben.

Gleich in Vill begegnen mir die Grassmayer wieder. Die dortige Glocke aus 1750 hat Wolfgang Bartlmä gegossen. Franz Xaver Kirchebner schuf die köstlichen Deckenfresken, ein Kleinmeister aus Axams, der immerhin bei von Maytens auf der Wiener Akademie studierte hat.

In Patsch hat Anton Zoller mit seinem Pinsel den Himmel geöffnet, und mich beeindruckt, welchen Aufwand diese kleinen Bergdörfer für ihre Kirchen trieben. Vielleicht war es das Anliegen der Dorfgemeinschaft, die oft in Not und Elend, engen Kammern und dunklen Räumen lebte, wenigstens für ein paar Stunden am Sonntag einen Blick in den Himmel zu öffnen.



Bei Matrei wechsle ich auf die Bundesstraße. Ich will die Fresken der Pfarrkirche sehnen, die im Vorort Mühlbachl steht. Den kaiserlichen Hofmaler Adam von Mölck hat man hier hergeschickt, um Kaiser Karl VI. als Türkensieger zu feiern. Gleich Kaiser Konstantin zeigt er die Devise: „In hoc signo vinces!“ Warum an so abgelegener Stelle dies bestellt wurde, muß ich noch erforschen!


Die Stadt Matrei kann dem lieben Gott und der Asfinag für die Autobahn danken, denn einmal rauschte da durch die Hauptstraße der ganze Verkehr nach Süden durch. Trotzdem hat sich ein hübsches Stadtbild erhalten und alte Herbergen reihen sich aneinander. Die hatten wohl Einbußen zu erleiden und danken nicht.

In Steinach sieht man nichts besonderes, nicht einmal herausragende Scheußlichkeit. Warum am Ortsausgang in einem Haus im ersten Stock ein Chinalokal vergeblich auf Gäste wartet, ist wohl ebenso ein Mysterium, wie die Lokalisierung jenes Kaiserfresko in Matrei.

In Stafflach nehme ich Quartier im Penzhof, dem schönen alten Haus der Familie Ebner, die ebensoschöne Kühe züchtet, die schon reichlich prämiert wurden. Einmal unterhielten sie hier auch ein Gasthaus, doch die diversen Auflagen der Behörden verursachten solchen Kosten, daß sich das finanziell nicht mehr lohnt. Voilà – das ist Österreich!

Frau Ebner aber sorgt reizend für mich und richtet ein paar Würstel und ein Pilgerbier. Von der Schönheit des heutigen Tages bin ich ohnedies noch angesoffen!

24.04.2026
Tag 6 | 23. April 2026; Jenbach – Absam – Innsbruck; 39km

Kalt ist der Morgen in Tirol! Los geht’s bei 4°, doch strahlender Sonnenschein verspricht einen glücklichen Pilgertag!
Schleunigst lasse ich Jenbach – unseligen Angedenkens – hinter mir und marschiere auf angenehmem Radweg oberhalb der Verkehrslawine des Inntals flußaufwärts. Das Rauschen der Autobahn wird freilich mich den ganzen Tag begleiten. Bald taucht Schloß Tratzberg am Hang auf. Im Habsburgersaal gibt es den monumentalen Stammbaum unseres angestammten Herrscherhauses mit den bedeutendsten Darstellungen der frühen Habsburger zu bestaunen, doch für solche Extratouren ist heute keine Zeit. Innsbruck ist weit und der Pilger immer eilig!

Der darf dann kilometerlang am Solarpark Stans dahintrotten. Wo einst Tiroler Kühe weideten, decken nun schwarze Paneele die Wiese ab, unter denen ein paar Schafe verwirrt Grasbüschel auszupfen – doch nein, verwirrt ob dieser absurden Umgebung sind sie gar nicht. Schafe nehmen alles hin, wir kennen das!


Die Silhouette der einstigen Silberstadt Schwaz am andern Innufer ist von Glas- und Betonfronten verstellt. Auf meiner Seite wandere ich durch Gottes herrliche Landschaft, die die gefallen Menschheit nach Kräften verschandelt. Es wird viel gebaut in Tirol, sehr zum Schaden seines Erbes!


Natürlich braucht es Wohnraum in diesem prosperierenden Land, der Jammer ist nur, daß auswechselbare Schablonen einer gesichtslosen Moderne globalistisch jeder Gegend ihre Eigentümlichkeit rauben. Zeigte mir jemand ein Bild der Altstadt von Rattenberg und ich wäre noch nie da gewesen, wüßte ich, daß das eine Inn-Salzach-Stadt ist, die nicht in Niederösterreich oder in Kärnten liegen kann. Was ich da oben auf die grünen Matten hingeklotzt sehe, kann in Niedersachsen, der Picardie, Texas oder Dubai stehen; nein nicht in Dubai, dort wär das weniger provinziell!


Ich habe die nördliche Innseite für meinen Weg gewählt, weil ich nach Absam möchte. Jakobus Steiner stammte von dort, der bedeutendste Geigenbauer des 17. Jhdts., dessen Violinen zu seiner Zeit als Soloinstrumente mehr geschätzt wurden als die seines heute weit berühmteren Zeitgenossen Stradivari. Aber nicht ihm gilt meine Wallfahrt heute, sondern dem Gnadenbild, das in der zur Basilika erhobenen Pfarrkirche St. Michael verehrt wird.

Am 17. Jänner 1797 erschien plötzlich an der Fensterscheibe eines Bauernhauses das Bild Unserer Lieben Frau. Der Bauer und sein Sohn waren zur Holzarbeit im Walde und zunächst befürchtete die Hausfrau ein Unglück. Allein, vielleicht wollte die Himmelskönigin Ihren Tirolern in jener schlimmen Revolutionszeit nur Trost spenden. Die Kirche prüfte das Bild, fand keine natürliche Erklärung dafür und anerkannte das Wunder. Die kirchenfeindlichen Besatzer Tirols versuchten mit allen möglichen Säuren das Bild auszulöschen – vergeblich! In die Pfarrkirche wurde es übertragen und ein würdiger Seitenaltar wurde ihm als Thron errichtet. Oft hab ich das Bildnis schon besucht und irgendwie erinnert mich das Portrait an jene „Advocata“, die am Monte Mario in Rom verehrt wird und die wohl wirklich der heilige Lukas gemalt hatte. Einbildung?

Nun geht’s ins Finale hinunter zur B171, über den Inn und weiter auf der Reichenauer Straße durch ein Innsbruck, das mir unbekannt war, und das war gut so. Endlich habe ich die Kisten zur Arbeiterintensivhaltung hinter mir und erreiche die wundervolle Altstadt. Beim Goldenen Dachl schließt der Pilgertag.

Jetzt wird gefestet bei „meiner Tiroler Familie“! Seit mehr als 30 Jahren sind wir befreundet und oftmals durfte bei ihnen glückliche Stunden verbringen. Heute komme ich zu Fuß und der Tisch biegt sich für den Pilger. Die unvergleichliche Lasagne der Dame des Hauses und der Chianti geben einen Vorgeschmack auf Italien.

Ein Vollbad – das erste seit Wien, denn Badewannen kommen ab in Hotels – schließt luxuriös den Tag und glücklich sinke in in mein vertrautes Bett. Vergelt‘s Gott, liebe Freunde!

23.04.2026
Tag 5 | 22. April 2026; Wörgl – Kundl – Rattenberg – Wiesing – Jenbach; 29,9km
Noch hält mich der Dunstkreis Wörgls mit seiner Industrie gefangen, dann führt mich ein Radweg weg von den Blechlawinen auf lieblicher Strecke über die Dörfer. In Kundl lädt die anmutige Barockkirche zum Gebet und nicht weit, in „St. Leonhard auf der Wiesn“ erwartet mich gar ein caput lavori der Tiroler Gotik.

Der Legende nach war einst der heilige Kaiser Heinrich da vorbeigekommen und gelobte für eine im Inn aufgefundene Figur des heiligen Leonhard ein würdiges Gotteshaus zu errichten. Der galt damals noch als einer der Schutzpatrone der Bergleute, und so fehlte dann auch nicht das Geld für einen meisterlichen Neubau im 15. Jh. In der Heilstumslaube im Kirchhof wurden dem gläubigen Volk Reliquien zur Verehrung dargereicht.

Dieses gläubige Volk hinterließ allüberall Wegkreuze und Gedenksteine, die heute uns erinnern, was einst der Lebensodem dieser Landschaft war.

Auf Rattenberg freue ich mich schon seit meinem heutigen Aufbruch und halte dort dann für den Pilger ungewohnt üppigen Mittagstisch. Den hausgemachten Blut- und Leberwürsten im Brauhof konnte ich einfach nicht widerstehen!


Rattenberg, die kleinste Stadt Tirols, war vor den Gebietserwebungen Kaiser Maximilians bayerischer Grenzort und durch Zolleinnahmen reich geworden. Kirchlich gehört es noch zum Herrschaftsbereich des Fürsterzbischofs von Salzburg und der schickte auch den Mondseer Meister Meinrad Guggenbichler, den prächtigen Annenaltar in der Pfarrkirche zu errichten. Der zweischiffige gotische Bau – Rattenberg war auch Bergmannsstadt – ließ sich tadellos barockisieren und die Deckenfresken von Simon Benedikt Faistenberger und Matthäus Günther gehören zum Schönsten, das das Unterinntal zu zeigen hat.



Heute lebt das Städtchen hauptsächlich vom Tourismus und ein von ein paar Glasbläsereien, die in der Fußgängerzone ihre kitschigen Produkte feilbieten – hélàs, Murano ist noch weit!

An einer Fassade erinnert eine Gedenktafel, daß den Laden dieses Hauses einst Erzherzog Thronfolger Franz Ferdinand besuchte. Heute verkauft man da Gefrorenes, damals wird‘s wohl ein Waffengeschäft gewesen sein!
Ich überquere den Inn und unterschreite Autobahn und Eisenbahn, dann munter über die Wiesen nach Wiesing, ein kleines Dorf mit einer prunkvollen Kirche – man erkennt, wofür einzig sich Investitionen lohnen: für die Ewigkeit.

Genug geschwelgt, grausam tritt mich der Pfad in die Gegenwart. Jenbach reicht in seiner Scheußlichkeit fast an Wörgl heran. Die Fugger begründeten hier die Industrie, dann war sie in jüdischen Händen und heute gehört sie einem Unternehmen mit Sitz in Abu Dhabi. Man spürt die Entwurzelung. Der Ort hat keine erkennbare Struktur, die gotische Kirche steht irgendwo am Rand. Im überteuerten Jenbacher Hof funktioniert die Dusche nicht, dafür bietet das Hotel auch keine Möglichkeit, zu Abend zu essen. Es gibt zwei Gaststätten im Ort, die man erst finden muß. Ich kann mich entscheiden ob ich Italienisch, wahrscheinlich bei Albanern, oder heimisch bei Türken essen möchte. Ich entscheide mich für letzteres und kann nicht klagen. Die Küche bei „Seppi“ – der Türke wählte diesen Namen um sich stärker zu inkulturieren – ist so ausgezeichnet, daß es mir nicht einmal den Magen umdreht, da ich meine Mahlzeit neben dem geräuschvollen Spesendinner der regionalen Ortsgruppe der Neos einnehmen muß. Alles in allem bin ich aber „not amused“, da hilft auch der Chianti nicht.

Da ich an den gesichtslosen Fassaden der Betonkisten Jenbachs vorbei in mein Quartier zurückkehre, kommt mir jenes Manifest in den Sinn, das 1984 Günther Nenning und Jörg Mauthe veröffentlichten:
„Das schöne Land Österreich wird immer häßlicher.
Wir stellen traurig fest, daß das Schöne in keinem
Parteiprogramm auch nur erwähnt wird.
Das Schöne wie das Gute sind aber die beiden fundamentalen Maßstäbe allen menschlichen Tuns und Denkens.
Machthaber sind ja oft unerquicklich, aber die früheren haben wenigstens Schönheit hinterlassen. Die heutigen zerstören sie.
Die tägliche Vernichtung von Schönheit muß aufhören.“

G’nutzt hat‘s nix !
22.04.2026
Tag 4 | 21. April 2026; St. Johann in Tirol – Going – Ellmau – Söll – Wörgl; 34,2km

Ein Gruß der Schönheit verabschiedet mich aus St. Johann. Noch einmal erfreue ich mich an Wolfram Köberls Lüftlmalerei am Gasthof Post. Just hier habe ich diesen letzten österreichischen Barockmaler vor gewiß 30 Jahren zum ersten Mal entdeckt. Es war mir aufgefallen, daß diese Fassadenmalerei hier anders war als die der Volkskunst zuzuordnende bäuerlich-naive Lüftlmalerei, wie man sie sonst noch im Tirolischen und teilweise in Salzburg findet. Da war der Anspruch großer Kunst in der Nachfolge von Maulpertsch, Rottmayer und Troger! – und er hat signiert: „Wolfram Köberl pinxit“! Später konnte ich ihn dann persönlich kennenlernen und durfte auch seinen Ölentwurf zum Annenaltar des Doms zu Innsbruck erwerben. Nach dem 2. Weltkrieg, als in der Kirche noch Geschmack und geistige Gesundheit vorherrschten, hatte er als junger Mann all die zerstörten Deckenfresken der Gotteshäuser wieder zu restaurieren und teilweise neu zu malen. Dabei kopierte er keineswegs die großen Meister der Vergangenheit, sondern entwickelte einen eigenen luftigen, heiteren Stil, so unverwechselbar, daß ich ihn immer gleich erkenne und mein Herz lacht. Die Räubersynode von Trastevere bedeutete dann für Köberl einen gewissen Karriereknick, denn die Pracht der ecclesia triumphans war nun nicht mehr angesagt. Jetzt hatte man das hier und heute in all seiner häßlichen Niedrigkeit zu umarmen und da braucht es kein „Köberlsches Barock“!

Jetzt herrschen kalte Geometrie und alte Sachlichkeit und die werden meinen heutigen Weg begleiten. Besonders um St. Johann reiht sich Bausünde an Bausünde. Fünfmal wiedergekauter Bauhausstil aus jeder Proportion gefallen und monoton repetitiert scheint das einzige zu sein, dass moderne Architekten noch herauswürgen können. Aber nein, Architekten gibt es nicht mehr, bloß zertifizierte Anwender der Bauordnung! Erstaunlich auch, das diese schamlos ihre Hervorbringungen in ihren Werkmappen vorlegen – nein, die Hölle ist nicht leer!

Zunächst gibt es kein Entkommen der dicht befahrenen Bundesstraße 178, ab Going führt dann ein Radweg mit einigen Umwegen recht angenehm über die Dörfer, dafür sei dem Tourismus und auch den Grünen gedankt!

Kalt ist es mit 7° , doch manchmal wärmt ein Sonnenstrahl die Glieder geradeso wie gelegentlich ein schöner alter Hof das Herz. Fernab der Hauptstraße und der Hotelkomplexe hat sich manch Schönes erhalten und läßt mich ahnen, wie auch hier Tirol einmal ausgesehen haben muß!


Dabei wünscht sich das Volk auch heute etwas, das es für “das Schöne“ hält. Was freilich dabei im Zwergerlgarten herauskommt, überzeugt nicht wirklich.

Abends erreiche ich Wörgl, laut meiner Innsbrucker Freunde der häßlichste Ort Tirols. Sie haben nicht übertrieben! Was den Besucher hier erwartet, scheint dem Fiebertraum eines zum Leben erwachten Reißbretts entsprungen zu sein. Absolut nichts Anmutiges ist geblieben. In dystopischer Umgebung bleibt das Kriegerdenkmal für die Gefallenen der Schlacht von Wörgl im Franzosenkrieg ein Fremdkörper einer anderen Epoche. Womöglich ist das einzige, das Wörgl noch heilen kann ein Flächenbombardement!


Absolut nichts Anmutiges ist geblieben. In dystopischer Umgebung bleibt das Kriegerdenkmal für die Gefallenen der Schlacht von Wörgl im Franzosenkrieg ein Fremdkörper einer anderen Epoche. Womöglich ist das einzige, das Wörgl noch heilen kann ein Flächenbombardement!

Sei‘s drum – Bier hilft und schließt den Pilgertag. Morgen, so glaube ich fest, wird alles besser!
21.04.2026
Tag 3 | 20. April 2026 - Hirschbichl – Lofer – Waidring – St. Johann in Tirol; 39,1km

20. April – Geburtstag! Mein kostbarstes Geschenk erhalte ich gleich am frühen Morgen: Don Siegfried ist um 6:00 in Berchtesgaden aufgebrochen, um mir um 7:00 in der winzigen Kapelle am Hirschbichl die Heilige Messe zu lesen. Wie könnte ich schöner mein neues Lebensjahr beginnen. Daß drüben am Gasthof tibetische Gebetsfahnen flattern, ist der Trottelhaftigkeit des Zeigeistes geschuldet – derselbe wird sie irgendwann verwehen, das Kapellchen wird bleiben!


Munter nun noch rund 100 Höhenmeter hinauf, auf 1279m biegt bei der Eiblkreuzung der Weg ins Tal ab. Schnee liegt noch da oben und es ist kalt, aber immerhin dürfte ich heute vom Regen verschont bleiben.

Im Tal erreiche ich bald die Tiroler Grenze. Die Erinnerung an die Franzosenkriege ist noch allgegenwärtig. „Für den Kaiser“ grüßt ein Monument gleich am Grenzstein. Dort wird auch der Opfer der Schlacht am Hirschbichl gedacht, von wo ich gerade heruntergestiegen bin. Oft werden mir am Weg Memorials aus jener Heldenzeit der wackeren Tiroler begegnen.

Die freilich ist schon lange her, und hier, im Bereich der Kitzbüheler Alpen, die ich durchwandere, regiert die Geldzeit. Anders als in meinem geliebten Osttirol wird hier für Luxusbettenburgen rücksichtslos Altes weggerissen. In Waidring drehe ich mich einmal am Absatz und sehe ein verfallendes altes Bauernhaus mit lieblicher Lüftelmalerei und gleich daneben aufgetürmte Betonkisten; und diese Bauverbrechen begleiten den Partisan der Schönheit heute den ganzen Tag.




Bleibt noch ein freies Wiesenstück in Ortsnähe, richtet der Immobilienspekulant gleich seine Drohbotschaft auf in Form eines Plakates, das anzeigt, welche Gräßlichkeit hier geplant ist.

So geht‘s dahin bis St. Johann. Dort freilich zeigt die prächtige Pfarrkirche, was man dereinst mit Geld in dieser Landschaft vermochte! Davor erinnert eine Statue an den Heldenpfarrer Mathias Wieshofer, der als ein Vorläufer des heiligen Maximilian Kolbe sich den französischen Occupanten als Opfer für die Bewahrung seines Ortes vor Brandschatzung auslieferte. Den Gouverneur Marschall Levebre beeindruckte dies so, daß er ihm das Leben schenkte und St. Johann verschonte.

Im Gasthof zur Post, dessen Fassade mit der meisterlichen Lüftelmalerei des großen Wolfram Köberl grüßt, feiere ich dann mit meinem Freund Don Siegfried.

Ein hier wohnhafter spanischer Tischler will dem Pilger gar Geld für seinen weiteren Weg zustecken. Das braucht‘s nicht, aber gerne lassen wir uns auf ein paar Schnäpse einladen, die wir fröhlich auf den Caudillio heben. Mehr solche Spanier braucht das Land!

20.04.2026
Tag 2 | 19. April 2026 Berchtesgaden – Ramsau – Hirschbichl; 23,6 km

Gut-Hirt-Sonntag und die Heilige Messe gleich im Hause; der Pilger ist gut versorgt. In einem Radius von München bis Niederösterreich und Südtirol reisen die Gläubigen an, um hier dem Heiligen Messopfer beizuwohnen und in Don Siegfrieds flammender Predigt den entscheidenden Impuls für die Woche zu erfahren, Christi Lehre mutig in die Welt hinauszutragen.

Die Welt da draußen meint es heute nicht gut mit dem Pilger. Wolkenverhangenen zeigt sich der Obersalzberg, sodaß man das Kehlsteinhaus kaum ausmachen kann, das vielleicht extravaganteste Geburtstagsgeschenk des vergangenen Jahrhunderts. Dazu nieselt es leicht bei 8°.

So nimmt es nicht wunder, daß die Gravitation der Ortschaft mich noch einige Zeit festhält. Don Siegfried, nach alter Sitte nun in der Tracht der Landschaft, lädt mich zum Frühschoppen.

Bier gibt’s für den Pilger eigentlich erst am Abend, aber weil Sonntag in Bayern ist und die Hofbrauerei einen Steinwurf entfernt, soll heute eine Ausnahme gelten. Dazu gibt’s Weißwurst mit Brezen, die gerade noch knapp vorm Zwölfeläuten serviert wird – später geht's nicht, früher, weil die Wurst dann schon verdorben gewesen wäre, heute weil's so der Brauch ist. Dazu spielt die Blasmusik und der Regen trommelt auf das Vordach.

Endlich reiße ich mich los und besuche noch die Franziskanerkirche, ein mächtiger zweischiffiger Bau, typisch für Bergmannsorte, wollten doch die sozial höhergestellten Salinenarbeiter nicht mit den Bauern im selben Schiff sitzen. Mag sein, daß im Himmel alle gleich sind, aber da unten muß Ordnung herrschen!
In der Gnadenkapelle grüße ich noch die Madonna im Ährenkleid, dann bin ich endlich am Weg. 13:00 ist es schon geworden!

Die Ramsauer Ache geht es nun im Nieselregen entlang. Ein kleiner Umweg ist dem Pilger geboten hinauf zur Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt, errichtet zum Dank an die Himmelskönigin für den Abzug der rund 1100 Protestanten, die sich in der Fürstpropstei eingenistet hatten.

Das Deckenfresko zeigt die Gottesmutter, wie sie mit Blitzen die Häretiker verjagt. Gelegentlich der Restaurierung jüngst verbogen sich die Offiziellen peinlich berührt ob der Ikonographie, dabei tat einst der Fürstpropst nichts anderes, als den Augsburger Religionsfrieden von 1555 durchzusetzen. „Cuius regio – eius religio“ … und damals jedenfalls war ein Kirchenfürst noch katholisch!

Den frommen Abstecher lohnt der Himmel mit einem kurzen Sonnenfenster, dem einzigen des Tages. Die Ortsbezeichnung „Ramsau“ findet sich überall im Alpenraum und bedeutet wohl „ Rabenau“, eine feuchte weite Lichtung an einem Wasserlauf. Ramsau in Berchtesgaden rühmt sich, die einzige Schnitzwerkstadt in seiner Gemeinde zu wissen, die noch das „Arschpfeiffenrössl“ herstellt, Holzspielzeug, wie es in in keinem Kinderzimmer fehlen sollte!

Nun wird es einsam und nach und nach immer steiler. Ich marschiere durch den Nationalpark Berchtesgaden auf den Hirschbichl, einst der wichtigste Verbindungspaß hinüber nach Tirol. Der Regen wird stärker und erschöpft, und völlig durchnäßt erreiche ich knapp vor 20:00 den Alpengasthof Hirschbichl, unmittelbar hinter dem österreichischen Schlagbaum.

Hoch zu preisen ist die Familie Hohenwarther, die, obwohl auf Urlaub, dem Pilger ein Zimmer aufgetan und eine Jause gerichtet hat. Beim Getränkeautomaten vor der Tür entziffere ich im Halbdunkel das verheißungsvolle Wort „Gösser“! Ich erhalte allerdings ein neumodisches süßes Mischgetränk. Sei's drum – in der Not trinkt der Pilger auch Radler.

Der letzte Trosthase von Ostern wird geschlachtet!
19.04.2026
Tag 1 | Salzburg – Grödig – Marktschellenberg – Berchtesgaden 28,1 km
Die frohe Abschiedsfeier im Ferdinandihof am Vorabend fordert ihren Tribut: Dreieinhalb Stunden Schlaf sind doch für die erste Etappe ein bißchen wenig, doch was soll‘s – der Pilgerweg ruft. Im Morgengrauen per Eisenbahn nach Salzburg, dann geht’s los!
Noch zu Lebzeiten des Heiligen Franz 1221 tauchten hier erstmals drei Franziskaner von ihrer ersten deutschen Niederlassung in Augsburg kommend auf. Jordan von Giano, der uns dies in seiner Chronik überlieferte, wurde gemeinsam mit Abraham von Ungarn und einem Constantin sehr wohlwollend von Fürsterzbischof Eberhard II. empfangen, geworden ist aus diesem ersten Besuch freilich nichts. Sprachprobleme und Dispute über kirchenrechtliche Fragen verhinderten zunächst eine dauerhafte Niederlassung. Die erfolgte erst 1583 als wichtiger Bastion der Gegenreformation. Nun erhielten die Franziskaner gar die Stadtpfarrkirche “Unserer lieben Frau“, direkt mit der Residenz verbunden. Sie ist seit je meine Lieblingskirche in Salzburg. Fischer von Erlach setzte genial die bezaubernde Madonna von Michael Pacher mit seinem barocken Hochaltar und schuf so ein zu Gesamtkunstwerk, das Zeugnis gibt, wie wahre Meisterschaft sich über die Epochen ideal verbinden läßt.

Hier beginnt mein offizieller Weg zum Heiligen Franz. Durch die Altstadt des Deutschen Rom, Sitz des Primas Germaniae, führt er über die Holzmeisterstiege gleich neben dem Festspielhaus hinauf auf den Mönchsberg und weiter entlang dem Almkanal nach Süden.


1137 bis 1143 ließ der Fürsterzbischof einen Wasserstollen durch den Mönchsberg schlagen und so Wasser aus dem Berchtesgadischen zur Versorgung seiner Stadt herleiten. Heute kann man entlang des Kanals idyllisch die Stadt verlassen und marschiert ohne jede Verkehrsbelästigung gen Berchtesgaden vorbei an Wildgänsen und rund 450 Korbweiden, die es in dieser Dichte nirgendwo sonst mehr im Vaterland gibt.


Sanft führt der Weg am Wasser stetig bergauf, bis man kurz vor Marktschellenberg die ehemalige Fürstpropstei betritt.
Einst war dieses kleine reichsunmittelbare Terretorium eine Versorgungsanstalt für zweit- und drittgeborene Söhne des Hochadels, die zu zwölft gemeinsam mit dem Fürstpropst ihren Herrschaftsbereich und darüber hinaus Weingüter bis ins Niederösterreichische mit ruhiger Hand regierten. 200 Gulden Jahressalair blieben jedem Kanoniker, gar nicht so wenig! Joseph Conrad von Schroffenberg war ihr letzter souveräner Fürst. Unter seinem Portrait werde ich heute Nacht ruhen.
Dem Reichsdeputationshauptbeschiß (pardon: …hauptschluß) fiel das geistliche Fürstentum zum Opfer, kurz war es österreichisch, bis Bayern es sich einverleibte. Die Propstei wurde zum „Königlichen Schloß“ und noch heute verbringt dort der hochbetagte bayerische Thronprätendent mit seinem Spielgefährten den Sommer.

Der Pilger findet Quartier bei seinem Freund Don Siegfried Lochner, dem „Volkspriester“, als welcher er im Millieu bekannt ist. Rechtzeitig treffe ich zur Abendmesse in seinem traditonstreuen Messzentrum ein, das er in der einstigen Kapelle des Hospitals am Doktorberg neu einrichtete. So wirkt dort heute wieder ein Doktor – freilich für die Seelen!
18.04.2026
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde unseres Hauses !
Gelegentlich des kommenden Konzertes nehme ich von Ihnen für ein paar Wochen Abschied, da ich mich auf meinen alljährlichen Pilgerweg begebe.
Der Heilge Franz, dessen Name durch Papa Bergoglio in ein so ungünstiges Licht gerückt wurde, hat es wahrlich verdient, in seinem heurigen Gedenkjahr von allen gläubigen Katholiken als richtunsweisender Heiliger für uns aller Leben in rechter Weise verehrt zu werden.
Er war der erste der gesamten Kirchengeschichte, der durch die Stigmata, die Wundmale Christi ausgezeichnet wurde und heuer feiern wir das 800 Jahr Jubiläum seines Eingangs in die Ewigkeit.
So wird mich diesmal mein Pilgerweg von der ältestesten Franziskanergründung Österreichs in Salzburg über Innsbruck, Trient und Vicenza zunächst zum Heiligen Antonius nach Padua führen und dann weiter über Ferrara und Florenz auf den La Verna und zu seinen Reliquien nach Assisi. Entlang seiner frühesten Klostergründungen in Umbrien geht der Weg in die Heilige Stadt, nach Rom. Ich werde also auf einem völlig anderen Pfad als letztes Jahr in die Stadt am Tiber gelangen, den bekanntlich führen ja alle Wege nach Rom!
Wollten Sie mich auf dieser Pilgerschaft im Zwischennetz begleiten, darf ich Ihnen hier die diesbezügliche Strompostadresse anzeigen https://bachheimer.com/der-partisan-der-schoenheit-auf-pilgerreise-2026 ,wo Sie zeitversetzt um einen Tag meine jeweilige Etappe in Bild und Text miterleben können. Meinen Freund Thomas Bachheimer danke ich von Herzen, daß er diese Dokumentation wieder möglich machen wird. Ebenso spreche ich schon jetzt hoffend der Gelehrten Frau Dr. Caroline Sommerfeld meinen Dank für ihr unermüdliches tägliches Lektorat aus, denn mitunter ist der Pilger von der Mattigkeit des langen Marsches und der Fröhlichkeit des heiteren Trunkes in seiner Aufmerksamkeit beeinträchtigt.
Gemeinsam wollen wir dann bei den Junikonzerten einen großen Sommer begrüßen.
In der Freude, auf unsere virtuelle Begegnung grüßt herzlich,
Ronald F. Schwarzer
Impresario, Waldgänger & Partisan der Schönheit